Philosoph Ronald DworkinEin moderner Sokrates

In seinem epochalen Werk "Gerechtigkeit für Igel" zeigt der Philosoph Ronald Dworkin, dass das gute und das gerechte Leben immer eins sind. von Rainer Forst

Die politische Philosophie beginnt mit der Frage nach der Gerechtigkeit. In Platons Politeia wirft Sokrates sie auf, und er sieht sich sogleich herausgefordert. Denn der Sophist Thrasymachos behauptet, als gerecht gelte immer nur das, was dem Stärkeren nütze. Die Gerechtigkeit habe kein eigenes Wesen und keine eigene Wahrheit.

Auch wenn es Sokrates gelingt, die Widersprüche der sophistischen Position aufzuzeigen, wurde dieser philosophische Streit nie beigelegt. Und wie könnte er auch, denn nach wie vor ist nicht nur innerhalb und zwischen Gesellschaften umstritten, was die Gerechtigkeit jeweils fordert – umstritten ist auch, ob Gerechtigkeitsurteile überhaupt objektiv gültig und wahr sein können. Dies zu zeigen, tritt nun einer der Größten seiner Zunft an: der früher in Oxford, bis heute in New York lehrende Ronald Dworkin, seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten Stimmen der Philosophie des Rechts und der Politik. Er legt hier die Summe seines Denkens vor, aber mehr als das: Er will nicht nur zeigen, dass es keinen Sinn hat, die Objektivität der Werte zu bestreiten, sondern auch, dass alle Werte eine Einheit bilden und dass Sokrates letztlich recht hatte, zu behaupten, dass das gute und das gerechte Leben eins sind.

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Dworkin geht mit diesem elegant geschriebenen Buch weit über seine bisherigen, bahnbrechenden Arbeiten über individuelle Rechte, die Interpretation des Rechts und distributive Gerechtigkeit hinaus. Er beruft sich auf den Spruch des Dichters Archilochos, dem zufolge Füchse viele Dinge wissen, der Igel aber eine große Sache. Und er nimmt es nicht nur mit den Füchsen auf, die skeptisch, relativistisch oder szientistisch die Wahrheit der Werte bestreiten, sondern auch mit Wertepluralisten wie Isaiah Berlin. Dieser sah tief greifende Spannungen und Widersprüche zwischen den Werten, stellte aber deren objektive Geltung nicht infrage.

Ronald Dworkin

geboren 1931, gehört zu den bedeutendsten Philosophen und Rechtstheoretikern unserer Zeit – und zu den wichtigen intellektuellen Stimmen Amerikas. Er studierte Jura in Harvard und Oxford, arbeitete dann als Anwalt, bevor er 1962 Professor in Yale wurde. Seit Ende der sechziger Jahre lehrte er in Oxford, New York und London Rechtswissenschaften und Philosophie.

Sein Denken kreist vor allem um die Dynamik der Rechtsprechung, die er auch an moralische Normen gebunden sieht. Zudem entwickelte Dworkin einen »egalitären Liberalismus«, dessen Theorie die Gleichheit als Bedingung von Freiheit betont. Sein Werk wurde mit vielen Preisen bedacht, etwa mit dem Bielefelder Wissenschaftspreis (2006) und dem norwegischen Holberg-Preis (2007). Mitte November erhält Dworkin in Rom den mit einer Million Schweizer Franken dotierten Balzan-Preis.

Und als ob das noch nicht genügte, fordert Dworkin auch die Konstruktivisten heraus, die mit Kant die Allgemeingültigkeit von praktischen Vernunftprinzipien, nicht aber von Urteilen über das gute Leben behaupten. Schließlich lehnt er die Unterstützung philosophischer "Realisten" ab, die die Objektivität von Werturteilen durch ein Erkenntnisvermögen moralischer "Tatsachen" erklären wollen. Dworkin sieht darin nur das falsche Spiegelbild des modernen Szientismus, das die Besonderheit ethischer und moralischer Urteile verkennt.

