Christen in SyrienEuer Asyl hilft uns nicht

Wir Christen in Syrien sollten unser Land nicht verlassen, denn hier sind wir seit Jahrtausenden verwurzelt. von Michal Shammas

Syrische Christen in Damaskus

Syrische Christen in Damaskus, Mai 2011  |  © Louai Beshara/AFP/Getty Images

Kürzlich sprach ich mit einem Freund, der gerade von einem Besuch in Deutschland nach Syrien zurückgekehrt war. Er erzählte mir, dass einige Politiker aus den christlichen Parteien CDU und CSU zum Schutz der Christen in Syrien aufgerufen hätten und nun ein Gesetz durchbringen wollten, mit dem christlichen Flüchtlingen aus Syrien einfacher Asyl gewährt werden könnte. Ich war beunruhigt, als ich seine Worte hörte.

Die Sorge um die Situation der Christen in der arabischen Welt hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, besonders nach den tief greifenden Veränderungen, die diese Region in den letzten Jahren erlebte – angefangen von den Ereignissen rund um den 11. September bis hin zur Besetzung des Iraks und schließlich dem Aufstand der arabischen Völker gegen Willkürherrschaft und Unterdrückung in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Bahrain und Jemen. Manche Politiker im Westen warnten davor, dass syrische Christen nun besonders von Übergriffen gefährdet sein könnten, weil islamistische Kräfte in Ägypten, Tunesien und Libyen die Schlüsselpositionen der Macht in den Händen halten. Einige gingen sogar so weit, zu fordern, dass Christen in Syrien in besonderem Maße geschützt und zur Auswanderung in den Westen ermutigt werden sollten.

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Ich als Syrer und Christ (in dieser Reihenfolge) lehne Erklärungen grundsätzlich ab, die zum Schutz der syrischen Christen aufrufen unter dem Vorwand, sie seien speziellen Gefahren ausgesetzt oder würden im Falle eines Regimewechsels in Syrien stärker unterdrückt werden. Überlegungen dieser Art, die möglicherweise von einem deutschen Parlament in Gesetzesform gegossen werden sollen, zeugen von einer beschämenden Parteilichkeit im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen. Denn diese sind in der großen Mehrheit sunnitische Muslime und unsere Brüder und Partner in der Heimat. Als syrischer Christ lehne ich diese beschämende Diskriminierung der Mehrzahl der Flüchtlinge in meinem Land ab, weil sie von Unmenschlichkeit zeugt und gegen die Menschenrechte und alle damit zusammenhängenden internationalen Abkommen verstößt.

Solche Erklärungen schaden nicht nur den Christen in Syrien, sondern im gesamten Nahen Osten. Und sie stellen eine Bedrohung für die Existenz aller Christen dar, die seit jeher ein Bestandteil des syrischen Volkes sind. Vor allem führen sie – beabsichtigt oder nicht – zu Identitätsbildungen auf religiöser Grundlage, sei es nun christlich oder islamisch. So leisten Erklärungen dieser Art der Schaffung religiös begründeter Staaten Vorschub. Und sie bieten womöglich Anlass für diverse Einmischungen des Auslands in die Angelegenheiten der Staaten des Nahen Ostens, ganz gleich, wie diese aussehen würden.

Die Christen in Syrien sind keine Fremden, die irgendwann von außen in das Land eingedrungen sind; sie sind keine ausländische oder ethnische Minderheit. Sie sind angestammte Bürger des Landes, deren Wurzeln sich tief in die Geschichte Syriens erstrecken, wo vor Jahrtausenden eine Zivilisation entstanden ist, die der Welt das älteste Alphabet der Menschheit schenkte. Von hier breitete sich das Christentum in die Welt aus, und Syrien bescherte der Welt sieben Päpste und einige römische Kaiser. Außerdem beheimatet Syrien die wichtigsten christlichen Heiligtümer der Welt, darunter viele Kirchen, Klöster und Mausoleen, wie etwa die Hanania-Kirche, das Humaira-Kloster des heiligen Georg, das Nikola-Kloster in Maaloula und das Kloster in Sednaja. Noch immer wird in einigen Orten die Sprache des Messias gesprochen, beispielsweise in Maaloula, Dschabaadin, Sednaja und Bosra.

Was die Christen mit ihrer Heimat Syrien und ihren muslimischen syrischen Partnern verbindet, ist so bedeutend und wertvoll, dass sie es nicht einfach abstreifen können. Syrien ist für uns Christen eine Heimat, nach der wir uns sehnen. Syrien bedeutet für uns Christen gleichzeitig Boden und Ehre, Ursprung und Wurzeln – eine trauernde Mutter, deren Sohn auf den Feldern starb, die Hand noch am Pflug, eine Erde, die die Überreste der Toten heiligt, die Seite an Seite mit ihren muslimischen Brüdern für die Verteidigung der gemeinsamen Heimat gefallen sind.

