Ärztemangel Nehmen, wen man kriegen kann

Fast kein Schweizer will mehr Psychiater werden. Die Folgen für die Patienten sind dramatisch.

Daniel Bielinski sagt den Satz, nachdem er eine halbe Stunde lang über die täglichen Herausforderungen in seiner Arbeit als Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden gesprochen hat: »Wenn ich Patient in meiner Klinik wäre, möchte ich lieber von einem Psychologen betreut werden als von einem Assistenzarzt.« Wie bitte? »Ja. Beim Psychologen kann ich damit rechnen, dass er eine therapeutische Ausbildung hat, bei gewissen psychiatrischen Assistenzärzten weiß ich nicht, ob sie mich überhaupt verstehen.«

Nein, hier redet kein Berufsprovokateur, sondern ein Mann, der sich seit Längerem ernsthafte Sorgen um den Nachwuchs in seiner Disziplin macht, Sorgen, die nun eine neue Dimension erreicht haben. Waren es bis dahin vor allem Assistenzarztstellen, die nur schwer besetzt werden konnten, so fehlt es nun auch an Kaderärzten. Ende August wurden in der Schweiz neun psychiatrische Oberärzte gesucht, wöchentlich stehen mehr als zehn Assistenzarztstellen in den Stellenanzeigen. Die extreme Abhängigkeit von ausländischem Personal und ein »eklatanter« Mangel an einheimischem Nachwuchs stellen Bielinski zuweilen vor die Aufgabe, bei Anstellungen »nicht den besten Bewerber wählen zu können, sondern den am wenigsten schlechten anstellen zu müssen«.

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Bielinski war auch Leiter der Task Force Nachwuchsmangel der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und der Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte. Zusammen mit niedergelassenen Psychiatern und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich hat sie Fakten zum Nachwuchsmangel erhoben und Szenarien für die Zukunft abgeleitet. Davon ausgehend, dass in Zukunft etwa gleich viele Leute wie heute psychiatrische Hilfe benötigen – nämlich rund fünf Prozent der Bevölkerung – und die Einrichtungen leicht ausgebaut werden, rechnet die Task Force in zehn Jahren mit einem Mangel von 1.000 Psychiatern. Und dies in einem relativ kleinen Berufsfeld, das im Moment knapp 3.400 Personen beschäftigt.

Die meisten Psychiater gehen auf die Rente zu

Hauptgrund für den Mangel werden die überdurchschnittlich viele Pensionierungen von Psychiatern sein, die in den nächsten Jahren anstehen. Gemäß FMH-Ärztestatistik sind Psychiater im Schnitt fast 53-jährig, Kinder- und Jugendpsychiater sogar fast 55-jährig. Mittelfristig können diese Pensionierungen nicht mit in der Schweiz ausgebildeten Fachärzten aufgefangen werden. Und schon gar nicht mit Schweizerinnen und Schweizern. Die Zahl der Facharzttitel, die in der Schweiz vergeben werden, hat sich von 204 im Jahr 2002 auf noch 131 im Jahr 2011 verringert. Auch hier sind die Nicht-Schweizer inzwischen in der Mehrheit: 76 der 131 Psychiater, denen letztes Jahr der Facharzttitel verliehen wurde, haben zuvor im Ausland studiert.

Bereits heute wird die Lage, je nachdem, wen man fragt, als »prekär«, »dramatisch«, im besten Fall als »herausfordernd« geschildert. Alarmierend ist für Bielinski, dass der Anteil von Assistenzärzten mit Schweizer Diplom in den letzten zehn Jahren um 15 Prozent auf 36 Prozent gesunken ist. Die Zahl der Studenten, die sich nach dem Medizinstudium zum Psychiater weiterbilden lassen wollen, ist verschwindend klein: Gerade mal zwei der letztjährigen Studienabgänger an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich, der größten des Landes, wollten Psychiater werden. Im Jahr davor waren es drei.

