Liao YiwuDie patriotische Aktion

Der Friedenspreisträger Liao Yiwu will mit seinem neuen Buch den Opfern vom Platz des Himmlischen Friedens eine Stimme geben. von Tilman Spengler

Wir erinnern uns an jenen schlanken jungen Mann in weißem Hemd, der am 4. Juni 1989 mitten in Peking eine Demonstration militärischer Macht unterbricht, als er sich mit ausgestreckten Armen vor einen Panzer stellt. Zwei Divisionen der Volksbefreiungsarmee haben in der Nacht zuvor eine riesige Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens und in den Nachbarstraßen niederkartätscht, die Zahl der Opfer ist nicht geklärt, manche sagen 800, andere 4.000, die Partei spricht von 241. Der Auftritt des jungen Mannes ist die große Geste des zivilen Widerstands. Später wird er abgeführt, über sein weiteres Schicksal ist uns nichts bekannt.

Heute kann man mit vielen jungen Chinesen reden, die noch nie von diesem Ereignis gehört haben. Weder hat es seinen Weg in die Schulbücher gefunden, noch haben sich in der VR China historische Kommissionen seiner Erforschung angenommen. Der elektronische Schriftverkehr kommt zum Erliegen, wenn die für dieses Datum relevanten Zeichen aufgerufen werden.

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Liao Yiwu, der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels , lässt in seinem neuesten Buch Zeugen zu Wort kommen, die zu Opfern jenes "Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens" geworden sind. Er hat mit ihnen geredet und ihre Aussagen schriftlich festgehalten. Das ist ein Verfahren, das er schon in seinen früheren Werken, etwa dem eindrucksvollen Fräulein Hallo und der Bauernkaiser angewandt hat, um, wie der Autor gern sagt, Stimmen vor dem Vergessen zu bewahren. Hier geht es um einen besonderen Personenkreis, die sogenannten Rowdys, deren Bedeutung Liao Yiwu für bislang völlig unterschätzt hält.

Im Buch reden diese Stimmen naturgemäß zu einem ihnen vertrauten chinesischen Autor, nicht zum deutschen Leser. Daher hier einige Stichworte zur einordnenden Erinnerung: Begonnen hatten die Pekinger Demonstrationen im April 1989 mit einem Streit über die angemessene Trauer um Hu Yaobang den gerade verstorbenen, ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas. Spätestens seit den Begräbnisfeierlichkeiten für den früheren Ministerpräsidenten Zhou Enlai im Jahre 1976 fürchtete die Parteiführung die Zurschaustellung öffentlichen Schmerzes. Aus Klagen konnten allzu leicht Anklagen werden. Und jener Hu Yaobang war bis zu seinem Hinauswurf im Januar 1987 eine Hoffnung der Liberalen gewesen, hatte, nur zwei Beispiele, innenpolitische Abweichler weniger scharf kritisiert, Tibetern ein höheres Maß an Autonomie einräumen wollen, als seine Kollegen im Politbüro oder die graue Eminenz Deng Xiaoping das für angemessen hielten.

Es waren zunächst wohl vornehmlich die Intellektuellen aus den akademischen Kreisen der Hauptstadt, Professoren, Dozenten, Studenten, die am 22. April eine staatliche Trauerfeier (mit – wir sind in einer Diktatur – staatlich genehmigten Trauerlosungen) durchsetzten. Doch um ihr Gesicht zu wahren, hatte sich die Parteiführung geweigert, die Wortführer aus den Universitäten zu empfangen. Worauf der Ort der Trauer zu einem Ort des Protestes wurde.

