Der neue BondM wie Mama

In "Skyfall", dem neuen Bond-Film, wird der legendäre Agent endgültig ein anderer. von 

James Bond mag die Girls so oft wechseln wie die Smokinghemden – im Grunde aber lebt der Geheimagent Ihrer Majestät seit 17 Jahren monogam. M heißt seine Herzdame seit 1995, als Judi Dench in Goldeneye erstmals die britische Geheimdienstchefin spielte. Seither ist sie mit ihrer unnachahmlich unaufgeräumten Kurzhaarfrisur immer mehr ins Zentrum der Filme gerückt; ständig liegt sie ihrer Doppelnull buchstäblich in den Ohren und versucht sie über drahtlose Telefonverbindungen im Zaum zu halten. »Ist das Ihre Mutter?«, wird Bond einmal in Ein Quantum Trost gefragt. »Das wäre sie gern«, antwortet er pikiert und kappt wie so oft die Verbindung. Aber sie hält ihrem immer mal wieder verloren gehenden Sohn die Treue, und er kommt nach der Arbeit jedes Mal brav nach Hause.

Im neuen, nunmehr siebten gemeinsamen Abenteuer bildet die ödipale Beziehung das dunkle Herz des ganzen Films. Immer, wenn Bond oder seine Kollegen »M« oder »Ma’m« sagen, klingt es wie »Mom«. Die Wendung nach innen, ins Psychologische, ist der entscheidende von vielen guten Kniffen dieses Jubiläums-Bonds. Vor einem halben Jahrhundert begann die Reihe mit Dr. No, und es hätte nahegelegen, zum Geburtstag ein Spektakel zu veranstalten: noch mehr Girls, noch mehr teure Autos, noch bösere Bösewichter.

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Aber die Produzenten haben wohl geahnt, dass diese Schlacht weder ökonomisch noch ideell zu gewinnen ist, und verpflichteten als Regisseur Sam Mendes, den Oscar-prämierten Beziehungskistenspezialisten (American Beauty, Zeiten des Aufruhrs) . Er darf die ganz großen Fragen stellen: Woher kommt Bond eigentlich? Wohin geht er? Und warum macht er das alles?

Aber keine Sorge, liebe Bond-Fans, Mendes kann auch Action! Allerdings bürstet er sie wie all die anderen Bond-Versatzstücke auch elegant gegen den Strich. Der Raserei der Vorgänger, bei der Altmeister Bond versuchte, mit dem jugendlichen Herausforderer Bourne Schritt zu halten, setzt er radikale Tempowechsel entgegen. Die legendäre Anfangssequenz, die normalerweise mit einem Raketenangriff beginnt und sich dann langsam steigert, entwickelt sich diesmal vorsichtig tastend. Und was traditionell Bonds Unverwundbarkeit belegen soll, gipfelt hier im Gegenteil, dem Skyfall des Titels, dem Himmelssturz des Helden.

Zwar hat Daniel Craig als 007 nie die smarte Benutzeroberfläche seiner Vorgänger gehabt. Sein Bond ist verwundbar, außen wie innen. Aber so zerknautscht hat man sein Daffy-Duck-Leidensgesicht noch nie gesehen. Was die Hiebe seiner Gegner noch übrig ließen, hat er mit Tabletten und Alkohol endgültig ruiniert. Die Martinis im Grandhotel sind abgelöst vom Whiskeykomasaufen in irgendwelchen Spelunken. Schon Klimmzüge überfordern den Mann mit der Lizenz zum Töten; mit der Pistole trifft er aus zehn Metern nicht mal mehr einen Pappkameraden. Immer wieder mustert er im Spiegel aus stahlblauen Augen seinen verschlissenen Körper, die vernarbten Schusswunden und mühsam wieder eingerenkten Gelenke, den Achteinhalbtagebart, der seine Züge vor dem endgültigen Entgleiten bewahrt. Bond wird fünfzig – und sieht älter aus als je zuvor. Bis er wieder halbwegs in Form kommt, ist beinahe der gesamte MI6 von einem Schurken enttarnt; die einzig halbwegs sichere Zuflucht für Mama M ist Churchills Weltkriegsbunker unter den Straßen Londons.

Mit der Flucht in den Untergrund beginnt der Abstieg in die düsteren Seelenwinkel der großen Mutter. Auch hier lässt Mendes sich Zeit; mehr als die Hälfte des Films ist schon rum, ehe Javier Bardem seinen grandiosen Auftritt als aus Mamas Gnade gefallener Geheimdienstengel namens Silva hat. Fies blondiert, scheint er zunächst nichts als eine Parodie all der naziartigen Bösewichter vergangener Bond-Jahrzehnte zu sein.

