Betrügereien und RazzienGemalt wird im Akkord

Kein Kunstmarkt der Welt ist umsatzstärker als der chinesische. Doch jetzt gerät die Erfolgsgeschichte ins Stocken. Eine Reportage aus Hongkong und Peking. von 

Am Rande der Stadt, dort, wo Peking ausfranst, wartet eine wundersame Zwischenwelt. Eine, die nicht mehr Stadt ist und auch noch nicht Dorf, in der einem auf Schritt und Tritt Erstaunliches begegnet. Die Riesenschildkröte etwa. Sie schwebt über der Autobahn im Pekinger Norden, mit dünnen Beinchen rudernd, am Ende einer Angel, die ein junger Wanderarbeiter emporhält, als habe er das Tier gerade vom Asphalt gefischt. Er will sie verkaufen, »an all die Reichen, die hier hoffentlich vorbeifahren«. Es ist ein surreales Bild, eins, das gut passt in diese Welt, in der sich Wanderarbeiter angesiedelt haben und stadtmüde Reiche, vor allem aber Künstler aus vielen Teilen des Landes. Alle paar Monate entsteht am Rande Pekings ein neues Künstlerdorf. Und hier wird der Großteil dessen produziert, was später den größten Kunstmarkt der Erde füttert. Galerien und Studios verbergen sich hinter Bauernhäusern und Gemüsemärkten. Man trifft die Erfolgreichen, in 500 Quadratmeter großen Ateliers, aber auch die brotlosen Hoffnungsvollen, die sich in Baracken auf die Aufnahmeprüfung der Akademie vorbereiten, jeweils sechs Stockbetten in fensterlosen Zimmern, gemalt wird im Akkord.

Etwa 300.000 Künstler leben in Peking. Einer von ihnen ist Yuan Shun, der am liebsten fantastische Welten malt, die zwischen traditioneller Landschaftsmalerei und Science-Fiction oszillieren. Yuan lebte einst in Polen, zu einer Zeit, in der ein Chinese dort ein so ungewöhnlicher Anblick war, dass ihn alte Frauen bisweilen in den Arm kniffen. Er zog nach Berlin und staunte bei seinen Heimaturlauben über den gewaltigen Wandel des chinesischen Kunstmarkts. Noch in den neunziger Jahren war zeitgenössische Kunst eine Sache des Untergrunds, vier oder fünf westliche Sammler bestimmten den Markt, sie kauften zu sagenhaft günstigen Preisen. Bis dann zur Jahrtausendwende westliches Kapital in den Markt drängte und chinesische Investoren einstiegen. Mittlerweile ist der chinesische Kunstmarkt – alle Sparten zusammengerechnet – der größte der Welt, hier wurden im vergangenen Jahr 30 bis 40 Prozent des weltweiten Umsatzes mit Kunst gemacht. Rieten Mütter in den neunziger Jahren ihren Töchtern, einen aus dem Ausland zurückgekehrten Studenten zu heiraten, sagten sie in den nuller Jahren: »Heirate einen Künstler.«

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2007 zog es auch Yuan ins Heimatland, so wie viele Künstler, die einst im Ausland lebten. »Die Masse und die Geschwindigkeit«, sagt Yuan, das sei in Peking einfach einzigartig. An Wochenenden pulsiert das kulturelle Leben der Stadt, er rennt von einer Ausstellungseröffnung zur nächsten. »Es ist wie im Frühling, wo alle Blumen aufblühen.« In Yuans Studio sitzt Shen Qibin, der einst das erste große staatliche Museum für zeitgenössische Kunst in Shanghai leitete. »Peking ist zum Produktionszentrum chinesischer Kunst geworden«, sagt er. »Aus einem einfachen Grund: Die Stadt entwickelt sich nicht gleichmäßig. Im Zentrum sind Immobilien völlig überteuert, doch draußen, in den Außenbezirken, sind die Lebenshaltungskosten niedrig. Rund um Shanghai etwa ist das Leben viel teurer«, sagt Shen. »Und Hongkong? Ja, das ist das Handelszentrum, aber von der Kunstproduktion her: eine Wüste.«

Razzien haben bei Auktionshäusern und Galeristen für Unruhe gesorgt

Noch immer steigt die Zahl der Pekinger Künstler. Jahr für Jahr drängen Tausende Absolventen auf den Markt. »Inzwischen bieten unzählige Universitäten Kunstunterricht an, selbst jene, die traditionell nur Naturwissenschaften lehrten«, sagt Shen. »Alle träumen vom großen Geld. Es gibt in China momentan nur eine Lehre, und das ist die vom Erfolg.« Nicht mal ein Prozent der Künstler kann von der Kunst leben, doch China, sagt Shen, sei trotzdem nicht nur ein problematischer, sondern auch ein wundervoller Ort für Künstler: »Gerade wegen all der gesellschaftlichen Probleme, die die Transformation mit sich bringt. Denn wenn die Kunst sich nicht mit Problemen auseinandersetzen muss, gerät sie schnell zur Dekoration.«

