Chinesische LiteraturEs ist Weltliteratur!

Die Romane des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan sind großartig und befremdend. von 

Der Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Der Literaturnobelpreisträger Mo Yan  |  © Ed Jones/AFP/GettyImages

Hand aufs Herz: Außer Martin Walser hat ihn in Deutschland bisher kaum jemand gekannt. Mancher erinnert sich vielleicht an den kleinen, unscheinbaren Herrn, der vor drei Jahren in Anwesenheit von Angela Merkel die Frankfurter Buchmesse eröffnete, viel von Goethe und wenig von der Gegenwart sprach und von Unwissenden für einen schreibenden Apparatschik gehalten wurde. Man hätte es schon damals besser wissen können. Jetzt werden viele das Versäumte nachholen und werden einen großartigen Autor entdecken, der uns fremder nicht sein könnte.

Die Welt, in die Mo Yan, der eigentlich Guan Moye heißt, vor 56 Jahren hineingeboren wurde, sprengt und überfordert den Horizont seiner westlichen Leser. Das Dorf in Nordost-Gaomi in der Provinz Shandong, in dem er als Bauernkind aufwuchs und von dem er in seinem Roman Das rote Kornfeld schreibt, es sei der »zweifellos schönste und abstoßendste, einzigartigste und gewöhnlichste, heiligste und korrupteste, heroischste und feigste, trinkfreudigste und liebestollste Ort auf der Welt«, ist die unerschöpfliche Quelle einer Flut von monumentalen Romanen, die Weltliteratur zu nennen man sich nicht scheuen muss. Man mag die Ursituation dieser für Traum, Gewalt und Mythos so empfänglichen Kindheit Mo Yans in einem uns so fernen Zeitalter und einer uns so fremden Weltgegend in seinen frühen Kindheitserzählungen wiederfinden. Die Kinder dieser Erzählungen leben wie kleine Tiere, halb nackt und geschunden, zerrieben zwischen ihren Träumen und der Grausamkeit der Geschichte. In ihrer Einsamkeit und Hilflosigkeit suchen sie das Bündnis mit den Tieren und der durch Legenden wild belebten Natur. Selten gelingt es ihnen, ihre Kindheit unversehrt zu überleben. Manche liegen bald mit entblößtem Hintern leblos in den »roten Ranken der Süßkartoffeln«, und die Dorfbewohner »mit Gesichtern leer wie die Wüste« glotzen den Kinderhintern »voller Narben, aber auch voll Sonnenschein« an, als betrachteten sie sich selbst.

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Das Leben Mo Yans ist nicht das, was man behütet nennt. Als er elf Jahre alt war, verordnete Mao China die Kulturrevolution, die Schulen wurden geschlossen, das Kind musste Kühe hüten und Heu einfahren. Er sei, sagt er im Rückblick, nie mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern und deren zu ungeheuerlichen Übertreibungen neigender Erzählkunst. Mit achtzehn Jahren wurde er Fabrikarbeiter, mit zwanzig trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zum Propagandaoffizier aufstieg. 1984 wurde er in die Literaturabteilung der Kunsthochschule der Armee aufgenommen, später studierte er an der Lu-Xun-Literaturakademie in Peking, sodass es nicht untertrieben ist, zu sagen, Mo Yan sei ein staatlich ausgebildeter Schriftsteller und ein Kind der Kulturrevolution, das seine Stoffe in der von der intellektuellenfeindlichen Säuberungsmaßnahme erwünschten Weise in der mythischen und bäuerlichen Tradition Chinas fand. Mancher Kenner sagt, ohne die Revolution wäre Mo Yan nie Schriftsteller geworden, ohne die Revolution hätte er nie den Nobelpreis bekommen.

Dennoch liegt man falsch, wollte man Mo Yan zu einem rotchinesischen Traditionalisten erklären. Denn seinem drastischen, bilderstarken und glühend dramatischen Werk ist die westliche erkennungsdienstliche Unterscheidung zwischen moderner und vormoderner, fortschrittlicher und rückschrittlicher, hoher und volkstümlicher Literatur überhaupt nicht gewachsen. Den westlichen Leser stößt Mo Yan in jeder Hinsicht vor den Kopf – und bereitet ihm eine unfassbar verwirrende Lustqual voll aufgewühlten Grauens.

