ÖsterreichKunst vor der Hütte

Die art-lodge in Kärnten versammelt auf 1.058 Meter Höhe moderne Installationen, Bilder und Skulpturen. Wem das zu bunt wird, der springt einfach ins kalte Wasser. von Andrea Fröhlich

Das Wasser im Bio-Pool der art-lodge ist von beglaubigter Bergseequalität.

Das Wasser im Bio-Pool der art-lodge ist von beglaubigter Bergseequalität.  |  © Cyrus Saedi für DIE ZEIT

Ein nackter Mann kniet vor mir. Kahl und kreideweiß kauert er auf dem Boden. Es sieht aus, als würde er in einer Yogapose verharren. Die Figur ist eine Installation der Künstlerin Claudia Rogge. Sie steht im Eingangsbereich der art-lodge, eines kleinen Hotels in Kärnten. Und sie ist nur eines von unzähligen Kunstwerken, die Dirk und Katrin Liesenfeld im Laufe der Jahre gesammelt haben. Die beiden ehemaligen Werber aus Düsseldorf, sie eine zierliche Blonde, er Typ gemütlicher Kumpel in Freizeithemd und kurzer Hose, hatten irgendwann einmal keinen Platz mehr für all die Bilder und Skulpturen und Installationen. Ursprünglich wollten sie damit ein Kunsthotel in Portugal eröffnen, an der Küste. »Die Alpen waren für uns ein Kindheitstrauma, da mussten wir immer mit den Eltern zum Wandern hin«, sagt Katrin Liesenfeld nach einem herzlichen Empfang in der Lobby. Doch dann verbrachten sie vor sechs Jahren ein paar Tage in den Nockbergen, die tatsächlich an Nockerl erinnern, und ihnen erging es wie allen, die hierher kommen: Die Blicke über sanft gerundete Kuppen und Hänge, über Fichtenwälder und Wiesen mit bunten Wildblumen machen einfach glücklich.

Inmitten diesen grünen Wunders fanden die beiden auf 1058 Meter Höhe den Rohrerhof, ein 300 Jahre altes Gebäude in hölzernem Kleid, samt Scheune und Schuppen. Kein Bus schraubt sich die Straße hoch, der nächste Nachbar ist außer Sicht- und Hörweite, Ruhe pur. Die Liesenfelds zögerten nicht lange, kauften und entrümpelten, bauten um und machten und taten, bis sie endlich fertig war: ihre art-lodge, ein Vier-Sterne-Haus mit einem Dutzend individuell gestalteter Zimmer und Suiten. Alles voll mit Kunst.

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Bunt ist es geworden. Im Flur dominieren Magenta, Schwarz und Silber, und kaum betrete ich mein Zimmer, da werde ich von Pfefferminzkaugummigrün, saftigem Orange und schrägem Rot geblendet. Das winzige Bad ist aus einem Guss und original Siebziger, der dunkle hochflorige Teppich zum Glück nicht. Die Möbel aus altem Gasthausbestand sind neu lackiert, die Wände teils noch original holzvertäfelt. Kein Kühlschrank brummt neben dem Kopfkissen, eine Minibar für alle gibt es im Flur. Als ich mir eine Flasche Wasser nehme, lugt Frau Schulz um die Ecke. Frau Schulz ist klein, hat schwarze Haare und benimmt sich so höflich wie alle hier. Freudig wedelt die Zwergpudeldame mit dem Schwanz.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

art-lodge

Verditzer Straße 52, 9542 Verditz/Afritz am See, Kärnten

Tel. 0043-4247/29970, www.art-lodge.at, von Mai bis Dezember geöffnet. DZ ab 95 Euro

Ich kraule sie hinter dem Ohr, das genießt sie, dann greife ich mir eine der überall im Haus ausliegenden Design- und Kunstzeitschriften und mache mich auf den Weg nach draußen. Etwas unterhalb der Weide mit den wolligen Galloway-Rindern bleibt mein Blick wieder hängen. Die weiße Skulptur Ja Rot von Wolfgang Flad ist mit sechs Meter Länge und fast drei Meter Höhe das größte Objekt der art-lodge und scheint blutige Schrammen zu haben.

Zwischen Kunst und Natur schwankend, entscheide ich mich dann doch für den Bio-Pool hinter dem Saunaschuppen. Das Wasser ist von beglaubigter Bergseequalität, deshalb steht auf einem Schild am Beckenrand, dass Gästen mit »ekelerregenden Krankheiten« das Schwimmen untersagt ist. Das sei leider vorgeschrieben, sagt Dirk Liesenfeld und grinst dabei süffisant. Kopfüber springe ich in das Quellwasser, oweia, ist das kühl, tauche auf und blicke nach oben. Der Himmel ist Yves-Klein-blau, und außer Grillengezirpe und einem leisen Plätschern ist nichts zu hören. Anschließend lehne ich mich an die sonnenwarme Wand des Schuppens und lasse mich trocknen. Beim Blättern in der Zeitschrift erfahre ich, dass österreichische Wissenschaftler dem Holz der Zirbelkiefern erstaunlich erquickliche Wirkungen attestieren: Es verhilft zu besserem Schlaf und fördert die Geselligkeit. Ich verdränge mein schlechtes Gewissen, weil ich nicht beim Mountainbiken, Klettern oder Segeln oder sonst was bin, all den Dingen, für die andere Gäste hierher reisen. Und nicke ein.

Pünktlich zum Abendessen bin ich wieder auf den Beinen. Dirk Liesenfeld bekocht seine Gäste höchstselbst. Heute hat er eine Kartoffelsuppe gezaubert, einen Salat mit Honigdressing und für Vegetarier Tofugeschnetzeltes. Schmeckt grandios. Genauso wie die Cremeschnitte. Den Gute-Nacht-Trunk nehme ich auf meinem Balkon ein. Eine Sternschnuppe zieht ihre Bahn, der Ruf eines Kauzes ertönt, und ganz weit in der Ferne grollt Gewitterdonner. Ich denke an Kuschelrinder und junge Kunst und werde gleichzeitig gesellig und müde. Der Balkon muss aus Zirbelholz sein.

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    • Serie Hotels unter 100 Euro
    • Schlagworte Österreich | Kärnten | Hotel | Alpen | Reise | Tourismus
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