Neulich hatte ich einen Traum. Mehrfach. Ich spiele eine ausgezeichnete Rolle in einem anspruchsvollen deutschen Kinofilm. Alle rufen mich an: »Das ist ja toll. Du kriegst den Deutschen Filmpreis ! Und jetzt bist du auch noch für den Oscar nominiert!« Ich bestreite: »Ich habe mit diesem Film nichts zu tun.« – »Doch, das hast du!«

Der Film läuft seit Wochen und ist kommerziell erfolgreich. Auf dem Plakat steht mein Name. Und dann schaue ich mir den Film an und finde ihn großartig. Ich kann mich jetzt nicht mehr an Einzelheiten erinnern, aber er war großartig. Nur habe ich diese Rolle eben leider nie gespielt. In dem Traum begann ich zu grübeln: Vielleicht gibt es einen zweiten Karl Dall, der aussieht wie ich und unter meinem Namen gute Filme macht? Beim Filmpreis sitze ich in der ersten Reihe und darf aufstehen. Alle toben. In einem Ambiente und einer Gesellschaft, zu der ich nicht gehöre. Dann soll ich mir den Oscar abholen. Doch da hört der Traum abrupt auf. Eigentlich schade. In Hollywood war ich noch nicht. Ich hätte gern gewusst, wie es weitergeht.

Wie deutet man das? Ist es Wunschdenken? Das ist mir wirklich durch den Kopf gegangen. Auslöser könnte sein, dass ich kürzlich mal eine Liste zusammenstellen musste, was ich in meinem Leben alles gemacht habe. Da tauchte immer ein Film auf, an den ich mich nicht erinnern kann. Sicher kein Spielfilm, es könnte auch ein Stück Fernsehen sein. Jedenfalls werde ich als Darsteller aufgeführt. Ich weiß nicht mehr alles, was ich vor 30 Jahren gedreht habe. Vielleicht war ich nur einen halben Drehtag in irgendeiner Kinderserie, und die Folge wurde umbenannt.

Den idealen Traumfilm, in dem ich schon immer mal spielen wollte, gibt es nicht. Eine Zeit lang wollte ich gegen meinen Typ besetzt werden, aber das habe ich aufgegeben. Das macht niemand. Und ich könnte das auch gar nicht. Das ist die Fresse von Karl Dall. Wie sollen das die Leute vergessen?

Preise habe ich bislang keine bekommen, nur einmal den »Preis der beleidigten Zuschauer«. Ich bin kein Schauspieler, keiner von denen, deren Wunsch es ist, einmal ganz groß zu sein. Meine Spielfilmkarriere wird als wenig glorreich bezeichnet. Das waren diese Lustspiele, die heute selbst bei RTL nicht mehr wiederholt werden. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich damals jung war und das Geld brauchte. Ich war schon alt, und mir ging es finanziell ganz gut. Ich bin den einfachen Weg gegangen und habe gemacht, woran ich Spaß hatte. Ich unterhalte die Leute gern. Ich bin froh, wenn ich Leute auf dem Bildschirm sehe, denen ich zuhöre. Das reicht ja schon. Es ist schon ein Gewinn, wenn man im Fernsehen überhaupt einem zuhören kann.

Ich habe mir niemals Gedanken darüber gemacht, warum ich so bin, wie ich bin. Wenn man da in die Tiefe geht und versucht zu analysieren – wer weiß, was da noch alles rauskommt. Das brauche ich gar nicht. Ich habe mich nie gefragt: Braucht die Nation mich noch? Da pfeife ich drauf. Ich mache das für mich, nur für mich. Ich fülle meine eigene Lücke aus.

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