Urlaub in PolenNur die Ruhe...

Brombeeren essen auf der Holzschaukel, lesen am Steg – idyllischer geht es kaum. Der Gasthof Galkowo im Masurischen Landschaftspark weckt Erinnerungen an glückliche Kindheitstage. von Irene Brauer

In einem alten Forsthaus hat Alexsander Potocki die "knajpa" Galkowo eingerichtet.

In einem alten Forsthaus hat Alexsander Potocki die "knajpa" Galkowo eingerichtet.  |  © Cyrus Saedi für DIE ZEIT

Die sehnige 73-Jährige steht wie ein Gondoliere am Heck ihres Holzkahns und singt wehmütige ostpreußische Heimatlieder. Kristina ist Stakerin, schon ihr Leben lang. Von Frühjahr bis Herbst schippert sie mit ihrem zwei Meter langen Kiefernstab Touristen durch die Windungen des kristallklaren Waldflüsschens Krutynia im Masurischen Landschaftspark. In jungen Jahren ist sie mal ausgewandert, nach Westen. Zwei Jahre lang hat sie es dort ausgehalten, dann kehrte sie zurück.

Am Ufer des Flüsschens, dort, wo eine abgestorbene Birke bizarr ins Wasser ragt, sind wir mit Aleksander Potocki verabredet. Aleksander hat sich ein paar Kilometer weiter, in Galkowo, verwurzelt – pipidówa, sagen die Polen dazu, janz weit draußen. Am Rande des 130-Seelen-Fleckens im südöstlichen Masuren erwarb der Nachkomme eines polnischen Adelsgeschlechts vor 15 Jahren ein Stück unbebautes Wiesenland am Waldesrand. »Warum gerade hier?« – »Ach, die Liebe, wissen Sie...« Aleksander, ein baumlanger junger Mann mit Lockenkopf, träumte von einem Gasthof mit Kneipe. »Vom Bankier zum Kneipier«, nennt er seinen Lebensentwurf. Zunächst baute er ein Haus für sich, seine Frau Dorota und ihre beiden Kinder. Dann machte er sich auf die Suche nach verfallenden Scheunen und Schuppen, im armen Masuren keine Seltenheit. Zwei Holzruinen versetzte er auf sein Land, restaurierte sie und richtete darin einen Altersruhesitz für seine Mutter Renate Marsch-Potocka und 14 Gästezimmer für Touristen ein. Kleine Räume mit weiß getünchten Wänden, Decken und Fußböden aus Holz, schlichte alte Bauernmöbel aus der Region – ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, eine Lampe. An der Wand die Handzeichnung einer Jagdszene. Durch das geöffnete Fenster duftet die Blumenwiese. Das Wiehern der Pferde ist vom nahe gelegenen Gestüt zu hören, das Kläffen eines Hundes von irgendwo – mehr nicht. Der Gast aus der Großstadt schlummert still zufrieden dem nächsten Morgen entgegen. Zum Frühstück schlendert er ein paar Schritte durch den Garten, rüber in die knajpa, ein drittes Gebäude. Das ehemalige Forst- und Jagdhaus der Grafen von Lehndorff-Steinort stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Anzeige

Heute prangt das Wappen der Grafen Potocki unter dem Dachfirst – Aleksanders Vorfahren. Das dunkelholzige, mit Weinlaub bewachsene Gebäude ist sein wahr gewordener Traum. Unter Aufsicht des polnischen Denkmalschutzes hat er das vom Verfall bedrohte Haus abgetragen und von Sztynort ins 80 Kilometer entfernte Galkowo verbracht. »Warum habt ihr das gemacht?« – »Weil wir verrückt sind«, antwortet Aleksander. Drei Jahre hat die Rekonstruktion gedauert, Aleksander wurde zu einem der größten Arbeitgeber der armen Region.