Das Besondere an diesem Buch sind somit weniger die Teile über die politische Moral und die Zurückweisung des Rechtspositivismus als diejenigen, in denen die Unabhängigkeit und Wahrheitsfähigkeit der Moral behauptet wird. Es wäre aber falsch, zu sagen, hier würden "metaethische" Fragen betont, denn die diesbezügliche Pointe von Dworkin ist es gerade, dass es zwischen der Ethik und der Metaethik – als der Reflexion auf das Wesen der Moral – keine Differenz gibt.

Dabei geht er nicht nur inhaltlich in die sokratische Richtung, sondern auch vom methodischen Grundgedanken her. Dieser lautet, dass wir als Menschen immer schon in Praktiken des Wertens und Urteilens eingebunden sind, aus denen es keinen skeptischen Ausweg gibt: Man muss urteilen, so wie man handeln muss, und man kommt nicht umhin, sich an Gründen zu orientieren. Dialogisch holt Dworkin seine imaginären Gesprächspartner stets von metaethischen Ausflügen oder – wie er sagen würde – Ausflüchten in die praktische, immer schon normative Welt der Teilnehmerperspektive zurück. "Sieh doch", hört man den sokratischen Philosophen ein ums andere Mal rufen, wie du nicht umhinkannst, zu deinem Leben und zu dem anderer Stellung zu nehmen, und verwechsle den begründeten Zweifel daran, ob du richtigliegst, nicht mit einem generellen Skeptizismus oder Relativismus.

Rainer Forst

ist Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihm »Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse« (Suhrkamp, Berlin 2011)

In dieser normativen Welt hat niemand die Freiheit, sich deterministisch aus seiner praktischen Freiheit herauszureden; hier kann niemand sich als reiner Kulturbeobachter zurückziehen. Aber es kann Dworkins Igelsicht zufolge auch niemand bei einem Widerstreit der Werte enden – die Begründungspflicht geht so weit, auf dem Weg der Interpretation die beste Auflösung einer Pflichtenkollision zu suchen und weiterzusuchen, auch wenn man sie nicht gleich findet. In der praktischen Welt wie auch der philosophischen gibt es kein erklärendes "Diskursentrinnen", hier zählen nur rechtfertigende Argumente. Über alldem liegt ein gewaltiger Verantwortungs- und Rechtfertigungsimperativ, der nicht nur zur Selbstbegründung in Bezug auf das eigene Leben anhält, sondern auch zum unbedingten Respekt gegenüber anderen.

Leserkommentare
  1. dann wäre ich glücklich-leider beweist die mir bekannte Realität genau das Gegenteil-die beschriebenen Ausnahmen gibt es natürlich auch.

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  2. die Welt der Philosophen. Da kommt ein bisschen Neid auf. Die vorgefundene Realität enthüllt soviele unterschiedliche Moralen, Gerechtigkeiten, Ungererechtigkeiten und Ethiken, wie mir Köpfe begegnen. Je älter ich werde, desto rätselhafter wird diese Angelegenheit. Kein Gehirn ist wie das andere verdrahtet. Mit allen dies auch zu dem diskutierten Thema nach sich ziehenden Konsequenzen. Weshalb überhaupt etwas funktioniert? Ich wusste es noch nie wirklich und weiß es noch immer nicht wirklich. Tatsächlich weiß ich es immer weniger. Weshalb machen mich solche theoretischen Dispute so sterbensmüde? Sie sind sicher nicht falsch, aber sind sie deshalb schon auf der richtigen, der dem Leben zugewandten Fährte?

    3 Leserempfehlungen
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    Weg von Ethik: Sie wollen wissen, warum überhaupt etwas funktioniert, obwohl doch alle anders denken? Hier kommt die Philosophie ins Spiel. Weil es ein formales Fundament gibt, auf dem wir alle gleich funktionieren, unabhängig davon, was da noch Verschiedenes drauf kommt. Versuche Sie mal, sich unräumlich zu bewegen oder unzeitlich zu denken etc. - das funktioniert nicht und es gibt philosophische Argumente, die belegen, dass nicht nur Ihnen das nicht gelingt und auch nicht nur uns gerade zufällig allen nicht gelingt, sondern dass es niemandem, der so tickt wie wir, jemals gelingen kann. Obwohl die Beweise nicht aufgrund von Erfahrungen geführt werden (können), darf die Erfahrung sie nicht Lügen strafen. Es geht darum, gerade das von Ihnen erfragte herauszufinden: Welche Prinzipien stecken hinter alledem, das da funktioniert? Was können wir davon überhaupt wissen, was nicht, was ist Wissen überhaupt und was scheidet es von bloßer Wahrnehmung, Glauben etc.? Und das hat Auswirkungen, auch auf einen persönlich: Zu lernen, gewisse Frage richtig zu stellen, damit es überhaupt eine (richtige) Antwort auf die Frage geben kann - mit Ihren Fragen sind Sie jedenfalls mittendrin in der philosophischen Diskussion, die Sie so "sterbensmüde" finden. Die Fragen stellen Sie ja trotzdem, also so langweilig kann das auch für Sie nicht sein.

