Nur nichts anmerken lassen. Der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan empfing am Wochenende Politiker, religiöse Würdenträger und Intellektuelle auf einer globalen Megakonferenz in Istanbul . Alle waren gespannt, was Erdoğan zu den jüngsten türkischen Schlägen gegen syrische Truppen und zur Konfiszierung russischer Aufklärungstechnik in Ankara zu sagen hatte. Und, was sagte er? Nichts. Stattdessen ließ sich der Premier wie ein Rockstar feiern und genoss sichtlich das Bad in der Menge der Besucher aus aller Welt. Er forderte eine Reform des UN-Sicherheitsrats , als ob ihn nichts Wichtigeres plagte. Für ihn hatte das einen Vorteil: So musste er nicht über sein Land reden.

Die stolze, selbstbewusste Türkei erkennt sich selbst nicht wieder. War sie nicht gerade noch eine prosperierende Vorzeigenation und Friedensinsel in Nahost? Nun sterben türkische Bauern durch syrische Granaten, das Land findet sich gleichzeitig in Konflikte mit Russland , dem Iran und dem Irak verstrickt. Der Oppositionsführer beschimpft Außenminister Davutoglu als "Vollidioten". Doch das Problem ist größer als ein Minister, es ist größer als die Türkei selbst. Das Land liegt unmittelbar am Epizentrum jenes Bebens, das gerade den Nahen Osten und die Welt erschüttert. Der Krieg in Syrien teilt die Region in verfeindete Blöcke und entzieht jedem Versuch einer türkischen Vermittlungspolitik die Grundlage. Das Land balanciert nicht mehr zwischen West und Ost, es findet sich als Frontstaat wieder. Seit dem Kollaps der Sowjetunion wollte die Türkei genau das eigentlich nie wieder sein.

In Syrien tobt ein Stellvertreterkrieg. Niemand kann sich heraushalten

"Null Probleme" mit den Nachbarn – so hatte Ankara seine Politik genannt. Man wollte im Nahen Osten nicht mehr die stachelige Igelhaltung früherer Zeiten einnehmen, sondern ein offenes Land und allen ein verlässlicher Handelspartner sein. Man muss das Glück des vergangenen Jahrzehnts verstehen, um die Verzweiflung von heute zu begreifen: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte lebte die türkische Republik in wirklichem Frieden mit ihren Nachbarn. Mit Syrien ging die Freundschaft 2008 so weit, dass Erdoğan und Baschar al-Assad mit Ehefrauen und gleichen Sonnenbrillen Urlaub im türkischen Touristenparadies Bodrum machten. Doch auch mit dem Irak, dem Iran und Russland verbandelte sich die Türkei durch Pipelines, visafreies Reisen und persönliche Freundschaften. Entspannungspolitik war das, mit Diktatoren wohlgemerkt.

Dann kamen die arabischen Aufstände, und die Diktatoren begannen zu wanken. Ankara wechselte alsbald die Seiten und unterstützte die aufbegehrenden Bevölkerungen. Die Türkei gewann weiter an Ansehen, die Regierungspartei AKP wurde nicht nur bei ägyptischen Islamisten als pragmatisches Vorbild gehandelt. Die jähe Wende kam mit dem Krieg in Syrien. Erdoğan überwarf sich mit Baschar al-Assad , der sein Regime gegen Ankaras Rat partout nicht reformieren wollte. Persönlich gekränkt, setzte Erdoğan seither auf Assads schnellen Sturz. Doch Syrien ist nicht Libyen , wo ein Herrschaftswechsel kaum über das Land hinauswirkt. Erdoğans Abwendung von Gaddafi war billig zu haben, der Streit mit Assad kommt ihn teuer.

Syrien ist das zentrale Land im Mittleren Osten. Hier haben alle Interessen, vor allem die Iraner, die das Alawitenregime päppeln, um Syrien als großen arabischen Verbündeten zu behalten. Es geht um Zugang zum Mittelmeer, Versorgungsrouten für die libanesisch-schiitische Hisbollah, Einkreisung Israels und die Einhegung saudischen Einflusses. Die iranischen Herrscher wissen: Gewinnen die sunnitischen Rebellen, ist Syrien für sie verloren.

Die Russen mit ihrer großen Marinebasis in Tartus an der syrischen Mittelmeerküste fürchten das genauso. Moskau und Teheran intervenieren bereits mit Milizen, Beratern oder Waffen. Dagegen stehen Saudi-Arabien, Qatar und weitere arabische Staaten. Und im Hintergrund bauen sich die Weltmächte auf, die USA aufseiten der Rebellen und China für Assad.

In diesem neuen Kalten Krieg kann niemand mehr beiseite stehen oder gar Mittler sein, weder die Türkei noch Ägypten oder Katar. Es ist kein sunnitisch-schiitischer, kein religiöser oder ideologischer Konflikt, der den Mittleren Osten spaltet. Es ist ein Machtkampf, in dem es vor allem um die angemaßte Vormachtstellung des Irans in der arabischen Welt geht.