Mehr als ein Kännchen Öl ins Feuer kippte dann Deng Xiaoping, als er in einem Kommentar für die Pekinger Volkszeitung die Veranstaltung mit dem Begriff dong luan brandmarkte. Dong luan steht für "Aufruhr" oder "Krawall". Wer im chinesischen Wörterbuch nach Beispielsätzen sucht, findet an vorderster Stelle die Aufforderung: "Mit starker Hand die Krawalle niederschlagen". Im politischen Kontext ging es nicht um eine philologische Finesse, hier wurde das, was die Trauergemeinde als "patriotische Aktion" verstand, schlicht kriminalisiert. Solange das Verdikt Bestand hatte, waren die Teilnehmer zu Staatsfeinden erklärt, die jederzeit die zeitlich unbegrenzten strafrechtlichen Folgen ihrer Anwesenheit auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu tragen haben würden. Noch heute kämpfen chinesische Dissidenten darum, jenes historische Verdikt "Krawall" aus der offiziellen Darstellung des Massakers zu streichen und durch die Formulierung "patriotische Aktion" zu ersetzen. Wer die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen kennt, versteht, dass es hier um weit mehr als Terminologie geht.

Liao Yiwu hat sich in seinen mehr als ein Dutzend Gesprächsprotokollen, die er in diesem Band versammelt hat, auch und vornehmlich Opfern zugewandt, die in den Hagiografien der vermeintlichen "Helden" der Bewegung ganz selten erwähnt werden. Dazu hilft es, einen anderen chinesischen Begriff kurz vorzustellen, er heißt liu mang und kann wahlweise mit "Hooligan", "Galgenstrick" oder – marxistisch korrekt – mit "Lumpenproletariat" übersetzt werden. Wer die Werke von Liao kennt, weiß, dass seine großen Ohren ganz besonders den Angehörigen dieser Schicht ihre Aufmerksamkeit schenken. Einer seiner Gesprächspartner nennt sie, und er schließt sich selber damit ein, "das Herz der Tiananmen-Bewegung". Sie waren die Patrioten und die Kämpfer. Die Intellektuellen dagegen, die sind "im entscheidenden Moment aus der Kette ausgeschert!".

Das klingt so unversöhnlich, wie es wohl gemeint ist. Und in der Form, in der Liao Yiwu uns diese Zeugnisse präsentiert, tritt auch sehr klar zutage, was der Autor wohl im Sinn hat, wenn er der "Wahrheit" den Vorrang vor der "Literatur" einräumt. Um wessen Wahrheit es sich schließlich handelt, kann unsereiner nicht entscheiden. Aber wenn man trotz der gerade erwähnten Ohren mit einer Lichtmetapher schließen darf: Hier wurde zumindest ein Stein vor dem Höhleneingang beiseitegeräumt.

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Leserkommentare
  1. bei der Bearbeitung dieser Protokolle ähnlich lässig mit der Wahrheit umgegangen ist wie in seinem Gedicht "Massaker", dessen Worte, wenn man der Spiegel-Autorin Susanne Beyer glauben darf, am 4.Juni 1989 wie folgt "aus ihm herausfallen"?

    "Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, schießt auf die Straßenhändler! Knallt sie ab! Knallt sie ab! … Liquidiert die Blume, den Wald, den Campus, die Liebe, die Gitarre, die zu reine Luft! Liquidiert die Gedanken, die Gut und Böse begreifen wollen! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht!"

    Genau das ist wohl nicht passiert, damals, auf dem Tian Anmen, aber das macht ja nichts, so genau muss man das nicht nehmen, hätte ja durchaus so passiert sein können, mit dem Regime in Beijing, nicht wahr?

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    • Schnel
    • 25. Oktober 2012 15:08 Uhr

    ist Ihrer Erkenntnis nach auf dem Platz und in der Stadt passiert? Die Studenten wurden zu Tode gestreichelt? Haben sich selbst getötet oder was?

    Oder stimmt nur das mit den liquidierten Blumen nicht?

    • Schnel
    • 25. Oktober 2012 15:08 Uhr

    ist Ihrer Erkenntnis nach auf dem Platz und in der Stadt passiert? Die Studenten wurden zu Tode gestreichelt? Haben sich selbst getötet oder was?

    Oder stimmt nur das mit den liquidierten Blumen nicht?

