Der sicherste Ort liegt über dem Abgrund. Fast senkrecht fällt der von alten Föhren bewachsene Hang in die Tiefe. Auf dieser Seite des Waldfensters ruht man jedoch auf einem griffigen Filzkissen. Hier duftet es nach dem Holz der Dachbalken und dem leichten Staub von 12.000 gut gepflegten Büchern. Kein Laut stört beim Lesen, und zum Lesen kommt man ja auch hierher. Die Künstlerpension Alpenhof, zuoberst auf dem St. Anton in Appenzell, beherbergt unter ihrem Dach nämlich eine der aufregendsten Büchersammlungen der Schweiz. Es ist die private Bibliothek des Zürcher Kunstsammlers und Universalgelehrten Andreas Züst. Untergebracht in einem raffinierten, simplen Holzkastensystem auf zwei Etagen. Für Tage kann man sich darin verlieren.

Andreas Züst war Sammler und Mäzen vieler Künstler und kam somit zu Hunderten seltener Kataloge und Buchwerke: von Peter Fischli und David Weiss, Dieter Roth, HR Giger, auch Originalkataloge von Andy Warhol und Yves Klein sind dabei. Kunst und Sachbuch beherrschen die ganze obere Etage. Es ist, als würden die Schlagworte nach einem greifen; Architektur, Kunstgeschichte, Politik, aber auch Das Weib, Parapsychologie und Magie oder Schamanen, Geister und Seher. Da steht der dubiose Titel Gibt es eine außerirdische Basis auf Puerto Rico? nicht weit von Loving the Alien, in dem sich Diedrich Diederichsen ernsthaft mit der Konstruktion von Fremdheit unter Berücksichtigung der Science-Fiction befasst. Die untere Etage gehört der Belletristik. Achternbusch, Maugham, Zola, alles da. Ja, diese verschrobene Bibliothek zeugt von einem zügellosen Interesse auch an entlegenen Gebieten des Weltwissens. Noch eben in Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen reinblättern. Kurz schauen, was sich hinter Bändsel, Leinen, Trossen und wie man damit umgeht verbirgt. Und dann wieder zurück zu den Kunstbänden. Stunde um Stunde vergeht, ohne dass man die Landschaft mit der frischen Bergluft auch nur einmal betritt. Dabei könnte man von der Rückseite des Hauses aus bis zum Bodensee schauen.

Lieblich ist der Alpenhof nicht. Der viereckige Kasten, schwer und unerbittlich, wirkt wie ein Frachtschiff, das ein Wahnsinniger auf 1100 Meter heraufgeschafft hat. Die Betreiber nennen ihn »Kulturfrachter«. Er kann genauso streng schweigen wie das steinerne Alpenmassiv von Appenzell und Vorarlberg, dem er gegenübersteht. Zu Züsts Lebzeiten (er verstarb im Jahr 2000 überraschend und früh) war das Haus ein in die Jahre gekommener und schließlich geschlossener Ausflugsgasthof, wo Einheimische ihre Hochzeiten und Taufen gefeiert hatten. Auf einer Fahrt durch Appenzell entdeckte der Sammler das Gebäude. Mit im Auto saß der damals aufstrebende Schriftsteller und Musiker Peter Weber. Das leer stehende Hotel erschien beiden als idealer Ort für Künstler, um sich auszutoben. Sie suchten Mitstreiter, gründeten einen Verein und überredeten den Besitzer, ihnen das Haus zu vermieten. Es entstand eine Art provisorische Künstleralphütte, in die sich für ein paar Jahre Schriftsteller wie Peter Weber und Ruth Schweikert und bildende Künstler wie Pipilotti Rist zum Arbeiten zurückzogen. Doch mit wachsendem Erfolg wurde ihnen der Spielplatz zu behelfsmäßig, und ihr Engagement nahm ab. Züst selbst war noch vor Einzug der ersten Gäste gestorben, und seine Bibliothek tingelte als Wanderausstellung durch die Schweiz. Schließlich gab sich der Künstlerverein einen Ruck, renovierte das Haus und öffnete es 2009 für das Publikum – als »Selbstkochpension«. 2010 übergab Züsts Tochter Mara die Bibliothek ihres Vaters dem Alpenhof als Dauerleihgabe.

Dem Bilder- und Ideenorganismus der Büchersammlung kann man sich am besten widersetzen, indem man die Zimmertür hinter sich schließt. In den asketischen Zimmern weicht die intellektuelle Überwältigung langsam den sinnlichen Eindrücken. Der Boden aus feinporigem Betonschaum schmeichelt den Füßen. Die Wände sind aus Holz. Nicht die vertäfelte, mit Heimatsehnsucht aufgeladene Variante, sondern flache, samtweiche Paneele. Dazu gibt es ein Bett mit kühler, glatter Bettwäsche, einen Tisch, zwei Metallstühle und vor dem Fenster das weit aufgespannte Panorama von Alpstein, Säntis und den Vorarlberger Alpen. In den öffentlichen Räumen des Alpenhofs mildern viele Details aus der verspielten Anfangszeit die Strenge des Hauses. Im weitläufigen Panoramasaal, der als Lobby dient, gibt es eine Jukebox mit selten gehörter Popmusik, daneben einen skurrilen Kaffeetisch, in dessen Platte ein Bastler vor vielen Jahren prächtige Dias von Alpenpanoramen eingelassen und mit einer raffinierten Beleuchtung versehen hat. Auf dem Buffet steht für Gäste immer eine Schale mit frischem Obst. Die vielen Sessel stammen aus einem ehemaligen Luxushotel. Die Fußböden werden im Winter beheizt. Der schroffe Alpenhof hat ein gutes Herz. Aber man muss wissen, worauf man sich einlässt. Unter der Woche oder in der Nebensaison kann es nämlich passieren, dass man die Nacht fast allein in dem großen Haus verbringt, im Sog der Bibliothek. Dann gähnt auch diesseits des Waldfensters ein ziemlich gefährlicher Abgrund.