1960er Jahre

James Bond – 007 jagt Dr. No (1962)
Liebesgrüße aus Moskau (1963)
Goldfinger (1967)
Feuerball (1965)
Casino Royale (Persiflage, 1967)
Man lebt nur zweimal (1967)
Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969)

1970er Jahre

Diamantenfieber (1971)
Leben und sterben lassen (1973)
Der Mann mit dem goldenen Colt (1974)
Der Spion, der mich liebte (1977)
Moonraker – Streng geheim (1979)


 

1980er Jahre

In tödlicher Mission (1981)
Octopussy (1983)
Sag niemals nie (1983)
Im Angesicht des Todes (1985)
Der Hauch des Todes (1987)
Lizenz zum Töten (1989)

1990er Jahre bis heute

Goldeneye (1995)
Der Morgen stirbt nie (1997)
Die Welt ist nicht genug (1999)
Stirb an einem anderen Tag (2002)
Casino Royale (2006)
Ein Quantum Trost (2008)
Skyfall (2012)

Doch Silva ist kein Weltmachtfantast oder Ökoterrorist, sondern die dämonische Ausgeburt der Geheimdienstwelt selbst, aus der er einst verstoßen wurde. Bonds Jubiläum steht im Zeichen der Selbstaufklärung jenes Schattenreichs, in dem 007 fünfzig Jahre lang quasi bewusstlos herumstreunte. Deshalb muss ihn Skyfall zurückführen an den Ort, an dem alles begann, das düstere Haus seiner Kindheit (und das Grab seiner Eltern). Derweil erscheint sein dunkler Bruder im Geiste als Wiedergänger des Menschenfressers Hannibal Lecter: Wie dieser hockt er gefangen in einem gläsernen Käfig und hält doch alle Macht in den Händen – die inneren Dämonen sind klar zu erkennen und doch nicht kontrollierbar.

Leserkommentare
    • Acaloth
    • 29. Oktober 2012 16:41 Uhr
    17. .....

    Ich will das auch zurück!

    Never change a running system.

    Antwort auf "Give me back my Bond"
  1. Mir gehen diese ganzen Nörglerkommentare um den neuen James Bond furchtbar auf die Nerven. Jeder kann sich ja gerne den Bond der früheren Tage zurückwünschen, doch das würde durchaus mal wieder bestätigen, was die vielen selbsternannten Kulturkritiker/Elite/Anspruchsvolle gern kritisieren: Den Mainstream. Ja, ein Film so bitte schön nichts weiter sein als eine Unterhaltung für einen Abend, dann schön wieder vergessen. Immer rational vorausberechnet dasselbe, wir bekommen was wir erwarten, usw. usf.
    Mit Verlaub, aber so etwas fände ich unglaublich langweilig. Auch vor James Bond sollten Experimente nicht Halt machen.

    Ganz praktisch: Warum kann man den Craig-Bond nicht genauso als eine weitere Interpretation des Charakters sehen wie die aller anderen Charaktere? Wir hatten Connery: Die Mischung aus smart & hart. Lazenby mit seinem durchaus feinen Gastspiel. Moore als der witzige, schelmische Bond, den ich übrigens auch sehr mag. Dalton hingegen ging schon in die Richtung, die wir mit Craig haben. Und dann Brosnan, der smart, aber auch ironisch war.
    Jede dieser Interpretationen gefiel mir gut, und so auch von Craig, selbst wenn dieser Bond einem Jason Bourne näher ist. Ich werde mich bestimmt auch wieder auf die Interpretation des nächsten Darstellers freuen. Also immer her damit! Mut zu Neuem!

    Antwort auf "Give me back my Bond"
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    • Infamia
    • 29. Oktober 2012 17:04 Uhr

    "Mir gehen diese ganzen Nörglerkommentare um den neuen James Bond furchtbar auf die Nerven. Jeder kann sich ja gerne den Bond der früheren Tage zurückwünschen, doch das würde durchaus mal wieder bestätigen, was die vielen selbsternannten Kulturkritiker/Elite/Anspruchsvolle gern kritisieren: Den Mainstream."

    Sie sprechen mir sowas von aus der Seele. Ich wette jeden Betrag, meine tote Großmutter, mein linkes Ei und den rechten Arm gleich dazu, würde der frühere Bond immer noch auf der Leinwand auftauchen, die gleichen Nasen, die früher alles besser fanden, würden sagen, ob denen nichts Neues mehr einfällt. Ich finde Craig ehrlich gesagt den erste Bond-Darsteller, wegen dem sogar ich mir einen Bond ansehen würde. Alleine schon des Satzes wegen, ob er so aussehe, als ob ihm ein geschüttelter oder gerührter Martini wichtig wäre. Spätestens da hatte er meine Sympathie, weil es genau in die Richtung dieser Nörgelfraktion ging, die früher eh alles besser fanden. Aber wahrscheinlich hat die Nörgelfraktion diese Art der Selbstironie gar nicht verstanden.

    • Suryo
    • 30. Oktober 2012 11:24 Uhr

    Warum MUSS es denn überhaupt Experimente geben?
    Weiterentwicklung und Anpassung an die Gegebenheiten (Kalter Krieg vorbei usw) gerne, aber - was Bond ausmacht, das ist eben absolut typisch. Nur Bond kann, was Bond kann.

    Zweifelnde, psychologisierte Agenten mit weiblicher Hauptrolle an der Seite gibt es genug, da kann ich die Bourne-Filme, "Mission Impossible", meinetwegen auch so etwas wie "Hannah" anschauen.
    Anders gesagt: Bond kann man zu Bourne machen, aber Bourne nicht zu Bond.