Leserkommentare
  1. sie mir bitte einen kleinen Vergleich geäussert lette Woche dirch Herrn Scholl Latour : er sagte er war vor einer Woche beim höchsten Wüdenträher der Schiiten im Irak und der hätte sich gewunert darüber das der Papst nebst seiner Oganisation nichts Erkennbares zur Rettung für die Christen zum Beispiel auch im Irak unternimmt.

    Warum ist das so? Hat die Kirche bereits ausreichend Gläubige auf der Welt?

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    Der Papst ist nicht für die gesamte Christenheit verantwortlich oder deren Oberhaupt!!! Im Irak leben überwiegend orthodoxe Christen mit einem selbsständigen Patriarchat und einem eigenen "Papst" bzw. Patriarchen!

  2. Der Papst ist nicht für die gesamte Christenheit verantwortlich oder deren Oberhaupt!!! Im Irak leben überwiegend orthodoxe Christen mit einem selbsständigen Patriarchat und einem eigenen "Papst" bzw. Patriarchen!

    Antwort auf "dazu erlauben"
  3. Ich finde es ehrenhaft, wenn sich jemand dem Asyl verweigert und weiter - mit friedlichen Mitteln - für sein Land und dessen Einheit kämpfen will.

    Allerdings würde ich die Intention der Regierungspartei nicht so sehr verteufeln, wie es hier offenbar getan wird. Denn auch die Möglichkeiten einer Fraktion des Bundestages sind begrenzt und vermutlich ist es eine der wenigen Möglichkeiten Menschenleben zu retten.

    Würde der Autor regelmäßig die arabischen Zeitungen (z.B. al Arabiya) lesen, müsste er auch der traurigen Realität ins Auge blicken: http://www.nytimes.com/20...

    • lxththf
    • 28. Oktober 2012 18:02 Uhr

    ich kann den Autor verstehen und finde es umso besser, dass dieser Artikel in der Tat neutral ist (weder gegen die Opposition noch gegen Assad schimpfend). Jedoch fällt es mir schwer zu glauben, dass sehr viele so denken wie er, vor allem diejenigen , die tatsächlich vertrieben wurden, von radikalen Islamisten und/oder vor der Zerstörung flohen durch das syrische Militär.
    Es ist durchaus noch wichtig einen Blick in den Irak zu riskieren und die Frage zu stellen, warum so viele Christen aus diesem Land geflohen sind (Berichte und Quellen finden sich zum Beispiel im Spiegel).
    Der Autor mag der Meinung sein, dass Christen keines besonderen Schutzes bedürfen, doch sollte er das den Familien erzählen, die vertrieben wurden und deren Familienangehörige Opfer von gezielter Gewalt wurden.

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    • tinnef
    • 28. Oktober 2012 18:12 Uhr

    da der Autor nicht weiß, wie es ausgeht und er keinem auf die Füße treten will, um nicht nach dem Ende der Streitigkeiten unter die Räder zu kommen. Da hilft es das er sich ja auch im Schluss den arabischen Herrschern ordentlich anbiedert und die Schuld der Probleme des Mittleren Osten Israel in die Schuhe schiebt.

    Ich kann Ihnen nur beipflichten. Ich finde diese Neutralität auch gut, ein Impuls, das dieses Land benötigt. Aber - wie es auch schon sagten - die Realität sieht völlig anders aus und das ist eigentlich das traurige daran. Niemand, der mehr die Kraft hat zu sagen "Stop" und mal die Situation halbwegs vernünftig analysiert!

    "Der Autor mag der Meinung sein, dass Christen keines besonderen Schutzes bedürfen, doch sollte er das den Familien erzählen, die vertrieben wurden und deren Familienangehörige Opfer von gezielter Gewalt wurden."

    Ein besonderer Schutz würde die Christen oder Alawiten wohl eher in eine missliche Lage bringen inder sie sich selbst dadurch für ein zukünftiges Syrien isolieren und in einer Angstlage bringen.
    Vertreibungen gab es nicht laut medien, die vertreibung die in Homes Propagandiert wurde stellte sich nach dem was ich mitbekommen habe als lüge herraus und was von christlichen blättern falsch gedruckt wurde was man dem Blog entnehmen kann
    http://arprin.wordpress.c...
    http://arprin.wordpress.c...
    "Im April 2012 wurde berichtet, dass 90% der Christen in Homs, insgesamt 50.000, von den Rebellen vertrieben wurden. Die Quelle für diese Behauptung war ein Text von der Vatikan-Nachrichtenagentur Fides. Später distanzierten diese sich von dieser Behauptung, Kirchenvertreter stellten klar, dass ihnen keine Fälle von gewaltsamer Vertreibung von Christen in der Stadt bekannt seien. Das Internet wird von den Assad-Jüngern schon längst als Schlachtfeld genutzt"

    Das zeigt schonmal das eher solche falschmeldungen gepflanzt werden um Ängste zu erzeugen.
    Diese Ängste können in erster linie nur die Opposition und ihre Führer mit klaren ansagen für die Minderheiten zerstreuen indem sie regelmäßig diese Ängste nehmen denke ich.

