Kunst und KitschAchtung, sehr süß!

Lange war Kitsch ein Schmähwort. Heute erobert kitschige Kunst von Hundertwasser, Jeff Koons oder Gerhard Richter die Museen. Was ist da passiert? von 

Besucher der Kunsthalle Bremen betrachten Werke in der Sonderausstellung "Friedensreich Hundertwasser: Gegen den Strich. Werke 1949 bis 1970".

Besucher der Kunsthalle Bremen betrachten Werke in der Sonderausstellung "Friedensreich Hundertwasser: Gegen den Strich. Werke 1949 bis 1970".  |  © Ingo Wagner/dpa

Es ist nicht allzu lange her, da galt der Kitsch als »das Böse im Wertsystem der Kunst«. Und der Kitschkünstler war »ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, ein Schwein«. So sah es der Schriftsteller Hermann Broch vor gerade mal 80 Jahren, und so sahen es auch viele andere. »Kitsch ist Erfahrung aus zweiter Hand, vorgetäuschte Empfindung«, schrieb der Kunstkritiker Clement Greenberg. Kitsch ist unwahr, Kitsch verblödet, Kitsch bestätigt den Menschen nur, er bietet ihm nichts, was er nicht schon kennt – davon war man überzeugt, über Jahrzehnte.

Heute aber scheint sich niemand mehr zu empören, und das Entsetzen ist verflogen. Heute darf die Kunst ruhig dumm und süß und sentimental sein, keiner mag dem Kitsch mehr böse sein. Plötzlich wird die lange geächtete Salonmalerei des 19. Jahrhunderts wieder aus den Depots geholt, die Museen feiern den Seelenschwulst von Fernand Khnopff, Paul Delaroche oder Lawrence Alma-Tadema, der lange als der »schlechteste Maler des 19. Jahrhunderts« galt. Auch Bernard Buffet, ein Meister des zahnarztpraxentauglichen Existenzialismus, wird wieder öffentlich ausgestellt. Und so wundert es kaum, dass selbst ein so großartiges Museum wie die Bremer Kunsthalle nicht länger vor dem Kitsch zurückschreckt und nun Friedensreich Hundertwasser und seinen frühen Kringelbildern die Türen öffnet.

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Was ist da passiert? Wie konnte es zu dieser Umwertung aller Werte kommen? Warum gilt das, was so lange das Jenseits der Kunst markierte, das nicht Authentische, das nicht Neue, das Gestanzte und Schablonenhafte, das Oberflächliche und Schwülstige, mittlerweile vielen als diskussionswürdig?

Selbst ein angesehener Philosoph wie Konrad Paul Liessmann lässt keinen Zweifel mehr daran, dass die einstige Abscheu in allgemeines Wohlwollen umgeschlagen ist. »Nicht länger gilt mehr, dass Kitsch keine avancierte Kunst sein kann. Im Gegenteil: Spätestens seit Jeff Koons wissen wir: der Kitsch selbst ist nun die Avantgarde.«

Gemeint ist damit, dass Künstler wie Jeff Koons oder auch der popbunte Comicmaler Takashi Murakami keinen naiven Gartenzwerg-Kitsch machen, auch wenn ihre Werke gelegentlich so aussehen. Nein, sie unterhalten ein hoch reflektiertes Verhältnis zu ihren massenkompatiblen Gegenständen. Und tun, was die Avantgarde immer schon tat: Sie erweitern den allgemeinen Kunstbegriff, sie hinterfragen die üblichen Geschmacksvorstellungen und im Zweifel auch das Bewusstsein. Anders gesagt: Ihr Kitsch ist eine Form von Kritik. So jedenfalls wird es von zahlreichen Galeristen, Museumskuratoren und auch Theoretikern gesehen.