    Als ich über den Satz "Dworkins Deutung jedoch ist eine andere, da sie auch die ethische Pflicht zur Beförderung des eigenen guten Lebens aus der Würdereflexion entwickelt." stolperte, da ich zuerst Würgereflexion gelesen hatte, begann auch ich mich zu langweilen.

    Gibt's Dworkin auch schon gebraucht? Die öffentliche Bücherei hat leider kaum Geld.

    Würde die Würde vorhanden sein, würde ich sie nicht missen.

    Sokrates hat den Maßstab gesetzt: Das gute und gerechte Leben ist eins.

    Ich behaupte, Gerechtigkeit versucht stets einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem Schwächeren und dem Stärkeren. Wobei die Seele der Gerechtigkeit durchaus darin liegt, dass der Stärkere für den Schwächeren eintreten kann und der Schwächere für den Stärkeren, und wenn es nur sei, um ihm die Verrohung der Sitten vor Augen zu halten.

    Auch Thrasymachos hatte mit der Aussage recht, das Gerechtigkeit immer nur dem Starken nütze. Und dieses scheint mir nun in der Tat eine ontologische Wahrheit zu sein. Da frage ich mich doch, warum das so ist.

    • Banause
    • 28. Oktober 2012 22:33 Uhr

    Im Grunde sagt die Rezension von Herrn Prof. Forst nichts anderes, als dass Kant immernoch recht hat. Dworkin hätte sich also sein Buch sparen können. (-;

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  3. Weg von Ethik: Sie wollen wissen, warum überhaupt etwas funktioniert, obwohl doch alle anders denken? Hier kommt die Philosophie ins Spiel. Weil es ein formales Fundament gibt, auf dem wir alle gleich funktionieren, unabhängig davon, was da noch Verschiedenes drauf kommt. Versuche Sie mal, sich unräumlich zu bewegen oder unzeitlich zu denken etc. - das funktioniert nicht und es gibt philosophische Argumente, die belegen, dass nicht nur Ihnen das nicht gelingt und auch nicht nur uns gerade zufällig allen nicht gelingt, sondern dass es niemandem, der so tickt wie wir, jemals gelingen kann. Obwohl die Beweise nicht aufgrund von Erfahrungen geführt werden (können), darf die Erfahrung sie nicht Lügen strafen. Es geht darum, gerade das von Ihnen erfragte herauszufinden: Welche Prinzipien stecken hinter alledem, das da funktioniert? Was können wir davon überhaupt wissen, was nicht, was ist Wissen überhaupt und was scheidet es von bloßer Wahrnehmung, Glauben etc.? Und das hat Auswirkungen, auch auf einen persönlich: Zu lernen, gewisse Frage richtig zu stellen, damit es überhaupt eine (richtige) Antwort auf die Frage geben kann - mit Ihren Fragen sind Sie jedenfalls mittendrin in der philosophischen Diskussion, die Sie so "sterbensmüde" finden. Die Fragen stellen Sie ja trotzdem, also so langweilig kann das auch für Sie nicht sein.