    • tinnef
    • 28. Oktober 2012 18:12 Uhr

    da der Autor nicht weiß, wie es ausgeht und er keinem auf die Füße treten will, um nicht nach dem Ende der Streitigkeiten unter die Räder zu kommen. Da hilft es das er sich ja auch im Schluss den arabischen Herrschern ordentlich anbiedert und die Schuld der Probleme des Mittleren Osten Israel in die Schuhe schiebt.

    Antwort auf "Heimat in Syrien"
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    "Da hilft es das er sich ja auch im Schluss den arabischen Herrschern ordentlich anbiedert und die Schuld der Probleme des Mittleren Osten Israel in die Schuhe schiebt."

    Nach meiner Lesart biedert er sich weder den arabischen Herrschern an noch gibt er Israel die Schuld am Nahostkonflikt.
    Die israelische Politik trägt nunmal nicht gerade zur Lösung der Probleme dort bei. Darf man das nicht kritisieren?

    • AN_M
    • 28. Oktober 2012 20:41 Uhr

    Als Christ und Syrer hat der Mann wohl deutlich mehr Ahnung als ein deutscher Poster, der aus welchen Gründen auch immer das Loblied auf die Politik Israels singt.

  4. Syrien - ein Land versinkt in Anarchie und die Religionen dieser Welt scheinen auch hier am Ende ihrer Weisheit angekommen zu sein..

    Vielleicht sollten wir aber auch die "anderen Wege" und verborgenen Mittel der Religionen nicht unterschätzen....wer weiss, wie eine letzte Kerze der Hoffnung - die 3 Weltreligionen und ihre wichtigstene Nebensäulen - ein mittel um Assad zur Vernunft zu bewegen?

    Auch viele Kulturstätten sind in Syrien der Zerstörung preisgegeben und das ist wohl auch ein Zeichen das anarchie im Lande sich breit macht und Assad nur noch eine Art Marionette ist und die Armee und Geheimpolizei hier wohl schon das Sagen hat.... (der Clan des Assads, wohl ist hier sein despotischer Bruder der Chef der Geheimpolizei hier der eigentliche Herrscher??)

    Selbst die sog. Opferfesttage wurden zu einem Blutbad trotz versprochenen Waffenstillstands....

  5. Ich kann Ihnen nur beipflichten. Ich finde diese Neutralität auch gut, ein Impuls, das dieses Land benötigt. Aber - wie es auch schon sagten - die Realität sieht völlig anders aus und das ist eigentlich das traurige daran. Niemand, der mehr die Kraft hat zu sagen "Stop" und mal die Situation halbwegs vernünftig analysiert!

    Antwort auf "Heimat in Syrien"
  6. ob christen oder alawiten sollten die Aufständischen so gut es eben geht moralisch unterstützen und so zur beruhigung der lage beitragen damit sie nicht aus Angst vor Verfolgung blind das Regime stützen und auch für die Zeit nach Assad die selbe oder bessere anerkennung wie bisher bei den Sunniten genießen können. Das was zur Zeit stattfindet sollte so schnell wie möglich beendet werden und dazu sollte Assad in die Schranken durch einem Rucktritt verwiesen werden.
    Das Regime trägt die verantwortung für die Lage und Gewalt und stützt sich auch damit das es minderheiten ängste vor zuständen wie Irak macht und so hinter sich bindet, das ist nicht schön denn je Länger sich das Regime aufgrunddessen hält umso weniger vertrauen ist dann zwischen den Religiösen Gruppierungen nach assad da, da sich die Opposition von den Minderheiten verlassen fühlt. Ich denke als Christ oder Alawit muss ich nicht einen Verbrecher nachtrauern oder ihn gar verteidigen und kann mich klar gegen die Gewalt die dort bereits seit 20Monaten herrscht aussperechen.

    Man sollt den Syrern helfen diesen Aufstand zu Meistern und eine Demokratie zu etablieren die Platz und eine gleichberechtigung zwischen den religiösen Parteien schaft hier wäre es schön wenn auch die Oppositon regelmäßig diese Ängste durch klare Aussagen für die Minderheiten zerstreut. Ich denke die Angst vor der Zeit danach sitzt tief in den Köpfen vieler Syrer die oft nur die Opposition mit klare ansagen für die Minderheiten zerstreuen kann.

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    Man kann es natürlich so sehen, wie Sie es darstellen. Das ist jedoch - mit Verlaub - ziemlich naiv. Denn wir wissen nicht wie viele "Rebellen" tatsächlich nur aus Syrien kommen und wieviele Mujahedin und Freiheitskämpfer sich aus dem Ausland dazugesellt haben.

    Diese nehmen keine Rücksicht darauf, wer auf welcher Seite steht. Für die gilt der Grundsatz: "Erst schießen, dann fragen!"

    • Samalia
    • 31. Oktober 2012 8:33 Uhr

    Die Ansagen waren klarer. Sehr Klar sogar. Welche Ansage könnte klarer sein als Morde?

    http://rt.com/news/syrian...

    http://koptisch.wordpress...

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