Die Gehälter sind vergleichsweise niedrig

Bielinski findet, dass es jetzt, »wo die Depression salonfähig geworden ist und es zum guten Ton gehört, einmal ein Burn-out erlitten zu haben«, an der Zeit wäre, den Beruf des Psychiaters vom Klischee der »wollsockentragenden Halb-Esoteriker und hinter der Couch schlafenden Therapeuten« zu befreien. Das Image, welches selbst in Medizinerkreisen verbreitet ist, dürfte ein Grund, die Lohnaussichten dürften ein anderer sein, warum es kaum junge Mediziner in die Psychiatrie zieht. Die jüngsten Einkommenszahlen, die gerade in der Ärztezeitung publiziert wurden, sprechen Bände: Mit einem durchschnittlichen Einkommen von 107.400 Franken stehen die Kinder- und Jugendpsychiater an letzter Stelle. Und weit hinter Topverdienern wie etwa Gastroenterologen (374.350 Franken) landen die Psychiater auf dem zweitletzten Platz. Sie verdienen 130.100 Franken im Jahr. Dass die Psychiater auf ihrem Weg zum Facharzttitel die teuerste (bis zu 80.000 Franken) und längste Weiterbildung (6 bis 8 Jahre) in Kauf nehmen müssen, dürfte die Attraktivität nicht fördern.

Leser-Kommentare
  1. Im US-Bundesstaat New Mexico haben Psychologen (mit einer PhD-Ausbildung), wenn sie eine Zusatzausbildung absolviert haben, das Recht, psychiatrische Medikamente zu verschreiben (aber keine anderen). New Mexico reagierte damit auf den Mangel an Psychiatern. Nach meiner Einschätzung rangieren Psychiater in den USA im Moment eher am unteren, verachteten Rand der psychologischen und finanziellen Rangordung unter den Ärzten; kein Wunder, dass die jungen Mediziner das nicht machen wollen.

    Diese Zulassung von Psychologen scheint nicht dumm. Denn die Kenntnisse an körperlicher Medizin, die Psychiater in der täglichen Patientenbetreuung brauchen, ist im Verhältnis klein, die Kenntnis von psychologischen und Verhaltensmerkmalen der Patienten hingegen groß. Ob sich das Modell auch in der Praxis bewehrt hat, weiß ich allerdings nicht.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. deutschen Psychologen und Psychiater, wo sie nach ihrem Studium hingehen - in die Schweiz.

    2 Leser-Empfehlungen
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    ... ist man erstmal Assistenzarzt, bis man Psychiater ist, vergehen 6 Jahre. Dann läßt man sich nieder beendet sein e psychotherapie Ausbildung und geht nirgendwohin. Institutionelle Psychiater zu sein, ist kein zuckerschlecken, deswegen machen das nur Ärzte, die irgendein Handicap haben. Z.B. Ausländer zu sein, Sprachschwierigkeiten, usw. In Zürich in der Privatklinik gibt es genug scheizer Ärzte, die sich auch mit Schwitzerdütsch verständigen können. Hinter den Bergen in den Landeskliniken, mit Patienten zu arbeiten, die nie die Sonnenseite des Lebens gesehen haben, tut sich kein Schweizer an. Das ist übrigens die Grundlage der Migration, egal ob Arzt oder Heizer. Die Enkelkinder des Migranten kann schon auch in Genf eine Stelle bekommen.

    ... ist man erstmal Assistenzarzt, bis man Psychiater ist, vergehen 6 Jahre. Dann läßt man sich nieder beendet sein e psychotherapie Ausbildung und geht nirgendwohin. Institutionelle Psychiater zu sein, ist kein zuckerschlecken, deswegen machen das nur Ärzte, die irgendein Handicap haben. Z.B. Ausländer zu sein, Sprachschwierigkeiten, usw. In Zürich in der Privatklinik gibt es genug scheizer Ärzte, die sich auch mit Schwitzerdütsch verständigen können. Hinter den Bergen in den Landeskliniken, mit Patienten zu arbeiten, die nie die Sonnenseite des Lebens gesehen haben, tut sich kein Schweizer an. Das ist übrigens die Grundlage der Migration, egal ob Arzt oder Heizer. Die Enkelkinder des Migranten kann schon auch in Genf eine Stelle bekommen.