Andere freuen sich weniger über Chaos und Probleme, die Pekinger Agentin Mélanie Wang Lin etwa. Der Kunstmarkt macht sie vor allem wütend. Vor sieben Jahren hat sie als Agentin angefangen – voller Ideale. »Doch je höher die Erwartungen sind, desto tiefer ist man enttäuscht.« Der Kunstmarkt sei ein Markt wie jeder andere, »ein bisschen schmutziger vielleicht«. Sie erzählt Wildwestgeschichten, etwa von den Betrügereien auf den Auktionen. Da war das Paar, das ein Bild eines noch lebenden Künstlers kaufte. Sie fragten ihn, ob es echt sei, er schrieb auf das Bild: »Dies habe ich nicht gemalt.« Das Auktionshaus nahm es trotzdem nicht zurück. »Chinesische Auktionshäuser garantieren nicht für die Echtheit eines Werkes.« Die Preise auf den Auktionen, sagt Wang, seien oft völlig unrealistisch. Künstler würden Freunde in die Auktionen schicken, die den Preis hochtrieben, »dabei merkt das jeder, man kennt sich doch«.

In den vergangenen Monaten hat sich der heiß gelaufene Kunstmarkt jedoch etwas abgekühlt, auch wegen der Razzien, die die Behörden im Frühling durchführten. Im Mai waren einflussreiche Akteure des chinesischen Kunstmarkts wegen angeblicher Steuerhinterziehungen verhaftet worden, auch ein deutscher Kunstspediteur landete für mehrere Monate in Untersuchungshaft. Bis Ende 2011 musste ein Käufer, der ein Kunstwerk aus dem Ausland nach China importieren wollte, mit rund 30 Prozent Abgaben rechnen. Im weltweiten Vergleich ist das ungewöhnlich viel, doch drückten die Behörden dafür bei den Kontrollen beide Augen zu. Ende 2011 senkte der Staatsrat die Abgaben auf 24 Prozent, jetzt aber will der Staat die Steuern auch wirklich eintreiben. »Sie benutzen Steuern, um den Kunstmarkt zu kontrollieren«, sagt Wang. »Das sieht man doch an Ai Weiwei.« Und sicherlich habe die Razzia auch mit dem neu eingerichteten Pekinger Lager des Staatsunternehmens Gehua zu tun, in dem Käufer ihre Kunstwerke zollfrei lagern können. »Doch wem bringt’s was, wenn die Kunst zollfrei im Lager liegt? Da geht’s dann nur noch um Investition.«

Drei Typen, sagt sie, gebe es auf dem chinesischen Kunstmarkt: die Spekulanten, die ein Kunstwerk direkt vom Atelier zum Auktionshaus brächten. Die Investoren, die es ein paar Jahre lang in ihr Haus hängten, bevor sie verkauften. Und die wirklichen Kunstliebhaber, die Sammler. »Die machen ein Prozent aus.« Doch selbst bei denen sei sie nicht sicher, ob sich darunter nicht auch einige Immobilienspekulanten befänden, »die nur darauf warten, dass die Regierung ihnen ein Gebäude schenkt, in dem sie ein Museum eröffnen können«.

Leserkommentare
  1. Dann schauen Sie mal in die AGB deutscher Auktionshäuser, oder auch in anderen Ländern.
    Das ist normal, kein Auktionshaus garantiert dafür.
    Einige sind kulant, aber abgelehnt werden kann es immer.

  2. ich habe überhaupt noch kein modernes chinesisches werk von belang gesehen-

    was man so in den museen vorgesetzt bekommt,ist ziemlich mittelmässiger plunder

    über 1 mio für obige pinselei?
    meine güte-wo haben die ihre augen oder ihr hirn?

  3. Ende 2011 senkte der Staatsrat die Abgaben auf 24 Prozent, jetzt aber will der Staat die Steuern auch wirklich eintreiben. »Sie benutzen Steuern, um den Kunstmarkt zu kontrollieren«, sagt Wang. »Das sieht man doch an Ai Weiwei.«
    Klar, so wird man schon zum Dissidenten, wenn man Steuern als Repression auffasst?
    Da wimmelt es in Deutschland ja direkt vor Dissidenten.

  4. Endlich einmal eine gute Nachricht aus China!

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