Martenstein : "Wenn Afghanistan im Fernsehen kommt, zappe ich weg"

Harald Martenstein über das geistige Überleben unter Experten
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Seit Jahren habe ich keinen einzigen Text über den Afghanistankonflikt mehr gelesen. Ganz im Ernst. Wenn im Fernsehen etwas über Afghanistan kommt, zappe ich sofort weg. Obwohl mir klar ist, dass dies ein wichtiges Thema ist. Und ein komplexes. Um da durchzublicken und eine halbwegs kompetente Meinung zu bekommen, müsste man viel Zeit investieren und sich in einen Todenhöfer verwandeln. Ich bin bei Afghanistan aber relativ früh ausgestiegen, weil in der Zeit gerade privat zu viel los war. Und dann kommt man irgendwann nicht mehr rein, genau wie bei einer Fernsehserie. Ich fühle mich nicht schuldig. Ob ich mich für Afghanistan interessiere oder nicht interessiere, ändert an der Lage da hinten nicht das Geringste. Wenn aber morgen einer an der Tür klingelt und sagt: »Harald, löse für uns den Afghanistankonflikt! Schnell, es ist dringend! Zur Belohnung gibt es den Friedensnobelpreis!«, dann lese ich natürlich sofort alles nach und finde eine Lösung. Ich bin ja nicht blöd.

Es ist unmöglich, sich für alles zu interessieren. Es ist ebenfalls unmöglich, mit allen Leidenden dieser Welt Mitleid zu haben. Wer mit allen Mitleid hat, der hat im Grunde doch mit niemandem Mitleid. Man muss sich entscheiden: Dieser Satz ist für das geistige Überleben in der Welt von heute von entscheidender Bedeutung.

Deshalb habe ich vor einiger Zeit mein Medienverhalten geändert. Sehr viele Themen ignoriere ich inzwischen komplett. Die bestechliche NDR-Filmchefin, wie heißt sie noch gleich? Präsident Chávez ? Die Krise der Piratenpartei ? Ohne mich. Ich suche mir stattdessen bestimmte Themen aus und versuche, da alles zu lesen und auf diese Weise tatsächlich so etwas Ähnliches wie Kompetenz zu entwickeln. »Beschneidung« fand ich als Thema sofort gut, vielleicht, weil ich einen Penis besitze. Das prägt ja irgendwie. Zur Beschneidung kann ich Ihnen spontan ein halbstündiges, überraschend differenziertes und kenntnisreiches Referat halten. Auch in »Euro-Krise« und in »Wulff« bin ich, ohne angeben zu wollen, ziemlich auf Zack. Bei »Nahostkonflikt« habe ich schon in den Siebzigern angefangen, das ist für mich inzwischen wie die Lindenstraße, da kenne ich mich aus und bin sofort wieder drin, auch wenn ich zwischendurch mal ein, zwei Raketenangriffe oder eine Intifada verpasst habe.

Wobei »Kompetenz« natürlich ein Mythos ist. Ich merke das immer, wenn im Fernsehen ein Experte interviewt wird, der alles gelesen hat und in neunzig Sekunden zu seinem Spezialthema etwas sagt, was ich, ohne die geringste Ahnung, ebenfalls hätte sagen können. Afghanistan? Praktisch nicht unter Kontrolle zu kriegen, das Land. Wegen der Berge. Die Schweiz kriegt ja auch keiner unter Kontrolle. Das weiß ich, keine Ahnung, woher. Die NDR-Filmchefin? Da haben Kontrollinstanzen versagt. Eine Riesenschweinerei. Chávez? Länder, die viel Öl besitzen, können sich den Sozialismus leisten, mit Steinkohle oder seltenen Erden ist der Sozialismus gleich viel schwieriger. Die Piratenpartei? What goes up must come down.

Politiker müssen so tun, als ob sie sich für alles interessieren. Der Bundespräsident kann, wenn er nach dem Islam gefragt wird, unmöglich sagen: »Der Islam, ach ja, schön, eine Religion, oder? Interessiert mich eigentlich nicht besonders. Da weiß ich auch wenig, außer dass die fusslige Bärte tragen.« Das wäre ein Skandal, obwohl das doch eine total authentische und sympathische Antwort ist. Politiker sollten mehr Geld verdienen. Dies also war mein Beitrag zum Thema »Peer Steinbrück« .

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