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    Ich glaube mich lähmt der Umstand, dass hier Konstrukte, also Ethik, Würde, usw. aus Konstrukten ihre Tragfähigkeit erfahren sollen. Nun halte ich es für legitim, Konstrukte in der 3. oder 4. Etage über "Normal Null" mithilfe von weiteren Konstrukten auszudeuten. Wenn es allerdings darum gehen soll, herauszufinden, woraus der Wunsch nach Gerechtigkeit sein Gewicht erfährt, dann scheint mir dieser Ansatz nicht geeignet.
    Ein kritikfähiger Vorschlag:
    Wo steht geschrieben, woraus ließe sich wasserdicht ableiten, dass unbestreitbar vorhandenes Leiden zu mehren sei? Bis zur Stunde kann ich nichts finden. Die Widrigkeiten der Natur können zwar derart in Erscheinung treten, dass sich aus Menschensicht die Rede vom Fluch nahe legt. Bei genauerer Betrachtung ist da allerdings kein Fluch, sondern die Natur ist und tut, was sie eben ist. Im Umgang mit Menschen: Ein übler Soziopath ist erst mal nicht böse, er ist, was er ist. Eine irgendwie geartete Ethik besteht per se evtl. insofern, als dass die Elemente seit Alters einen unbändigen für uns Menschen kaum fassbaren Willen zum Gestalten dokumentieren. Es scheint dem Wesen der Elemente innezuwohnen, von Anbeginn keinen Stein auf dem anderen zu lassen und alle nur denkbaren und undenkbaren Spielarten und Möglichkeiten in die Realität zu bringen. Ich selbst bin in dieses Spiel offenbar eingewoben. Ist es gut, dass es Füchse gibt? Keine Ahnung. Aber respektabel finde ich es. Weil die Elemente Leben dokumentieren und nicht nichts.

  4. Gut=Gerecht?
    Eher Wunschdenken eines Philosophen!
    Zumal Begriffe wie "gut" oder "gerecht" Definitionssache sind.
    Wir waren schonmal weiter, mit Sigmund Freud, der Deutung (bzw. Unterstellung) des egoistischen Menschen, Geltungssüchtigkeit und Imponiergehabe, etc.
    Nur objektive Wissenschaft kann Wohlstand für alle liefern!
    Die Überzeugungen einzelner Menschen (z.B. Politiker), führen fast immer ins Chaos und sind selten vollständig durchdacht.

  5. Ich glaube mich lähmt der Umstand, dass hier Konstrukte, also Ethik, Würde, usw. aus Konstrukten ihre Tragfähigkeit erfahren sollen. Nun halte ich es für legitim, Konstrukte in der 3. oder 4. Etage über "Normal Null" mithilfe von weiteren Konstrukten auszudeuten. Wenn es allerdings darum gehen soll, herauszufinden, woraus der Wunsch nach Gerechtigkeit sein Gewicht erfährt, dann scheint mir dieser Ansatz nicht geeignet.
    Ein kritikfähiger Vorschlag:
    Wo steht geschrieben, woraus ließe sich wasserdicht ableiten, dass unbestreitbar vorhandenes Leiden zu mehren sei? Bis zur Stunde kann ich nichts finden. Die Widrigkeiten der Natur können zwar derart in Erscheinung treten, dass sich aus Menschensicht die Rede vom Fluch nahe legt. Bei genauerer Betrachtung ist da allerdings kein Fluch, sondern die Natur ist und tut, was sie eben ist. Im Umgang mit Menschen: Ein übler Soziopath ist erst mal nicht böse, er ist, was er ist. Eine irgendwie geartete Ethik besteht per se evtl. insofern, als dass die Elemente seit Alters einen unbändigen für uns Menschen kaum fassbaren Willen zum Gestalten dokumentieren. Es scheint dem Wesen der Elemente innezuwohnen, von Anbeginn keinen Stein auf dem anderen zu lassen und alle nur denkbaren und undenkbaren Spielarten und Möglichkeiten in die Realität zu bringen. Ich selbst bin in dieses Spiel offenbar eingewoben. Ist es gut, dass es Füchse gibt? Keine Ahnung. Aber respektabel finde ich es. Weil die Elemente Leben dokumentieren und nicht nichts.