Selbst für Hundertwasser reklamiert die Bremer Kunsthalle, er sei doch in Wahrheit ganz anders gewesen. Dass er vor allem ein pseudonaiver Meister der Zwiebeltürmchen und Knollensäulen war? Ein Selbstvermarktungsgenie mit eigenem Erlebniseinkaufszentrum? Dass sich hinter dem Kindlichkeitsgetue ein Reaktionär verbarg, der freien Herzens zu Protokoll gab: »Die zeitgenössische Kunst ist entartet«? Über all das verliert der neue Direktor in Bremen, Christoph Grunenberg, kein Wort. Er preist Hundertwasser als Pionier und kritischen Geist.

Nun wollen die Kitschkünstler im Zweifel von solchen Zuschreibungen nicht viel wissen. Jemand wie Jeff Koons zum Beispiel führt das Wort Kritik nicht unbedingt in seinem aktiven Wortschatz. Und so bieten auch nur wenige Werke der Kitsch-Art einen Reflexionsgewinn oder irgendeine Art der Erkenntnisvermehrung. Der ästhetische Nährwert ist zumeist bescheiden. Daher bekommen die meisten Kitschwerke das begehrte Etikett namens Kunst nicht deshalb verliehen, weil sie besonders innovativ, besonders unterhaltsam, besonders raffiniert gedacht und gemacht wären. Nein, in der Regel wird die Kunsthaftigkeit dieser Objekte nicht von ihnen selbst, nicht von ihrer äußerlichen Erscheinung verbürgt, sondern verdankt sich allein ihrer Inszenierung. Und diese Inszenierung ist oft eine des Marktes.

Wer von den großen Sammlern gemocht und gekauft wird, darf auch auf ein Plätzchen im Museum und auf Anerkennung der Kunstgemeinde hoffen. Wer diese Sammler nicht findet, der bleibt außen vor. Es ist letztlich ein System, in dem auf vulgäre Weise das Geld über Kunst oder Nichtkunst entscheidet. Denn der Unterschied ist nicht im Objekt begründet, sondern in der Marktmacht seines Käufers.

Leserkommentare
  1. Wenn Sie heute einen in die Jahre gekommenen, gebrauchsunfähigen, verschließenden, befleckten und vielleicht auch stinkenden Ohrensessel besitzen, bieten sich zwei Alternativen. Entweder Sie werfen ihn auf den Sperrmüll oder sie verkaufen ihn für 20 Millionen Dollar. Bei der zweiten Alternative müssen sie allerdings einen Käufer, sprich Investor, finden und den Investor müssen Sie davon überzeugen, dass das Kunstwerk die Handschrift eines Künstlers trägt, mit dessen Werken in naher Zukunft das doppelte und dreifache zu erzielen ist.

    Den heutigen Käufer hochpreisige Kunst interessiert nur noch die Wertsteigerung bzw. Werterhalt. Viele Investitions-Alternativen hat er nämlich nicht mehr. In der Regel ist er auch heute kein Kenner oder Liebhaber von Kunst, bestenfalls ist er noch Kunstbanause. Sein erstandenes Werk landet vornehmlich im Tresor.

    Im mittleren Preissegment und darunter tummelt sich heute eine bunte Käuferschar, die es den Großen gleichtun möchten oder die jeden Mist kauft, wenn ihnen nur jemand sagt, dass gehöre heute, wie weiland der röhrende Hirsch, übers Sofa. Je profaner und kitschiger das Werk, je besser passt es zu der breiten Schicht der sogenannten Kunst besitzenden Angeber und Möchtegerne.

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  2. Da ist es für die ertragsorientierten Künstler der heutigen Zeit überhaupt keine Frage: Wir geben dem Markt, nach dem er verlangt. Individuelle und nicht marktkonforme Künstler (Die gibt es auch noch) haben natürlich das Nachsehen. Aber ihre wertvolle (nicht teure) Kunst wird in Zukunft auch wieder nachgefragt werden, vielleicht aber erst wenn sie tot sind. Die heutige Modekunst kann man vielleicht in Zukunft wieder kostenlos vom Sperrmüll holen.

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  3. Eine neue Kitschdiskussion ist überfällig. Einige Werke von Koons und Richter (insb. einige abstrakte) sollte man aber differenzierter betrachten. Eine Personalisierung oder Œuvrefixierung hilft nicht weiter.

