Das Bundeshaus in Bern (Archivbild) © Michael Buholzer/Reuters

Eigentlich ist das Bundeshaus für Bern eine Nummer zu groß. Wie der kräftige Arm eines Riesen mit angespanntem Bizeps liegt das Regierungsgebäude mit seiner vergoldeten Kuppel auf dem Sandsteinsporn, der die Berner Altstadt trägt. Liegt man unten im Marzili-Bad oder schwimmt in der Aare, wie das Bernerinnen und Berner leidenschaftlich tun, ist man gezwungen, hochzublicken zu der monumentalen Gebäudefront, dem Sitz von Bundesrat und Verwaltung, und dieser Anblick suggeriert: Bern hat Macht, Kraft, Ausstrahlung – für das ganze Land. Wie eine Hauptstadt.

Aber der Eindruck täuscht. Bern ist keine Hauptstadt. Bern ist nur Bundesstadt. Bis heute. »In dieser Differenz«, hält der Berner Geschichtsprofessor André Holenstein fest, »steckt viel mehr als eine sprachliche Bagatelle.« An den paar Buchstaben hänge das ganze Gewicht der politischen Kultur der Schweiz.

Man kann Bundesstadt deuten als Ausdruck des einebnenden schweizerischen Staatsverständnisses, das sich gegen jede Anwandlung von Machtkonzentration verwahrt und die Bundesaufgaben übers Land verteilt wie Dünger in einem Schrebergartenkollektiv. Nirgends dürfen die Bäume in den Himmel wachsen. Als Bern 1848 Bundesstadt wurde, war das als Aufforderung zur Beschränkung zu verstehen. Es bedeutete: Bern wird Sitz von Bundesregierung und Bundesbehörden. Basta. Kein Pomp, kein Glanz, keine großen Gesten.

Das ist, wenn man sich 200 Jahre zurückversetzt, sogar nachvollziehbar. Die alte Stadtrepublik Bern reichte damals vom aargauischen Brugg bis fast nach Genf und war der größte, reichste und mächtigste Teilstaat der Eidgenossenschaft. Auch die Stadt Bern stand 1848, als sie Bundesstadt wurde, immerhin noch knapp auf Augenhöhe mit Zürich, mit dem es sich um den Rang der stärksten Stadt im Land konkurrenzierte. Bern als Hauptstadt zu krönen wäre in der delikaten Situation, in der sich die liberal-radikalen Verfassungsväter 1848 befanden, das falsche Rezept gewesen. Sie waren für ihre Staatsreform, immerhin der Zusammenbau von fast autonomen Kantonen zu einem gemeinsamen Bundesstaat, auf Akzeptanz angewiesen – vor allem der katholisch-konservativen Kantone, die zuvor den Sonderbundskrieg verloren hatten und in den neuen Staat geprügelt worden waren. Bern als bescheidene, leise Verwaltungsstadt – das lag gerade noch drin.