Nicht nur die gespenstische, wenig idyllische Dorfwelt der Romane lässt den mit den zivilen Berliner, Pariser und New Yorker Lesewelten vertrauten Abendländer wie ein verlassenes Kind mit entblößtem Hintern in den chinesischen Süßkartoffeln stehen. Auch die in unzählige drastische Episoden zersplitternde Handlung, die manchmal (wie in der Schnapsstadt) burlesk und wild komisch, meistens (besonders in der Sandelholzstrafe und in der Knoblauchrevolte) traumatisch gewaltsam ausfällt, verletzt die westlichen Lesebedürfnisse nach Ironie, Subtilität und mundgerechter Stoffzubereitung. Die körpersaftige, blutüberstömte Leiblichkeit in Mo Yans Romanen findet in den uns vertrauten christlichen Literaturtraditionen der Moderne – abgesehen von katholischen Exzentrikern wie Georges Bataille und seinen Nachfahren – kaum Vorbilder. Das Befremden eines westlichen Mittelstandsautors wie John Updike, der sich einmal darüber beklagt hat, dass der chinesische Roman nie ein viktorianisches Zeitalter erlebt habe, das ihn Sitte und Anstand gelehrt hätte, ist daraus zu erklären. Man liest Mo Yan beinahe mit zugehaltenen Augen und angehaltenem Atem.

Es ist erstaunlich und ein Beweis der Erstklassigkeit der deutschsprachigen Literaturlandschaft, dass viele der sehr umfangreichen Romane Mo Yans bereits jetzt in guten Übersetzungen vorliegen. Die zunächst bei Rowohlt und Horlemann erschienenen Romane Die Knoblauchrevolte, Das rote Kornfeld und Der Überfluss wurden im Zürcher Unionsverlag wieder aufgelegt. Für das kommende Frühjahr ist der Roman Der Frosch im Hanser Verlag angekündigt. Und zuletzt erschien das große, schwindelerregende Geschichtsepos Die Sandelholzstrafe im Insel Verlag.

Leserkommentare
  1. Ich finde es total ermüdent, dass nach Bekanntgabe des Preises erstmal gemausert wurde der Mann sei ja kein Regimegegner. Was soll denn das? Muss man denn unbedingt ein Oppositioneller sein um gute Literatur zu schreiben?

    Diese unnötige Kontfrontation nervt micht. Chinesische/Russische/Iranische Künstler werden nur beachtet, wenn sie sich möglichst medienwirksam mit dem "Regime" anlegen.

    Dann werden sie überall hin eingeladen und mit Preisen überhäuft. Ihr Können ist dabei nebensächlich. Hauptsache sie sind gut genug um in unserer schillernden Medienwelt eine politische Message verkünden zu können.

    War der Nobelpreis so gedacht? Muss unbedingt alles politisiert werden? Mensch dann ist der Mann eben ein normaler unpolitischer Chinese. Na und? Seine Geschichten sind doch toll.

    Ich glaube, dass man heutzutage sein "künstlerisches Können" unverhältnismäßig aufwerten kann, in dem man politisch die richtigen Sachen kritisiert. Oder besser gesagt: auf der richtigen Seite steht.

    Das ist nicht in Ordnung. Und es ist auch nicht echt.

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    es IST alles politisiert! Die Musik von Schostakowitsch kann man auch nur würdigen, wenn man die politischen Zusammenhänge kennt und die Rolle des Künstlers darin. Wobei ich Ihnen rechtgebe - es kommt nicht auf die in pro-westliche Mikrophone abgegebenen statements an (die von Schostakowitsch auch nie zu bekommen waren)

  2. es IST alles politisiert! Die Musik von Schostakowitsch kann man auch nur würdigen, wenn man die politischen Zusammenhänge kennt und die Rolle des Künstlers darin. Wobei ich Ihnen rechtgebe - es kommt nicht auf die in pro-westliche Mikrophone abgegebenen statements an (die von Schostakowitsch auch nie zu bekommen waren)

  3. und "ich finde, es lohnt sich", gut, dann werde ich bei Hugendubel mal reinlesen,aber nur deshalb!
    Doch wenn ich mir die heute immer noch geltenden Werte der Bildungsbürger so anschaue... Ist Arthur Schnitzler eigentlich auch Weltliteratur?