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    Ich versuche es zusammenzufassen:
    1) Trauerveranstaltung (für einen Liberalen - zumindnest nach damaligem chin. Verständnis)
    2) Trauerveranstaltung "kippt" (auch nach unglücklichen Verlautbarungen des Regimes), Hungerstreiks etc. beginnen.
    3) Die Regierung ist absolut überfordert und versucht vereinzelt zu verhandeln. Die Verhandlungen scheitern (wegen des Regimes und allzu konträrer Positionen der Protestierenden untereinander).
    4) Regierungsbesuch aus Russland kommt (Kommentar in etwa: "Wie wollt ihr ein ernstzunehmender Partner sein, wenn ihr nichteinmal direkt vor der eigenen Haustür herrscht"). Erste regimekritische Artikel in anderen Ländern erscheinen.
    5) Das Regime möchte den Platz räumen, um das "Gesicht" vor Rus. und dem Ausland zu wahren. Die pol. Entscheidung ist sehr umstritten (Hauptverantwortlicher am Ende: Deng).
    6) Geeignete Polizeitruppen standen nicht zur Verfügung (hier gibt es aber auch gegensätzliche Aussagen). Demensprechend wurde das Militär eingesetzt. Klare Ansage war: "Auf dem Platz kein Blutvergiessen".
    7) Anwohner und auf den Nebenstrassen und aus den Häusern heraus behinderten, beschimpften und bewarfen das Militär mit Dreck und Müll. Das Militär fing an zu schiessen ...

    Falls Sie interessiert sind kann ich ihnen folgende Hefte empfehlen (ich meine Spiegel hatte auch eins, aber das finde ich nicht gerade):
    China - Alter Glanz und neue Macht (Zeit)
    GEO EPOCHE Nr. 51 - 10/11 - Das China des Mao Zedong

  2. Ich versuche es zusammenzufassen:
    1) Trauerveranstaltung (für einen Liberalen - zumindnest nach damaligem chin. Verständnis)
    2) Trauerveranstaltung "kippt" (auch nach unglücklichen Verlautbarungen des Regimes), Hungerstreiks etc. beginnen.
    3) Die Regierung ist absolut überfordert und versucht vereinzelt zu verhandeln. Die Verhandlungen scheitern (wegen des Regimes und allzu konträrer Positionen der Protestierenden untereinander).
    4) Regierungsbesuch aus Russland kommt (Kommentar in etwa: "Wie wollt ihr ein ernstzunehmender Partner sein, wenn ihr nichteinmal direkt vor der eigenen Haustür herrscht"). Erste regimekritische Artikel in anderen Ländern erscheinen.
    5) Das Regime möchte den Platz räumen, um das "Gesicht" vor Rus. und dem Ausland zu wahren. Die pol. Entscheidung ist sehr umstritten (Hauptverantwortlicher am Ende: Deng).
    6) Geeignete Polizeitruppen standen nicht zur Verfügung (hier gibt es aber auch gegensätzliche Aussagen). Demensprechend wurde das Militär eingesetzt. Klare Ansage war: "Auf dem Platz kein Blutvergiessen".
    7) Anwohner und auf den Nebenstrassen und aus den Häusern heraus behinderten, beschimpften und bewarfen das Militär mit Dreck und Müll. Das Militär fing an zu schiessen ...

    Falls Sie interessiert sind kann ich ihnen folgende Hefte empfehlen (ich meine Spiegel hatte auch eins, aber das finde ich nicht gerade):
    China - Alter Glanz und neue Macht (Zeit)
    GEO EPOCHE Nr. 51 - 10/11 - Das China des Mao Zedong

    Antwort auf "Und was"
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    Als ich (nach anfänglichen Bedenken, die ich auch artikuliert hatte) im Oktober 1989 für vier Wochen in Beijing war, haben meine chinesischen Kollegen mir erzählt, dass der Tian Anmen am Abend des 3.Juni friedlich geräumt worden war, es also auf dem Platz entgegen der im Westen verbreiteten Version keine Toten gegeben habe.

    Ich habe höflich ja ja gesagt, schließlich war mein Wissenstand, basierend auf deutschen Zeitungsmeldungen und dem deutschen Fernsehen, ein anderer.

    Zu den Toten in den Straßen Beijings wurde mir erklärt, der Studentenprotest sei im Laufe der Zeit aus dem Ruder gelaufen, es habe zahlreiche Nachahmer und Mitläufer mit zum Teil völlig anderen Anliegen (Unzufriedenheit im Betrieb, mit der Nachbarschaft, oder auch nur einfaches Interesse an Randale) gegeben.

