Warum kann die Literatur der großen, bösen Welt nicht einmal kräftig in den Hintern treten? Wieso sollte es nicht ein Buch geben, das die wenigen Außenseiter verteidigt gegen die anderen, die bösen Menschen? Jene, kalt wie Maschinen und bösartig wie Maschinen und dumm wie Maschinen, die den verloren gegangenen Schwachen das Leben zur Hölle machen.

Sibylle Berg entwirft in ihrem neuen Roman eine Welt, die eine Hölle ist. Ihre Hauptfigur ist Toto, ein Zwitter, ein Hermaphrodit, einer, der hässlich zur Welt kommt und von seiner saufenden Mutter ins Heim gesteckt wird. Dort werden die Kinder misshandelt, die herrische Heimleiterin verkauft Toto schließlich an ein Bauernehepaar, das ebenfalls trinkt und Toto weiter misshandelt. Die Heimleiterin wird im nächsten Kapitel von drei Männern vergewaltigt und mit einem splitternden Besenstiel zu Tode gevögelt. So weit, so krass. Das ist das erste Zehntel des Buches. Besser wird es für Toto und im Übrigen für alle anderen Nebenfiguren nicht mehr. Die Katastrophe ist Prinzip und Handlung dieses ganz auf dramatische Effekte setzenden Romans.

Später wird Toto von seinem Jugendfreund Kasimir, der sich zum Investmentbanker hochtrainiert hat, verfolgt. Der lässt ihm bei einer Nierenoperation eine radioaktive Sonde einsetzen. Danach zersetzt sich Totos Körper langsam von innen. Zu allem Überfluss landet er zwischendurch noch in einem thailändischen Knast.

Jede Hoffnung entpuppt sich als Illusion. Das Kompliment, das man dem Buch machen muss, ist, dass es stört. Und dass es ein Buch ist, das man unbedingt zu Ende lesen muss (Oh Gott, wann stirbt der denn endlich?).

Toto ist eine Figur, die nach dem Motto "Erwarte nichts, und du wirst nicht enttäuscht" durch ihr Leben geschubst wird. Er überhört Beleidigungen oder versteht sie nicht. Wenn er von seinen Fabrikkollegen fast zu Tode geprügelt wird und ihm nur noch ein Knochen aus dem Hirn ragt, überlegt er, was die Menschen so wütend gemacht hat.

Sibylle Berg setzt in ihrem Buch der Liebe eine Art Ernüchterungsmanagement entgegen. Toto ist jemand, der nichts erwartet. Er hat deshalb streckenweise Ähnlichkeit mit einer Kuh. Erwartungsmanagement betreiben auch die anderen Berg-Figuren. Bergs Frauen sind in der Regel ein Alkoholwrack und deren Männer widerliche Arschlöcher, während die Nachbarn nur auf ein Zeichen warten, endlich einen hässlichen Mitbewohner rausschmeißen zu können. Sibylle Berg hat natürlich in allem recht, was sie beschreibt, einerseits. Andererseits hat sie inzwischen aber auch einen Hang, längst demaskierte Typen noch einmal zu entlarven. Als gäbe es nie und nimmer Individualität oder eigene Biografien , als gliche das eigene Elend letztlich dem Elend aller anderen. Als gäbe es nichts weiter als eine einzige schicksalhafte Kollektiv-Biografie: "Schule beenden, Lehre auf dem Bau, Arbeiten bis zur Frühpensionierung, tschüss."

Ein bisschen schlaumeierisch wird festgestellt: "Toto war in einem Alter, da man sich noch nicht nach einem Frühstück sehnt, das kommt erst später, dieser Glaube an Rituale, dieses Festhalten an strengen Abläufen, mit denen man meint, das Leben zu einer festen Größe zu machen." Das Schlimme ist, sie hat natürlich mit allem recht. Ein Struwwelpeter für Erwachsene.