Ausstellung "Verführung Freiheit"Alles auf Kunst
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Historisch wird die Ausstellung erst im Katalog

Es ist Mode geworden, die großen Themen und Probleme der Menschheit in die Hände der zeitgenössischen Künstler zu geben. Die Zehn Gebote, Liebe und Tod, schrumpfende Städte, Globalisierung, Nahostkonflikt, Zukunft der Arbeit – was gab es da nicht schon alles. Im besten Fall gelingen Denkanstöße, aber leider sind in solchen Gesinnungsschauen die Kunstwerke oft nicht mehr als Illustrationen des Kuratorenkonzepts.

Kunst als Ersatz für wissenschaftliche oder journalistische Recherche, das ist ein fataler Ansatz. Verführung Freiheit lässt die Werke für sich wirken, sodass hier viele eindrucksvolle Entdeckungen, zumal aus Osteuropa, zu machen sind. Aber in Deutschlands teuer gehätscheltem Museumspalast zur Geschichtsaufbereitung (Jahresetat 19,2 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt) ist es eben keine Lappalie, dass diese Europaratsausstellung bei einem historischen Thema ausschließlich auf die Kunst setzt. Mehr noch, es ist eine Schau, die alles Historische mit Bedacht überwindet. Ist das der Auftrag eines Geschichtsmuseums? Ist man ein didaktikversessener Vermittlungsspießer oder ein zu spät gekommener Historist, wenn man diese Sinnfrage an dieses Schaufenster der deutschen Erinnerungskultur stellt?

Historisch wird die Ausstellung erst im Katalog

In der gleichmacherischen Regie dieser Ausstellung jedenfalls wird das Europa des Kalten Kriegs und seiner Nachbeben eine einzige übergreifende Kunstlandschaft. Man kann das befreiend nennen, es verwischt aber vieles, worunter Millionen von Menschen jahrzehntelang leiden mussten. Von 1945 bis heute wirbelt hier alles durcheinander, die Zeiten wie die Staaten, Regionen und Machtsphären. In Flackes Inszenierung gibt es nur noch das eine große Europa – und zwar nicht das der EU, sondern das des Europarats, der mit seinen 47 Mitgliedsländern von Grönland bis Aserbaidschan und ins hinterste Sibirien reicht. So entsteht das einerseits facettenreich bunte, andererseits seltsam nichtssagende Bild einer aufbegehrenden, nach Freiheit sich sehnenden Kunst.

Historisch wird die Ausstellung erst im Katalog, in den Essays zu den einzelnen Werken. Leider sind sie ausschließlich in der E-Book-Version zu lesen, und manche der Werke werden auch nur auf den weiteren Stationen der Ausstellung in Mailand, Tallinn und Krakau zu sehen sein.

So erfahren wir im Katalog zum Beispiel von dem entsetzlichen Schicksal der Künstlerin und Schriftstellerin Lenke Rothman. Die gebürtige Ungarin wurde, gerade 15-jährig, mitten in der Nacht mit ihrer Familie nach Auschwitz gebracht. Es regnete in Strömen, und im Licht eines Scheinwerfers entschied der Lagerarzt Josef Mengele über Leben und Tod. Er wies die Mutter mit allen sieben Kindern in die Gaskammer, erst im letzten Moment entschied er sich um und schickte eines der Mädchen in die andere Richtung. Lenke Rothman sah die Familie nie wieder. Von ihrem Vater und dem Bruder Alexander war sie schon zuvor getrennt worden; nur Alexander sollte sie nach dem Krieg wiederfinden. 1945 wurde Lenke Rothman in Bergen-Belsen befreit. Sie litt an schwerer Tuberkulose und kam deshalb nach Schweden, wo sie nach langem Sanatoriumsaufenthalt genas, die Staatsangehörigkeit erhielt und heiratete. 2008 starb die Künstlerin in Stockholm.

Man muss das alles wissen, um den existenziellen Gehalt ihrer Tusche-Zeichnung von 1957 zu erfassen. Denn dort ist alles nur angedeutet, fast eine abstrakte Kalligrafie. Kennt man den historischen Hintergrund, dann sieht man auch den Scheinwerfer und die schmale schwarze Gestalt, die den Arm herrisch ausstreckt. Retroaktive Aufzeichnungen hat Rothman diese Blätter genannt. Es sind vage Notate, ästhetisch reduzierte, fast chiffrenhafte Erinnerungen, die das Erlebte wachhalten und zugleich das Trauma lindern sollten. Heilung von Auschwitz gibt es nicht; aber das Zeichnen half Lenke Rothman, ihre Wunden zu erkunden und sich der schmerzhaften Erinnerung zu stellen. Das alles kann die Kunst. Doch braucht man, um dies zu zeigen, ein historisches Museum?

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Leserkommentare
  1. „Historisch wird die Ausstellung erst im Katalog“. Man braucht nur eine Führung mitzumachen, um vom Gegenteil überzeugt zu werden. Ich hatte jedenfalls einen ausgezeichneten Führungsleiter, dem es bei jedem der vorgenommenen Exponate gelang, historisch-politische und persönliche Hintergründe so zu verweben, dass die Geschichtlichkeit hinter der (zugegebenermaßen sonst fast immer schwer zugänglichen) Symbolik eines jeden Kunstwerks zu enthüllen.

    „Kunst als Ersatz für wissenschaftliche oder journalistische Recherche, das ist ein fataler Ansatz“. Ich glaube nicht, dass das DHM für die Kunst den Anspruch erhebt, sie solle akademische und publizistische Geschichtsschreibung ersetzen. Es geht vielmehr darum, die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf die (m. E. unbestrittene) Rolle von Kunst für politische Artikulation und politische Bildung zu ziehen.

    Und damit eben auch für die Historiographie. Historiker und (hoffentlich) auch Geschichtslehrer wissen es, und jeder politisch und kulturell einigermaßen interessierte Bürger müsste es wenigstens vermuten: Historische Dokumente – die Quellen, auf denen jegliche ernstzunehmende Geschichtsschreibung zu basieren hat – können die unterschiedlichsten Gestalten annehmen. Auch die von Kunstwerken.

    In diesem Sinne ist es sehr wohl „der Auftrag eines Geschichtsmuseums“, eine solche Ausstellung zu veranstalten – jedenfalls einer seiner Aufträge. Dieser Auftrag ist dem DHM sehr gelungen.

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