In der knajpa trifft man sich immer ab neun Uhr morgens zum Essen, Trinken, Schwatzen, Ausruhen. Familien, Hundebesitzer, Paddler, Radler, Wanderer, Reiter, Reisegruppen – jeder ist hier willkommen. Die jungen Bedienungen sprechen ein bisschen Deutsch, sie stammen aus dem Freundeskreis der Potockis. Adam, der Koch, hat schon beim Aufbau der knajpa geholfen. Die regionale Küche wird der jeweiligen Saison angepasst und ist köstlich: zum Frühstück Joghurt mit Himbeeren aus dem eigenen Bauerngarten, zum Mittagessen Kartoffelpuffer mit frischen Pfifferlingen, zum Nachmittagskaffee Apfelkuchen – da werden Kindheitserinnerungen wach.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

Gasthof Galkowo

Aleksander Potocki, Galkowo 46, 12-220 Ruciane-Nida

Tel. 0048-87/4257073 oder 0048-87/4257068, www.galkowo.pl. DZ ab 35 Euro

Im anheimelnden Halbdunkel des Gastraums sitzt man auf Holzbänken an langen Tischen, die terrakottafarben gestrichenen Wände sind bedeckt mit Familienfotos und gerahmten Bildern – Szenen von einst, die Aleksanders Großvater »aus der Erinnerung« gezeichnet hat. Am brennenden Kaminfeuer in das plüschige rote Dreisitzersofa sinken, einen Wodka kippen und die feuchten Wanderschuhe trocknen lassen – auch das ist hier möglich. Geöffnet ist, bis der letzte Gast geht. Wer später kommt, hat noch die Holzveranda vor dem Haus, um im Schein des sich rundenden Augustmondes den Tag ausklingen zu lassen. Es hat sich gelohnt, um halb fünf morgens auf die Pirsch zu gehen, um zehn nach fünf hat wirklich der Hirsch geröhrt. Nein, das war kein Hund! Und gelohnt hat sich auch der Rückweg über die tautriefende Wiese, vorbei am Friedhof der Altgläubigen, wo die aufgehende Sonne das morgendliche Nebelmeer geradezu mystisch auflöste und die weißen Kreuze auf den Gräbern enthüllte.

Ein neuer Tag. Über die geschwungene Treppe mit von Generationen ausgetretenen Holzstufen gelangt man in die oberen Räume der knajpa. Hier hat Aleksanders Mutter zu Ehren der unvergesslichen Journalistin Marion Gräfin Dönhoff einen Salon eingerichtet, einen Ort zum Verweilen mit Blick auf die Pferdeweiden, zum Lesen der ausliegenden Literatur. Man kann auch der vom Knistern des Tonbandes verfremdeten Stimme Marion Dönhoffs lauschen. Sie liest aus ihrem Ritt durch Masuren: »Herr Gott, wie schön die Welt ist – sein könnte...«

Ins Gästebuch hat jemand geschrieben: »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.« Der Besucher aus der Großstadt hat sie wiedergefunden, still in seinem kleinen Zimmer, lesend auf dem Steg im See, Himbeeren essend auf der Holzschaukel im blühenden Garten, durch Wiesen wandernd unterm Regenbogen.

Jeder Gast wird an diesem besonderen Ort irgendetwas wiederfinden, mit Glück sogar sich selbst. Hin und wieder kommt auch Kristina mal vorbei. Neulich brachte die alte Stakerin ihre Schwester mit. »Wollt ich ihr mal das Häuschen zeijen und den ippijen Jarten.« Beide finden alles von einer »jroßarrtjen Scheenhejt«.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. und sehr lobenswert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nannte meine Oma Masuren, in die sie nie zurückkehren konnte. Ihr Leben lang hatte sie Sehnsucht und Heimweh nach diesem idyllischen Flecken Erde.

    Aus ihren Erzählungen hatte ich als Kind eine ziemlich genaue Vorstellung der Landschaft, der Pflanzen und Gerüche zu allen Jahreszeiten.

    Ich wollte eigentlich mal Masuren besuchen. Dieser Artikel erinnert mich daran, dass ich es bald tun sollte, bevor möglicherweise eine Tourismusindustrie die Urwüchsigkeit der Landschaft und Natur zerstört, und es mit der Langsamkeit der Zeit vorbei ist.

  2. nannte meine Oma Masuren, in die sie nie zurückkehren konnte. Ihr Leben lang hatte sie Sehnsucht und Heimweh nach diesem idyllischen Flecken Erde.

    Aus ihren Erzählungen hatte ich als Kind eine ziemlich genaue Vorstellung der Landschaft, der Pflanzen und Gerüche zu allen Jahreszeiten.

