Die politische Philosophie beginnt mit der Frage nach der Gerechtigkeit. In Platons Politeia wirft Sokrates sie auf, und er sieht sich sogleich herausgefordert. Denn der Sophist Thrasymachos behauptet, als gerecht gelte immer nur das, was dem Stärkeren nütze. Die Gerechtigkeit habe kein eigenes Wesen und keine eigene Wahrheit.

Auch wenn es Sokrates gelingt, die Widersprüche der sophistischen Position aufzuzeigen, wurde dieser philosophische Streit nie beigelegt. Und wie könnte er auch, denn nach wie vor ist nicht nur innerhalb und zwischen Gesellschaften umstritten, was die Gerechtigkeit jeweils fordert – umstritten ist auch, ob Gerechtigkeitsurteile überhaupt objektiv gültig und wahr sein können. Dies zu zeigen, tritt nun einer der Größten seiner Zunft an: der früher in Oxford, bis heute in New York lehrende Ronald Dworkin, seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten Stimmen der Philosophie des Rechts und der Politik. Er legt hier die Summe seines Denkens vor, aber mehr als das: Er will nicht nur zeigen, dass es keinen Sinn hat, die Objektivität der Werte zu bestreiten, sondern auch, dass alle Werte eine Einheit bilden und dass Sokrates letztlich recht hatte, zu behaupten, dass das gute und das gerechte Leben eins sind.

Dworkin geht mit diesem elegant geschriebenen Buch weit über seine bisherigen, bahnbrechenden Arbeiten über individuelle Rechte, die Interpretation des Rechts und distributive Gerechtigkeit hinaus. Er beruft sich auf den Spruch des Dichters Archilochos, dem zufolge Füchse viele Dinge wissen, der Igel aber eine große Sache. Und er nimmt es nicht nur mit den Füchsen auf, die skeptisch, relativistisch oder szientistisch die Wahrheit der Werte bestreiten, sondern auch mit Wertepluralisten wie Isaiah Berlin. Dieser sah tief greifende Spannungen und Widersprüche zwischen den Werten, stellte aber deren objektive Geltung nicht infrage.

Und als ob das noch nicht genügte, fordert Dworkin auch die Konstruktivisten heraus, die mit Kant die Allgemeingültigkeit von praktischen Vernunftprinzipien, nicht aber von Urteilen über das gute Leben behaupten. Schließlich lehnt er die Unterstützung philosophischer "Realisten" ab, die die Objektivität von Werturteilen durch ein Erkenntnisvermögen moralischer "Tatsachen" erklären wollen. Dworkin sieht darin nur das falsche Spiegelbild des modernen Szientismus, das die Besonderheit ethischer und moralischer Urteile verkennt.

Das Besondere an diesem Buch sind somit weniger die Teile über die politische Moral und die Zurückweisung des Rechtspositivismus als diejenigen, in denen die Unabhängigkeit und Wahrheitsfähigkeit der Moral behauptet wird. Es wäre aber falsch, zu sagen, hier würden "metaethische" Fragen betont, denn die diesbezügliche Pointe von Dworkin ist es gerade, dass es zwischen der Ethik und der Metaethik – als der Reflexion auf das Wesen der Moral – keine Differenz gibt.

Dabei geht er nicht nur inhaltlich in die sokratische Richtung, sondern auch vom methodischen Grundgedanken her. Dieser lautet, dass wir als Menschen immer schon in Praktiken des Wertens und Urteilens eingebunden sind, aus denen es keinen skeptischen Ausweg gibt: Man muss urteilen, so wie man handeln muss, und man kommt nicht umhin, sich an Gründen zu orientieren. Dialogisch holt Dworkin seine imaginären Gesprächspartner stets von metaethischen Ausflügen oder – wie er sagen würde – Ausflüchten in die praktische, immer schon normative Welt der Teilnehmerperspektive zurück. "Sieh doch", hört man den sokratischen Philosophen ein ums andere Mal rufen, wie du nicht umhinkannst, zu deinem Leben und zu dem anderer Stellung zu nehmen, und verwechsle den begründeten Zweifel daran, ob du richtigliegst, nicht mit einem generellen Skeptizismus oder Relativismus.

In dieser normativen Welt hat niemand die Freiheit, sich deterministisch aus seiner praktischen Freiheit herauszureden; hier kann niemand sich als reiner Kulturbeobachter zurückziehen. Aber es kann Dworkins Igelsicht zufolge auch niemand bei einem Widerstreit der Werte enden – die Begründungspflicht geht so weit, auf dem Weg der Interpretation die beste Auflösung einer Pflichtenkollision zu suchen und weiterzusuchen, auch wenn man sie nicht gleich findet. In der praktischen Welt wie auch der philosophischen gibt es kein erklärendes "Diskursentrinnen", hier zählen nur rechtfertigende Argumente. Über alldem liegt ein gewaltiger Verantwortungs- und Rechtfertigungsimperativ, der nicht nur zur Selbstbegründung in Bezug auf das eigene Leben anhält, sondern auch zum unbedingten Respekt gegenüber anderen.