Kunst und Kitsch : Achtung, sehr süß!
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Kitsch bleibt epigonal, ganz egal, wie sehr er glänzt

Deshalb wird Jeff Koons in Museen gezeigt und ein James Rizzi oder Thomas Kinkade nicht. Deshalb wird auch der Versuch der Kunsthalle in Bremen, Hundertwasser zu rehabilitieren, nicht aufgehen, denn es interessieren sich kaum potente Sammler für dessen Œuvre.

Wer also meint, hinter der Begeisterung für den Kitsch verberge sich eine Annäherung von High und Low, eine überfällige Öffnung für populäre Phänomene, für andere Kunstempfindungen, als sie von der alten Avantgarde vorgesehen waren, der sieht sich getäuscht. In Wahrheit handelt es sich um einen Fall von Scheinliberalität. Das Kunstsystem bleibt in weiten Teilen elitär und erratisch. Und ist der Kitsch-Art nicht zuletzt deshalb dankbar, weil sie so wunderbar entlastend wirkt.

Sie verkörpert die herzige, naive, süßliche und nostalgische Seite der Kunstwelt, mit der Folge, dass alle anderen Werke, die nicht so vordergründig schimmern wie die Koons-Herzen oder so extraplüschig ausschauen wie die Bilder von Pierre et Gilles, sich vom Kitschverdacht freigesprochen fühlen dürfen. Gerade in der Kunstszene wird ja nicht gerne geurteilt und bewertet, die Kritik ist nicht sonderlich gut angesehen, jede Form der Normativität gilt als verdächtig. Und da ist es praktisch, wenn man sich allein durch den Akt der Abgrenzung von Koons & Co schon auf der sicheren Seite wähnen darf.

Dabei ist der Kitsch viel verbreiteter, als allgemein angenommen, nur dass er eben nicht immer leicht zu identifizieren ist. Es ist ein Kitsch, der die Persönlichkeit der Kunst spaltet: Sie ist dann nur noch das schöne Gefühl oder nur noch der kluge Gedanke. Wenn alles einfach und unmittelbar sein soll, unberührter Genuss, dann wird es rasch schwülstig. Wenn sich alle Fragen erübrigen, wenn die Kunst aufgeht in Wirkung und Bedeutungsprahlerei, dann kann es mit der Qualität nicht weit her sein. Am Ende ist es eine Frage der Dosierung: Wann kippt die Kunst ins Mechanische, wann bedient sie nur die Gefühle und spart sich jene Ambivalenz, die gute Kunst ausmacht?

Viele Werke der Gegenwart begnügen sich damit, eindrücklich sein zu wollen, jede Nachfrage perlt an ihnen ab. Das gilt für die opulenten Schwarz-Weiß-Dramen der Shirin Neshat, die allein das Exotische beschwören. Es gilt für den doktrinären Politkitsch vieler Biennale-Künstler. Es gilt aber auch für die Mutter-Kind-Idyllen eines Gerhard Richter und erst recht für viele seiner monumentalen Farbschlieren. Eines dieser Bilder hat gerade einen Auktionsrekord erzielt, 26,4 Millionen Euro, und scheint damit über jeden Kitschverdacht erhaben. Doch weil diese wohlige Art der Abstraktion auf nichts mehr zielt, weil sie niemanden mehr erregt, weil ein solches Bild noch nicht mal sich selbst noch etwas beweisen muss, erstarrt diese Kunst in der eigenen Opulenz. Es ist die Salonmalerei des 21. Jahrhunderts: gewaltige Gesten, ansonsten hohl.

Damit aber die Kunst nicht nur Gefühlssache ist, sondern auch begriffen und durchdrungen werden kann, muss ein Kunstwerk beides können: Affekte ermöglichen und sich vor beliebiger Affektproduktion hüten. Das Impulsive, rein Assoziative, muss einholbar bleiben von der Reflexion. Nur kitschige Kunst ist selbstgenügsam, in ihr wohnt kein Zweifel. Und damit erweist sie sich auf perfide Art als selbstzerstörerisch.

Vor allem jene Kunst, die dezidiert im Kitschgewand daherkommt, Werke von Koons oder Murakami, funktionieren ja nur, solange sie als Pendant begriffen werden können, solange es also so etwas wie »wahre« Kunst weiterhin gibt. Sie nähren sich von deren Glaubwürdigkeit und Ansehen, obwohl sie diese Glaubwürdigkeit und das Ansehen negieren. Damit macht es sich die Kitsch-Art leicht. Sie stellt nicht mehr die Frage, wozu es Kunst eigentlich gibt, wofür also Museen, Kunsthochschulen, Künstlerstipendien, Kunstmessen, ja, Kunstunterricht überhaupt gut sein könnten. Sie weist alle Ansprüche zurück – und überlässt es anderen Kunstwerken, sie, die Kitsch-Art, mit der nötigen Bedeutungsaura zu versorgen. Ohne diese Hilfe wäre sie keine Kunst, sie wäre nur Kitsch. Sie lebt von dem, was sie verachtet.

Dass ausgerechnet diese Art von Kunst als Avantgarde gelten soll? Dass sie geschätzt, geliebt, gesammelt wird? Heute ist Kitsch kein Kampfbegriff mehr, mit dem sich ein Künstler wie noch im 19. Jahrhundert abgrenzen müsste, um die eigene Unsicherheit zu kaschieren. Heute versöhnt man sich mit dem Kitsch, um die eigene Unsicherheit zu kaschieren. Dabei gibt es dafür keinen Grund. Der Kitsch bleibt epigonal, ganz egal, wie sehr er glänzt und wie viele Millionen Dollar dafür gezahlt werden. Die Kunst kann kämpfen, suchen, hinterfragen, scheitern. Was aber kann der Kitsch? Er kann sich nur selbst gefallen.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

... durchschaut! Endlich ...

Was da passiert ist?
Die Leute haben den Unsinn der "modernen Kunst" endlich durchschaut. Es ist so einfach in einen Luftballon zu pieken: die Freude über das Platzen ist riesengroß.
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"Ich bin jetzt so weit, dass ich es laut sage: Moderne Kunst ist Blödsinn." (Johannes Grützke, bereits an seinem 70. Geburtstag am 29 Sept 2007)
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"...dass es Menschen gibt, die noch ahnen, was Kunst ist. Eines Tages werden sie den Schwindel durchschauen." (1999 in einer Zeitung)
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"Ich mache Kunst!" ... "Und wer macht sie wieder weg?"

Was ist "Kitsch"?

Wenn etwa der Expressionist Bernard Buffet für Kitsch stehen soll, dann fragt sich doch, was Klassifikationsschemata wert sind, die solchem zugrunde liegen. Bevor ernsthaft über "Kitsch" geredet wird, brauchen wir erst mal eine saubere und nachvollziehbare Definition des Begriffs. Die sehe ich hier jedoch nicht. Nur Vorurteile, Geschmäcklerisches und taxonomische Verirrungen vor dem Hintergrund von ideologisch gepolsterten Idiosynkrasien. Nach den Kriterien, die hier herumflattern, wäre mindestens die Hälfte der klassischen Moderne – und nicht nur Klimt – Kitsch.Überzeugt mich nicht.