DIE ZEIT: Herr Professor Kubin, Mo Yan als Literaturnobelpreisträger, das hat in Deutschland eine gewisse Verunsicherung ausgelöst. Er entspricht nicht dem Bild eines Dissidenten und ist doch kein Staatsdichter. Man kennt seinen Namen, hat aber tatsächlich wenig von ihm gelesen. Wer ist Mo Yan?

Wolfgang Kubin: Ich lernte ihn 1987 in Bonn kennen, als ich an der Universität eine Woche der chinesischen Gegenwartsliteratur veranstaltete. Er wohnte damals bei mir zu Hause und erzählte viel von seinem Leben: wie arm es in den fünfziger Jahren in der Provinz Shandong gewesen war und dass ihm aus dieser Zeit ein Trauma geblieben ist, nämlich nicht satt zu werden. Er schilderte sehr anschaulich, wie einer nur heiraten und Kinder zeugen konnte, wenn er satt war. Die es nicht waren, konnten sich nicht mehr fortpflanzen. Dieses Traumas wegen wird Mo Yan bis zu seinem Lebensende weiter erzählen – und die Literatur nicht um des Geldes willen verraten wie so viele andere chinesische Autoren. Nach der Preisverkündung sagte er den Medien, er könne sich nichts Schöneres vorstellen, als in seinem Kabuff zu sitzen und zu schreiben. Das hat mir gefallen. Im Gegensatz zu anderen Schriftstellern in China ist er äußerst bescheiden geblieben. Er drängt sich nicht in den Vordergrund. Als ich ihn vor fünf Jahren wieder traf, meinte er, keiner würde ihn so scharf kritisieren wie ich, was stimmt, und er meinte auch: Mach einfach weiter mit deiner Kritik!

ZEIT: Was kritisieren Sie an ihm?

Kubin: Nichts Politisches, mir geht es immer um die Literatur. Zum Ärger für viele in China habe ich einen anspruchsvollen Begriff von Literatur und erwarte von einem Buch mehr als nur Handlung. Eine eigene, unverwechselbare Sprache finde ich bei den meisten zeitgenössischen chinesischen Erzählern nicht, vielleicht noch bei Wang Anyi aus Shanghai. Mo Yan bebildert sein Trauma, er bebildert die vergangenen dreißig, fünfzig, hundert Jahre. Er lässt ein Personal auftreten, dass einem schwindelig wird, es ist immer das große Tableau. Gerechterweise muss ich aber sagen: Dafür gibt es ein Publikum. Dass Martin Walser behauptet, er sei der größte lebende Erzähler, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Mo Yan ist Traditionalist und nutzt Erzählformen, die bis zur Revolution von 1911 gängig waren, lässt sich aber auch von Gabriel García Márquez inspirieren, aus dessen chinesischer Übersetzung von Hundert Jahre Einsamkeit er sogar einmal abgeschrieben hat. Aber das sieht ihm heute jeder nach.

ZEIT: Auch in Deutschland gibt es ein großes Bedürfnis nach prallen Erzählungen. Woran liegt es, dass er hierzulande nicht so populär ist, wie er möglicherweise sein könnte?

Kubin: In den USA kommen die chinesischen Erzähler regelmäßig groß raus. Dort werden Sie von dem genialischen Übersetzer Howard Goldblatt übertragen. Goldblatt rafft, streicht und erzählt mit seinen eigenen Worten nach. So würden wir mit unserer philologischen Tradition nie übersetzen. Er produziert Fassungen für den Weltmarkt und ermöglicht riesige Verkaufserfolge. Manche behaupten, die Sachen läsen sich in englischer Übersetzung besser als im Chinesischen. Goldblatt verleiht der chinesischen Literatur damit auch eine eigene, wiedererkennbare Stimme. Die hat sie hierzulande nicht, wo viele unterschiedliche gute Übersetzer am Werk sind. Es fehlt, was die Erzählliteratur anlangt, die Konzentration auf den einen Übersetzernamen. Deswegen haben Lyriker auf dem deutschen Markt eine bessere Chance und ein anderes Publikum, eines, das auch eine andere Sprache nachfragt. Folglich sind in Deutschland Autoren bekannter, die in China eher am Rande der Gesellschaft stehen. Und sie werden auch von der Literaturkritik besprochen. Mo Yan hat zwar Leser, aber es kommt selten vor, dass ihn die ernsthafte Literaturkritik wahrnimmt.

ZEIT: Von woher stammt Mo Yans Erzählweise?

Kubin: Sie stammt aus dem Realismus des 19. Jahrhunderts. Dazu kommt der »magische Realismus« aus Lateinamerika. Hundert Jahre Einsamkeit ist in China die Bibel der Literaten. Mit diesem Buch begann die Rückkehr zum Erzählen. Mitte der Achtziger war Mo Yan ein Avantgardist, damals schrieb er seine besten Erzählungen. Um diese Zeit kam aber auch Márquez’ Buch auf Chinesisch heraus und schlug wie eine Bombe ein. Seitdem bemühen sich alle, vom magischen Realismus angeregt zu schreiben. Der russische Realismus ist auch zu erwähnen, ebenso wie die allegorische Erzählweise des 18. Jahrhunderts, beispielsweise Swift. Mo Yan ist ja nicht unkritisch, aber er wagt die Dinge nicht beim Namen zu nennen, deswegen verpackt er alles: Tiere treten auf und dürfen dann äußern, was die Menschen nicht sagen dürften. Die Kritik, die Mo Yan an China übt, ist allerdings bereits von Lu Xun vorformuliert worden, dem großen Modernisten der zwanziger Jahre. Von ihm hat er viele Motive übernommen.