Geschichte OsteuropasKampf um den Kreml

Moskau wird nicht katholisch: Im Herbst 1612 vertrieben die Russen die Truppen des polnischen Königs Sigismund aus der Stadt und dem Land. von Adam Krzemiński

Russland Polen 1612 Kuzma Minin and Dmitriy Pozharskiy

Ein Bild aus dem Jahr 1850 des Malers Mikhail Scotti zeigt die Heeresführer Kuzma Minin und Dmitriy Pozharskiy.   |  © Public Domain

Der Tag der Oktoberrevolution ist Geschichte. 2005 bestimmte Wladimir Putin den 4. November zum Nationalfeiertag des neuen Russlands. Der 4. November? Am 4. November (oder am 22. Oktober nach dem alten, julianischen Kalender) des Jahres 1612 endete die zweijährige polnische Besetzung des Kremls. Es ist die erste der vielen Invasionen aus dem Westen gewesen, die Russland erlebt hat, und in Erinnerung daran – und ihre siegreiche Überwindung, versteht sich! – soll auch der anderen Triumphe Russlands gedacht werden, vom Sieg über den Schwedenkönig Karl XII. bis Napoleon und Hitler.

Diese erste, die »polnische Intervention« ist im Westen kaum mehr bekannt. In der Vergangenheit aber beschäftigte sie nicht nur die russischen Nationaldichter, die – wie Alexander Puschkin – hier den Ursprung des polnisch-russischen »Familienzwistes« sahen, sondern auch andere europäische Schriftsteller und Historiker. Dazu gehört Friedrich Schiller, der sie in seinem letzten, unvollendeten Drama Demetrius 1804/05 zum Thema machte.

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Die »Smuta«, die »Zeit der Wirren«, begann 1584 mit dem Tod Iwans des Schrecklichen, jenes Herrschers, den Stalin so bewundert hat. Und sie endete im März 1613 mit der Wahl des ersten Romanows zum Zaren des Moskowiter Reiches. Iwan konsolidierte seinen Staat durch die berüchtigte Opritschnina, die Herrschaft mittels einer Art Geheimpolizei; so wollte er die Macht der Bojaren, des Adels, brechen. Seine Versuche aber, nach Westen vorzustoßen, scheiterten an Stephan Báthory, dem König von Polen.

Die polnisch-litauische Adelsrepublik, die Rzeczpospolita, die vom Baltikum bis tief in die Ukraine reichte, stand Ende des 16. Jahrhunderts im Zenit. Die Renaissance fiel zusammen mit der Reformation und bescherte der polnischen Kultur ihre »goldene Zeit«. 30 Jahre vor dem Edikt von Nantes 1598 und 200 Jahre vor der Religionstoleranz Friedrichs des Großen beteuerte König Sigismund II. August vor den Abgeordneten des Reichstages, des Sejms, er sei nicht der Herrscher über ihr Gewissen. Man gab sich selbstbewusst – und hatte obendrein die beste schwere Reiterei des damaligen Europas.

Die Grenze der Rzeczpospolita zum Moskowiter Reich lag weit im Osten, bei Smolensk. Und sie war keine Religionsgrenze. Orthodoxe Christen lebten hier wie dort. Zwar beanspruchte Moskau nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 die Nachfolge von Byzanz, doch ließ sich das gegen den Nachbarn im Westen kaum durchsetzen.

Adam Krzemiński

Der Autor ist Historiker und Publizist. Er lebt in Warschau.

So stritt man, so versöhnte man sich wieder. Die russische Stadtrepublik Nowgorod suchte – vergeblich – bei Polen-Litauen Unterstützung in ihrem Streit mit dem Zaren, und die polnische Sprache war unter den Moskowiter Bojaren in Mode. Bei der polnischen Königswahl 1573, nach dem Tode Sigismund Augusts, des letzten Jagellonen, war wiederum ein großer Teil des polnisch-litauischen Adels bereit, Iwan zum polnischen König zu wählen. Eine vernünftige Überlegung, meinte vor Jahren der polnische Historiker Paweł Jasienica. Man vertraute der zivilisierenden Kraft der Rzeczpospolita und erhoffte sich von der Erweiterung der polnisch-litauischen Union um Moskau als drittes Glied zugleich eine Rückeroberung Schlesiens, das in Habsburgs Hände gefallen war.

Doch Iwan selbst vereitelte seine gar nicht geringen Chancen, da er es zur Bedingung machte, vom Moskauer Archimandriten und nicht vom katholischen Primas Polens in Krakau die Krone zu empfangen. De facto wusste er, dass er mit Litauen alleine schon fertigwerden würde, Polen hingegen war für ihn ein zu schwerer Brocken. Das bewies ihm dann Stephan Báthory, der 1576, nach einem kurzen Zwischenspiel des Franzosen Heinrich von Valois, zum König gewählt wurde. Der Ungar war einer der effizientesten Herrscher der polnischen Geschichte. Mit eiserner Hand verstellte er den Moskowitern den Weg nach Westen.

Sein Nachfolger 1587, Sigismund III., ein Fürst aus dem schwedischen Hause Wasa, war hingegen einer der ehrgeizigsten. Sein Ziel war Schwedens Krone, der Umweg sollte über Polen und Moskau führen. Und er hatte sogar reelle Chancen – infolge eines der verrücktesten Abenteuer in der an bizarren Machtkämpfen wahrlich nicht armen Geschichte Europas.

Leserkommentare
    • friened
    • 25. Oktober 2012 20:09 Uhr
    1. Danke

    Danke für den Artikel! Sehr interessant.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • rx425
    • 26. Oktober 2012 4:59 Uhr

    Dem kann ich mich nur anschließen.
    Interessante Darstellung von einem anscheinend komplizierten Geflecht aus unterschiedlichen Interessen und Machtansprüchen.
    Habe ich vorher so nicht gewusst!

  1. das ist nun ganz sicher nicht die Basilius-Kathedrale.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist der Kreml im Hintergrund und der weiße Turm rechts ist der Iwan der Große Glockenturm.

    Redaktion

    Liebe(r)tennessee euler,

    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Bildunterschrift geändert.

    Grüße aus der Redaktion

  2. 3. Stimmt

    Das ist der Kreml im Hintergrund und der weiße Turm rechts ist der Iwan der Große Glockenturm.

    • rx425
    • 26. Oktober 2012 4:59 Uhr
    4. Danke

    Dem kann ich mich nur anschließen.
    Interessante Darstellung von einem anscheinend komplizierten Geflecht aus unterschiedlichen Interessen und Machtansprüchen.
    Habe ich vorher so nicht gewusst!

    Antwort auf "Danke"
  3. Der Kaufmann Kuzma Minin war von N.Nowgorod.
    Es ist 1000 km zwischen Nizscni Nowgorod und Nowgorod(Velikij-Gross)

  4. Er war auch nicht Russe,sonder Tatar von kleinen in der Nahe bei Nizschni Nowgorod(Gorki in ex-Soviet Union).
    Die Tataren sind Muslime. Davon,ganz vermutlich, Russland ist nicht katholische

  5. Redaktion

    Liebe(r)tennessee euler,

    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Bildunterschrift geändert.

    Grüße aus der Redaktion

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