Ludwig MehlhornEin Premium-Bürgerrechtler

"In der Wahrheit leben": Ludwig Mehlhorns Vermächtnis von 

Mit dem Adelstitel DDR-Bürgerrechtler verhält es sich wie mit dem Prädikat Premium-Pils: Beide sind nicht geschützt. Das führt zu Selbstlob und Reklamationen. Jüngst murrten Premium-Bürgerrechtler, der neue Bundespräsident sei erst im Wendeherbst 89 oppositionell hervorgetreten. 63 länger gediente Widersacher des SED-Staats versammelte 2011 der Porträt-Band Gesichter der friedlichen Revolution. Gauck fehlte. Viel mehr fehlt Ludwig Mehlhorn.

Ludwig wer? Es ist historisch ungerecht, dass man erklären muss: Ludwig Mehlhorn war einer der lichtesten Charaktere der anderen DDR, voll der Freiheit eines Christenmenschen. Sein Lebensthema: die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen. Im Nachbarland wurde er weitaus bekannter, denn Polen schaut auf Deutschland, nicht umgekehrt. 2011 starb Mehlhorn mit nur 61 Jahren an Lungenkrebs. Die publizistische Selbstvermarktung lag ihm allzu fern. Nun hat sein Weggefährte Stephan Bickhardt aus verstreuten Texten, dem Nachlass und Freundesstimmen ein Buch gebunden, das diesen uneitlen Geist bewahrt.

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Ludwig Mehlhorn stammte aus Bernsbach im Erzgebirge; sein Vater war Werkzeugmacher. An der Freiberger Bergakademie studierte er Mathematik, in der Studentengemeinde Tillich und Bonhoeffer. Er wurde Programmierer an der Ostberliner Hochschule für Ökonomie. Seine polnische Erleuchtung empfing er 1970 in einem masurischen Sommerlager der Aktion Sühnezeichen. Mehlhorn lernte Polnisch, autodidaktisch und perfekt. Er übersetzte Czesław Miłosz und Sławomir Mrożek. Er fütterte den Samisdat. Als Grenzgänger geriet er alsbald ins Visier der Stasi, die den SED-Staat vor dem Solidarność-Virus zu schützen suchte. Aus politischen Gründen geschasst, pflegte Mehlhorn geistig behinderte Kinder. Er wurde »zersetzt« und vielfältig schikaniert, dennoch waren Mielkes Mannen außerstande, diesen umtriebigen Netzwerker zu erfassen.

Deutschnationalismus war Mehlhorn fremd

Natürlich war Mehlhorn kein Freund der DDR. Er widersprach dem Ungeist der Abgrenzung und jener geschichtstheologischen Rechtfertigung des deutschen Status quo, die in linksliberalen Kreisen und den Kirchen verbreitet war: Die Teilung sei zu akzeptieren als Sühne für die deutsche Schuld. Man möchte ihm noch heute entgegenhalten: Diese These hatte ihren nachkriegseuropäischen Sinn und Segen, wenngleich nicht eschatologisch verlängert ad ultimo. Aber Deutschnationalismus war Mehlhorn fremd; er widerstand der Spaltung Europas. Sein Ideal zielte auf eine emanzipatorische Bürgergesellschaft. Utopie? Menschen wie Mehlhorn, à la Václav Havel »in der Wahrheit lebend«, folgten diesem Ideal als ihrer Realität. Das machte sie unduldsam gegenüber kompromisslerischen Geistern. Auch deshalb verendeten die Bürgerrechtsgruppierungen bei den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 mit 2,9 Stimmprozenten. Mehlhorn hatte zu den Gründern von Demokratie Jetzt gehört.

Zuletzt wirkte er an der Berliner Evangelischen Akademie als Studienleiter für Ostmitteleuropa. »Ludwig Mehlhorn war ein Mensch, der sich im Glauben getragen wusste«, sagte sein Direktor und Beerdigungsprediger Rüdiger Sachau. »Nicht der Zweifel hat ihn gequält, sondern die Frage nach der Wahrhaftigkeit und dem rechten Tun.« In der Wahrheit leben ist ein vielstimmiges Geschichtsbuch, ohne gemütvolle Ost-Memoiren. Für Ludwig Mehlhorn war Geschichte sinnlicher Erfahrungsraum: Sprachklang, Gerüche, Europas blutgetränkte Lande und das wechselnde Licht der Poesie. Mehlhorns nichtliterarisches Vermächtnis ist die Kreisauer Gedenkstätte für Widerstand und Opposition. Seltsam beruhigt, dass er noch den endlich editierten Gefängnisbriefwechsel von Helmuth James und Freya von Moltke lesen konnte: eine Todesvorbereitung.

»Was ist Poesie, die weder Völker noch Menschen rettet«, so hat Ludwig Mehlhorn Czesław Miłosz verdeutscht. »Eine Komplizenschaft amtlicher Lügen, ein Singsang von Säufern, denen bald jemand die Kehle aufschlitzt, ein Lesestückchen aus Gartenlauben.« Das klingt anstrengend in unserer demokratischen Gegenwart, die Macht und Wahrheit derzeit nicht für Antipoden hält. Eher mangelt uns jene metaphysische Kraft, die Miłosz als Engelglaube beschrieb: »Man hat euch die weißen Gewänder genommen, / Die Flügel und selbst das Sein, / Ich aber glaube euch, / Boten / (…) bald ist es Tag / noch einer / tu was du kannst.«

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    • Schlagworte Buch | Literatur | DDR | Bürgerrechte | Opposition
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