  3. ... ist man erstmal Assistenzarzt, bis man Psychiater ist, vergehen 6 Jahre. Dann läßt man sich nieder beendet sein e psychotherapie Ausbildung und geht nirgendwohin. Institutionelle Psychiater zu sein, ist kein zuckerschlecken, deswegen machen das nur Ärzte, die irgendein Handicap haben. Z.B. Ausländer zu sein, Sprachschwierigkeiten, usw. In Zürich in der Privatklinik gibt es genug scheizer Ärzte, die sich auch mit Schwitzerdütsch verständigen können. Hinter den Bergen in den Landeskliniken, mit Patienten zu arbeiten, die nie die Sonnenseite des Lebens gesehen haben, tut sich kein Schweizer an. Das ist übrigens die Grundlage der Migration, egal ob Arzt oder Heizer. Die Enkelkinder des Migranten kann schon auch in Genf eine Stelle bekommen.

  4. Wer etwas will, prüft den Aufwand und dann nachher den Erfolg davon. Dazu gehört auch das Ansehen.
    Ansehen: Wo man sich schon fast schämt, wenn man nach der Berufsfrage mit "Psychiater" antwortet, weil es darüber besonders viele Witze gibt, da wird es nur wenige Psychiater geben. Das allgemeine Ansehen ob psychischen Erkrankungen und den Umgang damit auch von den öffentlichen Stellen (Invalidenversicherung, SVP (=30% der Bevölkerung)) färbt leider auch auf jeden ab, der damit zu tun hat: Analog dem Stall: Es stinkt drinnen, und wer herauskommt, stinkt dann halt auch.
    Aufwand: Als werdender Chirurg gibt es die Ausbildung an den Kliniken, wo man arbeitet. Als angehender Psychiater ist man aktuell noch genötigt, einen Mercedes, bzw. dessen Gegenwert, d.h. ein Jahreslohn einer psychotherapeutischen Ausbildung zu opfern, was dann halt an Geld in der werdenden Familie fehlt. Auch sind die psychiatrischen Kliniken oft dezentral und weit voneinander entfernt, sodass nach einem Stellenwechsel dann öfter auch ein Umzug ansteht, will man nicht per Auto weit pendeln.
    Erfolg: Der Alltag ist zäh, den schnellen Erfolg muss man eher in der Somatik suchen. Oft geht es um verlorene Arbeit, fehlendes Geld und damit auch dem Risiko, unbezahlter Arztrechnungen. Die eingeschränkten Kognitionen, zB. Vergesslichkeit gerade bei chronisch kranken Patienten lässt eine Arbeit nach Lehrbuch oft nicht zu.
    Das bedingt eine spezielle (masochistische?) Persönlichkeit, die viele wohl nicht haben. That's it!

  5. Das Schweizer Demokratieverständnis hat sehr den Sinn für unnütze Ausgaben gestärkt. Man muss in der Lage sein, hinzuschauen, die Auswirkung einer Investition einzuschätzen und dann eine Entscheidung zu treffen. Projekte mit geringem oder keinem Nutzten werden dann eben entsprechend honoriert. Beim Einsatz der Psychiatrie scheint der Schaden größer als ihr Nutzen zu sein. Ihr Erfolge ist, mit immer mehr Milliarden immer mehr psychisch Kranke und Drogensüchtige zu produzieren. Sie dient sich immer wieder an, diese Probleme zu lösen und sie verschlimmern sie. Die Schweizer werden mir immer sympathischer.

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    Entfernt. Keins sachlicher Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

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  6. Bei den meisten ärztlichen Berufen kann man ziemlich sicher sein, dass man im Allgemeinen den Patienten helfen kann. Dass das auf klassische Psychiater nicht zutrifft, mindert einerseits das Ansehen und die diesbezügliche Attraktivität, aber andererseits fehlt auch die Motivation, dass man auf seine Produkte stolz sein kann. Bei empfindlichem Gewissen kann es sogar sein, dass man durch die Schäden, die Patienten erleiden, belastet wird.

  7. 8. [...]

    Entfernt. Keins sachlicher Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

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