Türkei : Hilfe, wir sind isoliert!

Lange pflegte die Türkei ihre "Null-Problem-Politik". Jetzt liegt sie mit allen Nachbarn im Streit
Türkisches Militär und syrische Flüchtlinge an der Staatengrenze nahe dem Fluss Orontes © REUTERS/Osman Orsal

Nur nichts anmerken lassen. Der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan empfing am Wochenende Politiker, religiöse Würdenträger und Intellektuelle auf einer globalen Megakonferenz in Istanbul . Alle waren gespannt, was Erdoğan zu den jüngsten türkischen Schlägen gegen syrische Truppen und zur Konfiszierung russischer Aufklärungstechnik in Ankara zu sagen hatte. Und, was sagte er? Nichts. Stattdessen ließ sich der Premier wie ein Rockstar feiern und genoss sichtlich das Bad in der Menge der Besucher aus aller Welt. Er forderte eine Reform des UN-Sicherheitsrats , als ob ihn nichts Wichtigeres plagte. Für ihn hatte das einen Vorteil: So musste er nicht über sein Land reden.

Die stolze, selbstbewusste Türkei erkennt sich selbst nicht wieder. War sie nicht gerade noch eine prosperierende Vorzeigenation und Friedensinsel in Nahost? Nun sterben türkische Bauern durch syrische Granaten, das Land findet sich gleichzeitig in Konflikte mit Russland , dem Iran und dem Irak verstrickt. Der Oppositionsführer beschimpft Außenminister Davutoglu als "Vollidioten". Doch das Problem ist größer als ein Minister, es ist größer als die Türkei selbst. Das Land liegt unmittelbar am Epizentrum jenes Bebens, das gerade den Nahen Osten und die Welt erschüttert. Der Krieg in Syrien teilt die Region in verfeindete Blöcke und entzieht jedem Versuch einer türkischen Vermittlungspolitik die Grundlage. Das Land balanciert nicht mehr zwischen West und Ost, es findet sich als Frontstaat wieder. Seit dem Kollaps der Sowjetunion wollte die Türkei genau das eigentlich nie wieder sein.

In Syrien tobt ein Stellvertreterkrieg. Niemand kann sich heraushalten

"Null Probleme" mit den Nachbarn – so hatte Ankara seine Politik genannt. Man wollte im Nahen Osten nicht mehr die stachelige Igelhaltung früherer Zeiten einnehmen, sondern ein offenes Land und allen ein verlässlicher Handelspartner sein. Man muss das Glück des vergangenen Jahrzehnts verstehen, um die Verzweiflung von heute zu begreifen: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte lebte die türkische Republik in wirklichem Frieden mit ihren Nachbarn. Mit Syrien ging die Freundschaft 2008 so weit, dass Erdoğan und Baschar al-Assad mit Ehefrauen und gleichen Sonnenbrillen Urlaub im türkischen Touristenparadies Bodrum machten. Doch auch mit dem Irak, dem Iran und Russland verbandelte sich die Türkei durch Pipelines, visafreies Reisen und persönliche Freundschaften. Entspannungspolitik war das, mit Diktatoren wohlgemerkt.

Dann kamen die arabischen Aufstände, und die Diktatoren begannen zu wanken. Ankara wechselte alsbald die Seiten und unterstützte die aufbegehrenden Bevölkerungen. Die Türkei gewann weiter an Ansehen, die Regierungspartei AKP wurde nicht nur bei ägyptischen Islamisten als pragmatisches Vorbild gehandelt. Die jähe Wende kam mit dem Krieg in Syrien. Erdoğan überwarf sich mit Baschar al-Assad , der sein Regime gegen Ankaras Rat partout nicht reformieren wollte. Persönlich gekränkt, setzte Erdoğan seither auf Assads schnellen Sturz. Doch Syrien ist nicht Libyen , wo ein Herrschaftswechsel kaum über das Land hinauswirkt. Erdoğans Abwendung von Gaddafi war billig zu haben, der Streit mit Assad kommt ihn teuer.

Syrien ist das zentrale Land im Mittleren Osten. Hier haben alle Interessen, vor allem die Iraner, die das Alawitenregime päppeln, um Syrien als großen arabischen Verbündeten zu behalten. Es geht um Zugang zum Mittelmeer, Versorgungsrouten für die libanesisch-schiitische Hisbollah, Einkreisung Israels und die Einhegung saudischen Einflusses. Die iranischen Herrscher wissen: Gewinnen die sunnitischen Rebellen, ist Syrien für sie verloren.

Die Russen mit ihrer großen Marinebasis in Tartus an der syrischen Mittelmeerküste fürchten das genauso. Moskau und Teheran intervenieren bereits mit Milizen, Beratern oder Waffen. Dagegen stehen Saudi-Arabien, Qatar und weitere arabische Staaten. Und im Hintergrund bauen sich die Weltmächte auf, die USA aufseiten der Rebellen und China für Assad.

In diesem neuen Kalten Krieg kann niemand mehr beiseite stehen oder gar Mittler sein, weder die Türkei noch Ägypten oder Katar. Es ist kein sunnitisch-schiitischer, kein religiöser oder ideologischer Konflikt, der den Mittleren Osten spaltet. Es ist ein Machtkampf, in dem es vor allem um die angemaßte Vormachtstellung des Irans in der arabischen Welt geht.

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Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Erdoğan als Weltenlenker, der es allen zeigt: Das ist die Show..

... Erdoğan und seine Türkei als Spielball der umliegenden Mächte und deren Interessen: Das ist die Realität.

Solange man ihn weiter in dem Glauben lässt er könnte der Anführer eines neuen "Osmanischen Reiches" werden wird er auch gerne mitspielen...

