Kürzlich sprach ich mit einem Freund, der gerade von einem Besuch in Deutschland nach Syrien zurückgekehrt war. Er erzählte mir, dass einige Politiker aus den christlichen Parteien CDU und CSU zum Schutz der Christen in Syrien aufgerufen hätten und nun ein Gesetz durchbringen wollten, mit dem christlichen Flüchtlingen aus Syrien einfacher Asyl gewährt werden könnte. Ich war beunruhigt, als ich seine Worte hörte.

Die Sorge um die Situation der Christen in der arabischen Welt hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, besonders nach den tief greifenden Veränderungen, die diese Region in den letzten Jahren erlebte – angefangen von den Ereignissen rund um den 11. September bis hin zur Besetzung des Iraks und schließlich dem Aufstand der arabischen Völker gegen Willkürherrschaft und Unterdrückung in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Bahrain und Jemen. Manche Politiker im Westen warnten davor, dass syrische Christen nun besonders von Übergriffen gefährdet sein könnten, weil islamistische Kräfte in Ägypten, Tunesien und Libyen die Schlüsselpositionen der Macht in den Händen halten. Einige gingen sogar so weit, zu fordern, dass Christen in Syrien in besonderem Maße geschützt und zur Auswanderung in den Westen ermutigt werden sollten.

Ich als Syrer und Christ (in dieser Reihenfolge) lehne Erklärungen grundsätzlich ab, die zum Schutz der syrischen Christen aufrufen unter dem Vorwand, sie seien speziellen Gefahren ausgesetzt oder würden im Falle eines Regimewechsels in Syrien stärker unterdrückt werden. Überlegungen dieser Art, die möglicherweise von einem deutschen Parlament in Gesetzesform gegossen werden sollen, zeugen von einer beschämenden Parteilichkeit im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen. Denn diese sind in der großen Mehrheit sunnitische Muslime und unsere Brüder und Partner in der Heimat. Als syrischer Christ lehne ich diese beschämende Diskriminierung der Mehrzahl der Flüchtlinge in meinem Land ab, weil sie von Unmenschlichkeit zeugt und gegen die Menschenrechte und alle damit zusammenhängenden internationalen Abkommen verstößt.

Solche Erklärungen schaden nicht nur den Christen in Syrien, sondern im gesamten Nahen Osten. Und sie stellen eine Bedrohung für die Existenz aller Christen dar, die seit jeher ein Bestandteil des syrischen Volkes sind. Vor allem führen sie – beabsichtigt oder nicht – zu Identitätsbildungen auf religiöser Grundlage, sei es nun christlich oder islamisch. So leisten Erklärungen dieser Art der Schaffung religiös begründeter Staaten Vorschub. Und sie bieten womöglich Anlass für diverse Einmischungen des Auslands in die Angelegenheiten der Staaten des Nahen Ostens, ganz gleich, wie diese aussehen würden.

Die Christen in Syrien sind keine Fremden, die irgendwann von außen in das Land eingedrungen sind; sie sind keine ausländische oder ethnische Minderheit. Sie sind angestammte Bürger des Landes, deren Wurzeln sich tief in die Geschichte Syriens erstrecken, wo vor Jahrtausenden eine Zivilisation entstanden ist, die der Welt das älteste Alphabet der Menschheit schenkte. Von hier breitete sich das Christentum in die Welt aus, und Syrien bescherte der Welt sieben Päpste und einige römische Kaiser. Außerdem beheimatet Syrien die wichtigsten christlichen Heiligtümer der Welt, darunter viele Kirchen, Klöster und Mausoleen, wie etwa die Hanania-Kirche, das Humaira-Kloster des heiligen Georg, das Nikola-Kloster in Maaloula und das Kloster in Sednaja. Noch immer wird in einigen Orten die Sprache des Messias gesprochen, beispielsweise in Maaloula, Dschabaadin, Sednaja und Bosra.

Was die Christen mit ihrer Heimat Syrien und ihren muslimischen syrischen Partnern verbindet, ist so bedeutend und wertvoll, dass sie es nicht einfach abstreifen können. Syrien ist für uns Christen eine Heimat, nach der wir uns sehnen. Syrien bedeutet für uns Christen gleichzeitig Boden und Ehre, Ursprung und Wurzeln – eine trauernde Mutter, deren Sohn auf den Feldern starb, die Hand noch am Pflug, eine Erde, die die Überreste der Toten heiligt, die Seite an Seite mit ihren muslimischen Brüdern für die Verteidigung der gemeinsamen Heimat gefallen sind.