    Außerdem sei es in den Tage zuvor zu Gewalt gegen anrückende, unbewaffnete Soldaten gekommen.

    Auch das habe ich nicht glauben wollen, bis dann Bilder von gelynchten Soldaten im Westen auftauchten.
    Bilder, die man heute bei Wiki übrigens vergebens sucht.

    Heute weiß ich, dass meine chinesischen Kollegen damals über die Situation auf dem Tian Anmen in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 die Wahrheit erzählt haben.

    Während große Teile meiner westlichen Presse immer noch vom Tian Anmen-Massaker spricht.

  3. darf dann als nächstes noch über Au Weia & seine neueste Aktion berichtet werden (der Spiegel hat das auf SPON gestern bereits getan).
    Hoffentlich muß ich dann nicht einen Film mit Handlungen Liaos vorfinden, wie er von Ai bereits existiert, der jedoch hartnäckig in den hiesigen Medien totgeschwiegen wird, da er nicht in das aufgebaute Bild vom ungerecht behandelten, nur nach pazifistischen Grundsätzen handelnden Dissidenten passt:

    http://www.youtube.com/watch?v=sKOm-iCcee0

    Ja, und mit solcherlei Posts macht man sich hier extrem unbeliebt, verliert sogar seine von der Redaktion einstmals ausgesprochenen Empfehlungen. Auch eine Art von Zensur...

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    Redaktion

    Liebe/r xiezeren,

    ein uns noch unbekanntes technisches Problem hat dazu geführt, dass sämtliche Redaktionsempfehlungen, die vor vergangenem Samstag von uns ausgesprochen wurden, nicht mehr auffindbar waren. Das betraf daher nicht nur Sie, sondern sogar sämtliche Mitglieder unserer Community. Inzwischen sollten Ihnen die Empfehlungen in Ihrem Profil allerdings wieder angezeigt werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    David Schmidt
    ZEIT ONLINE Community
    community@zeit.de

  4. Redaktion

    Liebe/r xiezeren,

    ein uns noch unbekanntes technisches Problem hat dazu geführt, dass sämtliche Redaktionsempfehlungen, die vor vergangenem Samstag von uns ausgesprochen wurden, nicht mehr auffindbar waren. Das betraf daher nicht nur Sie, sondern sogar sämtliche Mitglieder unserer Community. Inzwischen sollten Ihnen die Empfehlungen in Ihrem Profil allerdings wieder angezeigt werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    David Schmidt
    ZEIT ONLINE Community
    community@zeit.de

    Antwort auf "Tja, und jetzt"
  5. Als ich (nach anfänglichen Bedenken, die ich auch artikuliert hatte) im Oktober 1989 für vier Wochen in Beijing war, haben meine chinesischen Kollegen mir erzählt, dass der Tian Anmen am Abend des 3.Juni friedlich geräumt worden war, es also auf dem Platz entgegen der im Westen verbreiteten Version keine Toten gegeben habe.

    Ich habe höflich ja ja gesagt, schließlich war mein Wissenstand, basierend auf deutschen Zeitungsmeldungen und dem deutschen Fernsehen, ein anderer.

    Zu den Toten in den Straßen Beijings wurde mir erklärt, der Studentenprotest sei im Laufe der Zeit aus dem Ruder gelaufen, es habe zahlreiche Nachahmer und Mitläufer mit zum Teil völlig anderen Anliegen (Unzufriedenheit im Betrieb, mit der Nachbarschaft, oder auch nur einfaches Interesse an Randale) gegeben.

    Außerdem sei es in den Tage zuvor zu Gewalt gegen anrückende, unbewaffnete Soldaten gekommen.

    Auch das habe ich nicht glauben wollen, bis dann Bilder von gelynchten Soldaten im Westen auftauchten.
    Bilder, die man heute bei Wiki übrigens vergebens sucht.

    Heute weiß ich, dass meine chinesischen Kollegen damals über die Situation auf dem Tian Anmen in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 die Wahrheit erzählt haben.

    Während große Teile meiner westlichen Presse immer noch vom Tian Anmen-Massaker spricht.

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