Illegale Güter

Was genau wäre denn illegal gewesen? Und seit wann sind diese Güter illegal? In Syrien herrscht Ausnahmezustand. Menschen sterben. Und ein syrisches Flugzeug aus Russland über türkischem Luftraum darf nicht zur Landung gezwungen werden, um es nach möglichen Waffen zu durchsuchen, die möglicherweise für noch mehr Tote sorgen könnten? Freunde waren Erdogan und Assad zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr.

Ihrer Meinung nach muss die Türkei schon vor der Durchsuchung wissen was in dem Flugzeug transportiert wird. Das ist echt gut. Ist das hier in Deutschland auch anwendbar. Die Polizei in Deutschland weiß immer alles vorher?

Für nicht-russische Quellen wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Angenommen

die Russen hätten den Syren wirklich Waffen liefern wollen:
a) Es gibt kein Waffenembargo gegen Syrien, deshalb wäre es rechtens, wenn Assad, als Regierungschef, Waffen oder auch militärische Unterstützung aus Russland oder einem x-beliebigen Land zukommen lässt.

b) Die Türkei, die zuerst verdeckt, doch mittlerweile für alle ersichtlich, die aktiv in einen Bürgerkrieg eingreift, verstösst gegen UN-Recht.

c) Die Russen hätten auch andere Routen, die sie fliegen könnte, um Syrien zu erreichen.

Waffenembargo

a) Es gibt kein Waffenembargo gegen Syrien, deshalb wäre es rechtens, wenn Assad, als Regierungschef, Waffen oder auch militärische Unterstützung aus Russland oder einem x-beliebigen Land zukommen lässt.

Der Transport von militärischem Gerät bedarf der ausdrücklichen Zustimmung aller Nationen die Überflogen werden. Es gibt kein internationales Recht darauf, den Luftraum eines fremden Staates für solche Lieferungen nutzen zu dürfen. Es braucht kein internationales durch die UN verhängtes Embargo um Waffenlieferungen damit ein Staat Waffenlieferungen durch sein Hoheitsgebiet verhindern darf.

Auffälliges desinteresse scheinen

die "Freunde Syriens" und die "wahren Freunde der Türkei" an Nahostangelegenheiten zu haben. Wenn die USA noch Geld hätten oder die EU und wenn Syrien und Iran nicht so einen formidablen Widerstand leisten würden wären diese Länder längst von den Schattenkriegern der NATO platt gemacht worden.

Selbestverständlich ist Rußland, China und Iran an allem Schuld und die Türkei wird von Schnewittchen regiert und sollte in ihrem Vernichtungsfeldzug gegen unterdrückte Kurdenjungen unterstützt werden.

Die liebe Welt wäscht ihre Händ in Unschuld. Allen voran Held der Drohen Obama und Westerkiller der Syrienhackfleichliebhaber.

Demokratie

Ich finde es gut, daß die Republik Türkei in Syrien die Gruppe unterstützt, die einen Diktator stürzen will. Von China und Iran erwarten wir ja nichts anderes, als daß sie ihre Politik allein an ihren machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen orientieren. Aber eine Demokratie muß immer demokratischen Kräften helfen, oder zumindest solchen, die gegen Unterdrückung kämpfen.

Daß das Land in sich ein Demokratieproblem hat, muß ich an dieser Stelle extra betonen. Freie Meinungsäußerung ist in der Türkei leider ein zur Unkenntlichkeit entstelltes Grundrecht.

Tut das die Türkei wirklich?

Indem die Türkei Jihadistischen Gruppen, die vor grausamsten Terroraktionen nicht zurückschrecken, untergräbt die Türkei die syrische Revolution,
Waren es noch eine satte Mehrheit zu Beginn die einen Umbruch in Syrien favorisierten, unterstützten mittlerweile die allermeisten das Regime, und das vor allem weil internationale Terroristen aus Ländern wie Libyen, Tscheschenien, Pakistan, Saudi-Arabien, mit logistischer und weiterer Unterstützung von Erdogan das Land traumatisiert haben.

Demokratie mit allen mitteln?

Also soll es ok sein Demokratie zu erzwingen? Wenn ein Volk gegen seinen Diktator ist schafft es sich zu befreien, die Finanzierung von außen verfälscht das ganze und führt zu langen kriegen und vielen toten. Nicht jedes Volk ist gegen einen Diktator und komplett für eine Demokratie außerdem braucht man für Demokratie viele Voraussetzungen die schritt für schritt kommen müssen keinen krieg. Z.B müssen die Männer akzeptieren dass Frauen gleich sind oder nicht korrupt sein. Da hilft auch kein krieg.

Demokratie

interessiert keine der beteiligten Seiten!

Es geht um Macht!

Zitat aus dem Artikel:
"Es ist ein Machtkampf, in dem es vor allem um die angemaßte Vormachtstellung des Irans in der arabischen Welt geht."

Ganz anders natürlich die Vormachtstellung der USA und ihrer braunhalsigen Saud-Vasallen.
Die ist ja ganz offensichtlich göttlichen Ursprungs...

Keine weiteren Fragen mehr an den Autor!

vor allem

"Demokratie interessiert keine der beteiligten Seiten!

Es geht um Macht!"

geht es Iran und den bestehenden System um Macht. Ansonnsten würde Assad morgen zurücktreten und es würde frieden Herrschen indem er sein volk an die Macht lässt Demokratie=Macht des Volkes und liegt in erster linie im Interresse der Opposition.
Das Regieme ist nicht glaubwürdig da es weiterhin Assad an der Spitze haben will um den antiwestlichen Kurs mit Russland und Iran fortzustetzen.
Für den Westen kann es mit der Opposition nur besser werden auch eine konfliktlösung ist in deren inseresse wozu das Regime sich aber im Grunde nicht bereitzeigt.