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    Ist es nicht so, dass jeder neu geborene Mensch zwar von den Überlieferungen der Alten profitieren kann. Allerdings erfindet dennoch jeder Mensch die Welt neu, so als ob er/sie der allererste Mensch sei,der jemals gelebt hat. Mir fehlt die sichtbare und mitgeteilte simple Alltagserfahrung, aus der jeder auch noch so erhabene Handlungsunterbau seine Kraft bezieht. Ethik, Würde und Gerechtigkeit, das sind am allerwenigsten abstrakte Konstruktionen. Sie entstehen aus der bewussten Begegnung mit der Welt. Wer die Welt besser amchen will, sollte zunächst das, -soweit das durch die menschliche Brille überhaupt möglich ist, wertfreie Staunen über das Unerklärbare sorgfältig und vor allem anderen pflegen, denn aus dieser Beziehungserfahrung, die der Verstand nachfolgend selbstverständlich mehr oder weniger klug ordnet und seine Handlungen daran auszurichten bemüht, beziehen die Begriffe ihre Überzeugungskraft.
    Diese Sicht erlaubt es, auch einem üblen Psychopathen Würde zu verleihen, indem der zunächst eben auch ein, wenn auch gefährlich erfahrenes, erstaunliches Wunderwerk ist, wie die betrachtende Peson selbst. Diese Sicht erlaubt es, die Beziehung zu diesem gefährlichen Charakter reflektierend so zu ordnen, dass ein lebensfähiges Gemeinwesen wenigstens angestrebt werden kann, ohne diesen Charakter als Wesen an sich verdammen zu müssen. D.h. Würde beispsw. ist in der Art kein erlernbares, logisch herleitbares Konstrukt, sondern Qualitätsmerkmal der Sicht in die Welt.

  6. Ein moderner Sokrates, müßte die postmodernen Vorsokratiker
    verstehen.

  7. Ist es nicht so, dass jeder neu geborene Mensch zwar von den Überlieferungen der Alten profitieren kann. Allerdings erfindet dennoch jeder Mensch die Welt neu, so als ob er/sie der allererste Mensch sei,der jemals gelebt hat. Mir fehlt die sichtbare und mitgeteilte simple Alltagserfahrung, aus der jeder auch noch so erhabene Handlungsunterbau seine Kraft bezieht. Ethik, Würde und Gerechtigkeit, das sind am allerwenigsten abstrakte Konstruktionen. Sie entstehen aus der bewussten Begegnung mit der Welt. Wer die Welt besser amchen will, sollte zunächst das, -soweit das durch die menschliche Brille überhaupt möglich ist, wertfreie Staunen über das Unerklärbare sorgfältig und vor allem anderen pflegen, denn aus dieser Beziehungserfahrung, die der Verstand nachfolgend selbstverständlich mehr oder weniger klug ordnet und seine Handlungen daran auszurichten bemüht, beziehen die Begriffe ihre Überzeugungskraft.
    Diese Sicht erlaubt es, auch einem üblen Psychopathen Würde zu verleihen, indem der zunächst eben auch ein, wenn auch gefährlich erfahrenes, erstaunliches Wunderwerk ist, wie die betrachtende Peson selbst. Diese Sicht erlaubt es, die Beziehung zu diesem gefährlichen Charakter reflektierend so zu ordnen, dass ein lebensfähiges Gemeinwesen wenigstens angestrebt werden kann, ohne diesen Charakter als Wesen an sich verdammen zu müssen. D.h. Würde beispsw. ist in der Art kein erlernbares, logisch herleitbares Konstrukt, sondern Qualitätsmerkmal der Sicht in die Welt.

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    Wenn Würde ein sich aus einer Tätigkeit ergebendes Attribut der Qualität Handelnden und des Behandelten darstellt, dann wird evtl. klarer, weshalb mich der im Artikel beschriebene Exkurs so sterbensmüde macht. Dort ist die Welt auf den Kopf gestellt, da nicht die Kraftquellen, der Ursprung der Begiffe behandelt werden, sondern den Begriffen wird per se Kraft zugesprochen. Das wäre ein kapitaler Holzweg insofern, als dass die Pflege des Wesentlichen, die Qualität der Beziehung zur Welt, zugunsten von blutleerer Konstruktionspflege als Wert an sich aufgegeben wird. Ich will vorsichtig sein, evtl. ist ja dieser Ansatz bei Ronald Dworkin zu finden und beim hier besprochenen Rezensenten verloren gegangen. Womit belegt sei, dass ich bisher von Ronald Dworkin nichts gelesen habe. Der Artikel gibt Anlass, dies nachzuholen ...

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2012 Nr. 43
  • Schlagworte Sachbuch | Buch | Literatur | Philosophie
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