MahnmalHolocaust und Porajmos

Neben dem Reichstag erinnert jetzt ein Denkmal an die Ermordung der Sinti und Roma. von 

Für Ziel und Weg, die Zeitschrift des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, war 1938 die Diagnose klar. »Juden und Zigeuner« seien wie »Ratten, Wanzen und Flöhe« zwar »gottgewollte Wesen«, dennoch müsse man diese wie jene »biologisch allmählich ausmerzen«. Dergleichen gleichnishafte, christlich verbrämte Mordrede gehörte zur völkischen Tradition seit den Tagen von Jahn und Arndt, nun aber war der Moment gekommen, die Metapher Wirklichkeit werden zu lassen und »Juden und Zigeuner« tatsächlich zu vernichten.

Sechs Millionen Juden und bis zu eine halbe Million Sinti und Roma wurden zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und dem von der Wehrmacht besetzten Europa umgebracht. Seit 2005 erinnert ein Mahnmal in Berlin an die Ermordung der Juden, an den Holocaust. Jetzt wird, ebenfalls im politischen Zentrum der Bundeshauptstadt, unmittelbar neben dem Reichstagsgebäude, ein Denkmal oder besser: Gedenkhain an den Porajmos erinnern, wie die Roma selber – in ihrer Sprache Romani – den NS-Völkermord nennen: an das große »Verschlingen«.

Anzeige

Es hat gedauert. Bereits in den neunziger Jahren war der israelische Künstler Dani Karavan mit der Gestaltung der Stätte beauftragt worden. Es gab den üblichen Zank, es gab die obligaten Baumalaisen. Aber nun ist das Becken, das Wasserrund fertig, dessen Grund ein dunkler Abgrund zu sein scheint, in dem sich der Himmel spiegelt. Dazu erzählen Tafeln die Chronik des Genozids und seiner langen Vorgeschichte. Denn auch der Porajmos war kein historischer »Zufall auf deutschem Boden«, wie manch biederer Zeitgenosse noch heute schwadroniert.

Die Einweihung des Denkmals nächste Woche kommt mit Verspätung – und doch im rechten Augenblick. Denn in einem Moment, in dem die Roma, selbst in Ländern des Friedensnobelpreisträgers EU wie Tschechien, Frankreich oder Rumänien, neuen Hass erfahren, erinnert es daran, in welche Katastrophe alles rassistische Gerede und Geraune führt. Vor allem und zuerst aber erinnert es an die vielen Tausend Menschen, die in der Zeit der NS-Herrschaft von deutschen Ärzten und Polizisten, Juristen und Soldaten ermordet wurden. Ein Ort der stillen, unstillbaren Klage.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

      Service