    Natürlich funktionieren die letzten Endes total versauten, aber ihrerzeit eben nicht jedermann sofort entschlüsselbaren Scherze à la "Pussy Galore" 2012 nicht mehr. Natürlich sind letztlich rassistische Stereotypen aus der Mode. Aber die echte Herausforderung wäre eben, die absolut eimzigartigen Bond-Elemente in die heutige Zeit zu transferieren, nicht, aus Bond nur einen weiteren, politisch korrekten Actionhelden mit tiefen persönlichen Konflikten zu machen.

    • FZ
    • 29. Oktober 2012 16:56 Uhr
    19. *grins*

    "Beispiel: Justified. Geniale Serie, wuerde in deutscher Fassung aber niemals funktionieren, da sie in Kentucky spielt und der dortige Dialekt ziemlich einmalig ist. Da wuerden 90% verloren gehen."

    Erinnert mich jetzt irgendwie an "The Vicar of Dibley" aus England. Anarcho-Wortwitz vom Feinsten - aber unübersetzbar...

    Antwort auf "hoppla sry!"
    • Infamia
    • 29. Oktober 2012 17:04 Uhr

    "Mir gehen diese ganzen Nörglerkommentare um den neuen James Bond furchtbar auf die Nerven. Jeder kann sich ja gerne den Bond der früheren Tage zurückwünschen, doch das würde durchaus mal wieder bestätigen, was die vielen selbsternannten Kulturkritiker/Elite/Anspruchsvolle gern kritisieren: Den Mainstream."

    Sie sprechen mir sowas von aus der Seele. Ich wette jeden Betrag, meine tote Großmutter, mein linkes Ei und den rechten Arm gleich dazu, würde der frühere Bond immer noch auf der Leinwand auftauchen, die gleichen Nasen, die früher alles besser fanden, würden sagen, ob denen nichts Neues mehr einfällt. Ich finde Craig ehrlich gesagt den erste Bond-Darsteller, wegen dem sogar ich mir einen Bond ansehen würde. Alleine schon des Satzes wegen, ob er so aussehe, als ob ihm ein geschüttelter oder gerührter Martini wichtig wäre. Spätestens da hatte er meine Sympathie, weil es genau in die Richtung dieser Nörgelfraktion ging, die früher eh alles besser fanden. Aber wahrscheinlich hat die Nörgelfraktion diese Art der Selbstironie gar nicht verstanden.

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    shaken not stirred.
    Aber das wäre ja das kleinste problem.
    Das Schlimme ist, dann man die Zutaten für den "Vesper" kaum kriegt.

  2. .
    "... ist schon seit Casino Royal ein anderer ..."

    Na zum Glück!

    Der andere, heutige Bond ist nunmal wesentlich heldenhafter, eben weil er angreifbar ist, weil er offensichtlich Grips auch noch hat, anstatt lediglich ein paar geöltere Wummen und zwei Dumbo-Gimmiks in der Timex-Uhr.

    Auch der Umgang mit den Girls hat sich seit den unsäglich dämlichen, platten und hölzernen Nummern mit einer Honey Ryder oder Pussy Galore von Film zu Film stetig verbessert.

    Wem der frauenfeindliche Subtext abgeht, für den hält Hollywood doch nach wie vor eine ganze Reihe flächlicher, nicht entwicklungsfähiger Haudraufse bereit.

    Craig jedenfalls und die neueren Bücher sind für die Bondfigur ein Lichtblick.

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    • Dr. No
    • 29. Oktober 2012 17:38 Uhr

    "... anstatt lediglich ein paar geöltere Wummen..."
    Da fällt mir die Szene ein wie Daniel Craig eine ganze Botschaft beinahe dem Erdboden gleich macht.

    • Dr. No
    • 29. Oktober 2012 17:38 Uhr

    "... anstatt lediglich ein paar geöltere Wummen..."
    Da fällt mir die Szene ein wie Daniel Craig eine ganze Botschaft beinahe dem Erdboden gleich macht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .
    ... es ist ja nicht so, dass die geöltere Wumme keinen Spass machen darf (oder die Gimmicks wie dieser Sprühdosen-Rucksach-Flugapparat von Connery aus den sechzigern, by the way), es kommt halt drauf an welche Sorte Bondfigur abdrückt ...

    • H.v.T.
    • 29. Oktober 2012 17:39 Uhr

    Danke für diese Vorschau, wir wollten eh in den Film, nun unbedingt.

    • scg
    • 29. Oktober 2012 17:40 Uhr

    und war in einer folge sogar verlobt, die frau ist dann aber bei einem anschlag gestorben...ich glaube es war "im geheimdienst ihrer majestät", dem einzigen mit george lazenby

    Antwort auf "alte Hexe"
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    in OHMSS hat er am Schluss geheiratet.

    Dame Diana Rigg war sehr gut!

    Im Intro von "FOR YOUR EYS ONLY" besucht er das Grab seiner toten Frau.

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