Wer in das Studio des Mailänder Designers Fabio Novembre tritt, wird von einer Chaiselongue empfangen, deren Lehne der nachempfundene Körper einer liegenden Frau ist. Und er sieht Stühle, bei denen die Rückseite der Lehne ein weibliches Gesicht oder auch ein weibliches Hinterteil formt. Novembre ist einer der wenigen jungen italienischen Möbeldesigner mit internationalem Ruf. Einer, der sich als geistiger Erbe von großen Designern wie Ettore Sottsass sieht und keine Berührungsängste vor dem Kitsch hat. Novembre mag die ganz große Geste. Ein Designstück , das keine Emotionen auslöst, ist für ihn uninteressant. "Ein Objekt muss sexy sein, es muss mich anmachen", so sieht er das.

Novembre, ein schlanker Mann in den Dreißigern mit Dreitagebart, thront mit seinem Schreibtisch auf einem Podest in seinem Studio. Über seinem Kopf schwebt der überdimensionale Schädel einer aus rohem Metall geschweißten Schlange. Novembre begrüßt den Gast aus Deutschland überschwänglich, indem er sofort dessen Pünktlichkeit lobt, die nicht zu vergleichen sei mit dem Schlendrian seiner Landsleute, in einem Italien , das noch immer von tausend kleinen Berlusconis beherrscht werde. Wenn man so empfangen wird, fällt es schwer, die Frage zu stellen, derentwegen man gekommen ist – die Frage nämlich, warum er, der sich dem erotisch aufgeladenen Möbelstück verschrieben hat, zwar Stühle, Sessel und Tische designt hat, aber noch nie ein Bett. Sogleich verfinstert sich Novembres Miene, als wären plötzlich tausend kleine Berlusconis in seinem Studio aufgetaucht. "Ach... das ist nicht leicht zu designen."

Offenbar gibt es ein Problem mit dem Bett. Alljährlich werden auf den Möbelmessen Hunderte neue Stühle und Tische, Lampen und Sofas vorgestellt. Als stünde der Mensch ständig vor den Fragen, wie er seine Sitzgruppe im Wohnzimmer neu arrangieren soll und ob er nicht noch einen weiteren Low Table oder Teppich braucht. Das Bett scheint dagegen für Designer keine große Rolle zu spielen. Entsprechend schwierig ist es, ein schönes zu finden.

Fast ein Drittel unseres Lebens verbringen wir in Betten

Wir wollen eben leben, nicht pennen.
Florian Hufnagl

Florian Hufnagl ist Chef der größten Kollektion von Designgegenständen weltweit, der "Neuen Sammlung", die ihren Sitz in München hat. "Das Design ist am Bett vollkommen vorbeigegangen", sagt er. Seine Sammlung ist das beste Beispiel dafür. In den Depots lagern 80.000 Exponate des Industriedesigns. Mit dem Thema Schlafen haben gerade mal drei davon zu tun: ein Feldbett, ein Lattenrost und eine Matratzenauflage aus den sechziger Jahren. "Wir wollen eben leben", meint Hufnagl, "nicht pennen."

Warum eigentlich? Denn das Bett ist das Möbel, in dem der Mensch die allermeiste Zeit verbringt. Durchschnittlich sieben Stunden schläft er am Tag. Fast ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt er in Betten. Weit mehr, als er an einem Tisch sitzt oder in einem Sessel. Als Baby schlafen wir 16 Stunden, als Greis immerhin noch sechs Stunden am Tag. Kein Möbelstück ist intimer, keines hat so viel Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Von einem Stuhl, der unbequem ist, stehen wir auf. Ein unbequemes Bett ist eine Katastrophe.

"Ich habe noch kein Bett entworfen, weil ich keine Ahnung habe, was ich da entwerfen sollte", sagt Fabio Novembre. Denn man könne ja das Bett nicht von Grund auf neu gestalten: "Die Matratze ist immer schon vorgegeben. Was soll ich da gestalten? Einfach Füße dranmachen?"

Matratzen sind heute ein großes Geschäft. Denn dass man in die Schlafqualität investieren muss, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Ab 500 Euro bekommt man eine Qualitätsmatratze aus Kaltschaum – man kann aber auch ohne Probleme das Zehnfache hinlegen. Je nach Vorliebe kann man sich mit Federkern verwöhnen, mit geschäumten Unterlagen und solchen, die aus temperaturempfindlichem Kunststoff sind, in den der warme Körper förmlich einsinkt. 

Einst war das Bett der Mittelpunkt des Lebens

Dass der Schlaf heute unterschätzt wird, kann man wahrlich nicht sagen. Wer dauerhaft zu wenig schläft , neigt zu Fehlurteilen und überhöhter Risikobereitschaft, man vergleicht die Auswirkungen des verkürzten Nachtschlafs sogar schon mit denen leichter Trunkenheit. Immerhin soll Übermüdung für ein Fünftel aller Verkehrsunfälle verantwortlich sein, für ebenso viele wie Alkohol am Steuer. Die Exxon Valdez- Katastrophe , als ein havarierter Tanker weite Küstenstreifen Alaskas verseuchte, war auf einen übermüdeten Offizier zurückzuführen, so wie vielleicht manche Katastrophe aus dem Wirtschaftssektor. Schließlich bilden Topmanager die soziale Gruppe, die am wenigsten schläft. Schlaf, so viel weiß die Medizin heute , hilft, am Tage Gelerntes und Erlebtes zu verarbeiten. Schlaf hilft, das Immunsystem zu regenerieren, Schlaf, sagt der Lübecker Endokrinologe Jan Born, sei "aktives Anti-Aging". Und nicht zu schlafen ist schlicht tödlich. Ratten, die man dauerhaft davon abhält, sterben nach 20 Tagen. Der Schlaf hilft uns also bei allem, was wir im Leben leisten müssen. Nicht zu schlafen macht uns kaputt. Warum erinnern viele Betten dann nicht an Gute-Nacht-Tempel, sondern, wie Novembre schon beschrieben hat, an Matratzen, an die jemand Beine geschraubt hat?

So war es nicht immer. Anders als heute, da das Bett ein Funktionsmöbel ist, war es einst der Mittelpunkt des Lebens. Im heimischen Bett wurde man geboren, dort starb man. Manchmal wurde vom Bett aus regiert – vor allem aber wurde mit dem Bett geprotzt.

Legendär war das Bett von Alexander dem Großen. Es hatte einen goldenen Baldachin und stand in einem Zelt mit 50 goldenen Pfosten. Auf diesem Prunkbett fläzend, pflegte er Besprechungen mit seinen Heerführern zu halten. Die Römer machten das Bett endgültig zum Lebensmittelpunkt, indem sie auf pompösen Speiseliegen, verziert mit Intarsien aus Gold, Silber und Schildpatt, schlemmten und schlummerten.

Frankreichs Könige präsentierten sich vom 14. Jahrhundert an bei offiziellen Anlässen im "lit de justice", einem Thron in Bettform. Das "Bett der Gerechtigkeit" sollte die souveräne Haltung des Oberhauptes betonen, das seine Staatsgeschäfte lässig aus Kissen heraus tätigen kann. Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV . nannte 413 Schlafstätten sein Eigen, davon 155 überdimensionierte Exemplare. Viel Bett bedeutete viel Potenz.