HochschulvergleicheSchluss mit dem Unfug

Sichern Rankings wirklich die Qualität der Universitäten? Eine Replik. von Margit Osterloh

Neben der Uni Hamburg haben fünf weitere Universitäten sowie mehrere Medizinische Fakultäten und akademische Fachgesellschaften (darunter der Verband der Historiker und die Gesellschaft Deutscher Chemiker) zum Boykott des CHE-Hochschulrankings* aufgerufen oder wollen Daten hierfür nicht mehr voraussetzungslos liefern. Außerdem haben mehr als 300 Professorinnen und Professoren der Betriebswirtschaftslehre in einem offenen Brief erklärt, dass sie am Personenranking des Handelsblatts nicht teilnehmen wollen. Machen sie alle aus Angst vor der Offenbarung ihrer Schwächen »die Schotten dicht«, wie Volker Meyer-Guckel behauptet? Er unterstellt dem Präsidenten der Uni Hamburg, er wolle sich nur an Rankings beteiligen, die seine Universität in ein gutes Licht rückten. Tatsächlich hält Hamburg beim Betriebswirte-Ranking des Handelsblatts Platz 9 von 106 relevanten Unis. Was ist also jenseits einer solchen billigen Unterstellung von den Argumenten zu halten?

Meyer-Guckel zufolge liefern Rankings wissenschaftliche Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit von Hochschulen. Rankings seien für deren strategische Ausrichtung, das Qualitätsmanagement sowie für Geldgeber wichtig. Hochschulen dürften sich Rankings also nicht entziehen, sonst würden sie sich eigenmächtig einem Forschungsvorhaben verweigern.

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Doch jeder weiß, dass Forschung heute immer einem intensiven Begutachtungsprozess durch internationale Fachleute unterworfen ist. Keine Uni entscheidet also eigenmächtig über ein Forschungsvorhaben, nur weil sie an einem Ranking nicht teilnehmen will. Die Frage ist doch: Dienen Rankings wie das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) oder des Handelsblatts tatsächlich dazu, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen? Dazu müssten sie in erster Linie den grundlegenden Anforderungen der empirischen Forschung genügen und offen für methodische Verbesserungen sein. Das ist aber nicht der Fall, wie die Antworten der Ranking-Produzenten auf die Kritik der Ranking-Verweigerer zeigen. Ranking-Produzenten haben normalerweise kein Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern an Publizität und Auflagen. Das zeigt auch die Aufbereitung der Ergebnisse, welche in erster Linie massenmedialen Präsentationsanforderungen und nicht wissenschaftlicher Dokumentation genügt.

Margit Osterloh

Die Autorin ist Professorin für Management Science an der University of Warwick und hat einen Boykott gegen das »Handelsblatt«-Ranking mitinitiiert. Hier antwortet sie Volker Meyer- Guckel, dem stellvertretenden Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, der in der ZEIT (Nr. 40/12) den Ranking-Boykott der Uni Hamburg kritisiert hatte.

Aus diesem Grund sind Rankings für die strategische Ausrichtung, das Qualitätsmanagement sowie für die Mittelvergabe an Hochschulen nicht hilfreich, sondern schädlich. Sie laden zu extrem simplifizierenden Urteilen ein und schaffen für Hochschulleitungen und Fakultäten einen enormen Druck, sich gemäß diesen einfachen Kriterien zu verhalten. Es entsteht ein Lock-in-Effekt, aus dem sich Forscher und Institutionen nicht mehr befreien können: Fakultäten sehen sich veranlasst, bevorzugt solche Kollegen zu berufen, die laut Ranking die eigene Reputation stärken und mehr Ressourcen einbringen. Es gilt das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Originelle Nachwuchswissenschaftler mit wenig Ranking-relevanten Publikationen haben das Nachsehen. Rankings schaffen eine Scheinrealität, die sie dann »objektiv« zu messen vorgeben, und übertünchen den inhaltlichen Fortschritt der Wissenschaft.

Die Folge ist, dass sich auch die Wissenschaftler in ihren Forschungsinhalten an Ranking-Kriterien orientieren. Der Druck, auf die Superstar-Liste zu kommen, verleitet die Forscher dazu, immer mehr Ergebnisse zu produzieren, die sich in internationalen Zeitschriften leicht veröffentlichen lassen. Das schadet der lokalen und regionalen Einbettung von Universitäten und den damit verbundenen positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft. Gerade eine gegenüber der Öffentlichkeit verantwortungsbewusste Universitätsleitung hat somit gute Gründe, die Schotten gegenüber dem Unfug der meisten Rankings dicht zu machen.

* Die ZEIT und der ZEIT Studienführer veröffentlichen regelmäßig das CHE-Hochschulranking

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