    Ich wollte eigentlich mal Masuren besuchen. Dieser Artikel erinnert mich daran, dass ich es bald tun sollte, bevor möglicherweise eine Tourismusindustrie die Urwüchsigkeit der Landschaft und Natur zerstört, und es mit der Langsamkeit der Zeit vorbei ist.

  3. in dem Geburtsort meines Vaters waren wir erstaunt wie realistisch, freundlich und entspannt die dort heute lebenden Bewohner uns empfangen haben.

    Nicht nur die Landschaft auch die Szenarien der Wolken am Himmel erschienen uns da mehr als wunderbar.

  4. 5. .....

    Schön!

  5. Hier wird ein liebevolles Bild einer leidgeprüften Landschaft und Menschheit vermittelt. Wer dies in seiner historischen Grösse und Tiefe erfassen will, sollte auch die deutschen Namen und den Jahrhundete alten kulturellen Fussabdruck des von dort vertriebenen deutschen Volkes kennen lernen. So war zu deutscher Zeit Sztynort, Steinort und Galkowo hiess Galkowen. Die Gräfin Marion Dönhoff, deren Vorfahren vor 700 Jahren aus dem Westfälischen nach Ostpreussen zogen, hat 1962 in ihrem Bändchen "Namen, die keiner mehr nennt" (Ostpreussen - Menschen und Geschichte) die Geschichte und den Verlust Ostpreussens nüchtern und ohne falsche Wehleidigkeit beschrieben. Sie nimmt auch Stellung zu Irrtümern in der Geschichtsschreibung und stellt klar:"Ostpreussen war nicht ur-slawisches Gebiet, in das die Germanen erobernd eingedrungen waren, vielmehr sind die Slawen spät, erst im 8. Jahrhundert nach Christus, an der Weichsel und Oder erschienen. Eineinhalb Jahrtausende lang hatten dort zuvor Germanen gesessen....."

    Heute noch werden Bücher über den glanzvollen deutschen Osten -warts and all- veröffentlicht, so z.B. ein in diesem Jahr erschienenes Buch von Max Egremont unter dem Titel "FORGOTTEN LAND". Das alles kann einem friedvollen europäischen Zusammenwachsen nur gedeihlich sein.

    Schönes Wochenende an alle, die hier mitmachen. G.B.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • BenGO
    • 30. Oktober 2012 16:22 Uhr

    u.a. die Pruzzen haben dort "gesessen".
    Übrigens Steinort-Sztynort (Nord)und Galkowen-Galkowo((Süd)liegen ca. 80 km in Nord Süd Richtung auseinander. Das ist insofern von Bedeutung, weil in den hier beschriebenen südl. Masuren stets verschiedene autochtonische Minderheiten ansässig waren (u.a. die Philipponen, altrussische Altgläubige)

    Grüße an Sie

    • BenGO
    • 30. Oktober 2012 16:22 Uhr

    u.a. die Pruzzen haben dort "gesessen".
    Übrigens Steinort-Sztynort (Nord)und Galkowen-Galkowo((Süd)liegen ca. 80 km in Nord Süd Richtung auseinander. Das ist insofern von Bedeutung, weil in den hier beschriebenen südl. Masuren stets verschiedene autochtonische Minderheiten ansässig waren (u.a. die Philipponen, altrussische Altgläubige)

    Grüße an Sie

  6. Wobei der Begriff "indogermanisch" eigentlich nur die Deutschen benutzen, alle Anderen (womöglich mit sehr wenigen Ausnahmen) verwenden "indoeuropäisch".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • BenGO
    • 31. Oktober 2012 10:15 Uhr

    ..aber nicht nur die Deutschen, Frau Kowalska!
    Die Römer und die Celtae haben das auch schon gemacht!
    Meine Einlassung zu den baltischen Stämmen hielt ich für gegeben, weil Fr. Behm immer und immer wieder und oft an völlig falscher Stelle das "Slawenpulver" bemüht.
    Bekanntlich ist das ja ebenfalls indoeuropäisch.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Hotels unter 100 Euro
  • Schlagworte Hotel | Polen | Reise | Tourismus | Gastronomie
Service