  4. quer über die Glatze kämmt -was hat der für ein Bewusstsein, frag ich mich!

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    • jqqg
    • 19. Oktober 2012 16:21 Uhr

    Sie ziehen ihre Bewertungen ganz schön an den Haaren herbei - würde gerne Ihre Frisur sehen.

    • jqqg
    • 19. Oktober 2012 16:21 Uhr

    Sie ziehen ihre Bewertungen ganz schön an den Haaren herbei - würde gerne Ihre Frisur sehen.

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    und färbe sie nicht, um so zu tun, als habe ich noch keine altersverblassten Haare. Und ich pflege sie wahrscheinlich auch besser, als Mo Yan seine, denn Schwarzfärben ist für Haare nicht gut. Man sollte sie lieber viel bürsten und ein ganz natürliches Haarwaschmittel benutzen, so wie ich. Meine Haare gefallen mir deshalb ungefärbt und nahezu ungebändigt sehr gut, besser, denn je. im Enst: Ich finde, daß gerade Haare auch etwas sehr persönliches ausdrücken: Die Farbe, die Wirbel, wie es so fällt, ob es lockig, glatt, dick oder fein ist. Das drückt viel vom Wesen des Menschen aus! Ich habe einmal eine jahrzehnte lang nicht mehr gesehene Freundin von hinten allein an den Haaren wiedererkannt!
    Vielleicht möchte Mo Yan ja sein wahres Wesen garnicht zeigen? Ich lese jedenfalls deshalb, weil mich die Bekenntnisse von Autoren zu sich selbst interessieren. Mich interessiert weniger die Kulisse, hinter der sich ein Autor verstecken will.

  5. und färbe sie nicht, um so zu tun, als habe ich noch keine altersverblassten Haare. Und ich pflege sie wahrscheinlich auch besser, als Mo Yan seine, denn Schwarzfärben ist für Haare nicht gut. Man sollte sie lieber viel bürsten und ein ganz natürliches Haarwaschmittel benutzen, so wie ich. Meine Haare gefallen mir deshalb ungefärbt und nahezu ungebändigt sehr gut, besser, denn je. im Enst: Ich finde, daß gerade Haare auch etwas sehr persönliches ausdrücken: Die Farbe, die Wirbel, wie es so fällt, ob es lockig, glatt, dick oder fein ist. Das drückt viel vom Wesen des Menschen aus! Ich habe einmal eine jahrzehnte lang nicht mehr gesehene Freundin von hinten allein an den Haaren wiedererkannt!
    Vielleicht möchte Mo Yan ja sein wahres Wesen garnicht zeigen? Ich lese jedenfalls deshalb, weil mich die Bekenntnisse von Autoren zu sich selbst interessieren. Mich interessiert weniger die Kulisse, hinter der sich ein Autor verstecken will.

    Antwort auf "@Wesensgleich"
  6. "....... Mo Yans Drastik führt uns zurück in ein vergessenes Leben aus Schrecken, Zauber und nie endenden Geschichten." sehr schön formuliert!

    Ich kann nur hoffe, dass seine wunderbar überbordenden Romane viele neue Liebhaber finden. Ich selbst kann eine Lesung (in Deutscher Sprache) anbieten. Besuchen Sie meine Webseite!
    http://www.katharinaschue...

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    quer über die Glatze gekämmt, Frau Schütz!

  7. Geschmacksache. Mich interessiert jetzt primär, wie diese hiesige Begeisterung dafür eigentlich gestrickt ist. Was ist das "Deftige", "Überbordende", "Wuchtige", was da so bewundert wird und warum wird das so bewundert, gelobt und genossen? Mich interessiert das vom gesellschaftskritischen Standpunkt aus.

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