    P.S.: Eine kritische mit Christian Demand hätte ich aber mindestens ebenso interessant gefunden. Daher: Wie wär's mit einer Rehabilitierung der Kunstkritik/-wissenschaft in einem zweiten Teil.

    • lyriost
    • 28. Oktober 2012 18:00 Uhr

    Ich habe mir die Umgebung Ihres Zitats mal etwas genauer angesehen und festgestellt, daß sich der Schillersche Verdacht dort ausgerechnet gegen (den Trivialschriftsteller?) Voltaire richtet: Schiller über Voltaire: "Es zeigt sich kein Ideal unter jener luftigen Hülle." Da können Sie sehen, was solch eine "Definition" wert ist.

    Antwort auf "Kitsch - Definition"
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    • eeee
    • 28. Oktober 2012 18:09 Uhr

    Passt doch wie Faust auf Auge. Voltaire ist Kitsch pur.

    • eeee
    • 28. Oktober 2012 18:09 Uhr
    29. Wieso?

    Passt doch wie Faust auf Auge. Voltaire ist Kitsch pur.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Voltaire"
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    • lyriost
    • 28. Oktober 2012 19:29 Uhr

    Kitsch ist also, wenn die "Ideale" und das Pathos der Erhabenheit fehlen. Für meinen Geschmack ist eher ein Übermaß an Idealen und Pathos kitschverdächtig.

    • lyriost
    • 28. Oktober 2012 19:29 Uhr

    Kitsch ist also, wenn die "Ideale" und das Pathos der Erhabenheit fehlen. Für meinen Geschmack ist eher ein Übermaß an Idealen und Pathos kitschverdächtig.

    Antwort auf "Wieso?"
    • omnibus
    • 30. Oktober 2012 13:08 Uhr

    vor allem in der Sparte Malerei und vergisst dabei, dass auch in Bereichen wie der Konzeptkunst jede Menge Kitschprodukte entstehen.

    Herr Rauterberg definiert Kitsch als "das nicht Authentische, das nicht Neue, das Gestanzte und Schablonenhafte, das Oberflächliche und Schwülstige...."

    Genau das trifft auf viele Werke zu, die - visuell völlig beliebig und ohne jede Spur von formaler Auseinandersetzung mit den verwendeten Mitteln - mit einem Schwall von Theoriegeschwurbel ihre Dürftigkeit verdecken wollen.
    Der gewollte handwerkliche Dilettantismus, der einem oft in Ausstellungen begegnet, garniert mit einem Konzept, das möglichst viel "Kunstsprech" enthält, ist nur das passende Pendant zu den Kringeln von Hundertwasser.

    Nur dass in diesem Fall die Werke nicht den Investoren, sondern den vermeintlich elitären Kunstzirkeln runter gehen wie Öl.

    • fock
    • 30. Oktober 2012 23:22 Uhr
    32. Danke

    "Damit aber die Kunst nicht nur Gefühlssache ist, sondern auch begriffen und durchdrungen werden kann, muss ein Kunstwerk beides können: Affekte ermöglichen und sich vor beliebiger Affektproduktion hüten. Das Impulsive, rein Assoziative, muss einholbar bleiben von der Reflexion. Nur kitschige Kunst ist selbstgenügsam, in ihr wohnt kein Zweifel...".

    Ja - im Engeren und auch im Allgemeinen gilt dies fuer die Kunst.

    Das Sehen zB. in der Malerei mit Denken (und umgekehrt!) zu tun hat- in der Produktion und beim Betrachter- wird/wurde an einschliesslichen Kaderschmieden vernachlaessigt.
    Um es deutlich zu sagen, was wird wenn zukuenftig nur noch "Fremd"profis ueber Kunst
    "Bericht erstatten"!?

    Ich hoffe Herr Rauterberg, sie haben nicht nur Fans, sondern auch Schueler.
    Fuer die Kunst halte ich dies fuer notwendig und dienlich.

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