Nicht vergessen, liebe Leser: Am Sonntag um drei Uhr morgens setzt in Europa wieder die Vernunft aus. Die Uhren werden, obwohl alle wissen, dass dies keine Energie spart, um eine Stunde zurückgestellt . Die Bürger Europas werden den Schritt in die verfrühte Dunkelheit, wie seit Jahrzehnten, trotzdem klaglos mitschlurfen. Immerhin dürfen sie am nächsten Morgen ja eine Stunde länger schlafen! Am 31. März nächsten Jahres fassen sich dann alle an die Stirn: Ach, wir verlieren die Stunde ja wieder. Na, halb so schlimm! Dafür werden ja die Abende länger.

Klingt irgendwie dämlich? Könnte es tatsächlich sein. Also noch mal langsam: Damit wir uns im Sommer freuen dürfen, abends länger Licht zu haben, drehen wir im Herbst die Uhren auf früher dunkel. – Ja. Es ist der reine Schwachsinn. Wie konnte so etwas nur passieren?

Das historische Motiv für den Wechsel von Sommer- und Winterzeit war der Wunsch, die knappe Ressource Tageslicht optimal zu nutzen. Weil die Sonne im Sommer zu einer Zeit aufgeht, in der die meisten Menschen noch schlafen, ließen sich Politiker zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts davon überzeugen, dass es eine Verschwendung wäre, dieses Licht nicht für den Arbeitstag zu nutzen. Deshalb wurde der "amtliche" Sonnenaufgang eine Stunde nach hinten verschoben. Im Winter, wenn die Sonne später aufgeht, würde dieselbe Uhrregelung hingegen bedeuten, dass die Menschen einen weiten Teil des Vormittages in Dunkelheit verbringen müssten. Also wieder zurückgedreht, die Zeiger.

Einer der Vorkämpfer für die Sonnenlicht-Nutzenmaximierung war der amerikanische Gründungsvater Benjamin Franklin, der das puritanische Lebensmotto verfocht: "Early to bed and early to rise, makes a man healthy, wealthy and wise" (sinngemäß: Früh ins Bett und früh wieder raus, macht gesund, reich und weise).

Nun hat sich die Lebenswirklichkeit der meisten Europäer spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht unerheblich verändert. Der sich normal verhaltende EU-Bürger steht nicht um 5 Uhr morgens auf, melkt die Kühe, arbeitet im Freien und bläst um 22 Uhr erschöpft die Stubenkerzen aus. Wir mögen’s mittlerweile einfach etwas später, sowohl zu Beginn des Tages wie auch des abends. (Wo wir gerade bei Kühen sind: Die leiden noch viel mehr unter der Zeitumstellung als wir. Wegen des Milch-Jetlags. Um sich in die Qualen unserer beeuterten Mitgeschöpfe zu versetzen, stellen Sie sich einfach mal vor, Sie dürften ab übernächsten Sonntag morgens nach dem Aufstehen plötzlich erst eine Stunde später auf Toilette.)

Weil wir uns nicht mehr mit der Sonne schlafen legen, konnte bisher auch kein Experte einen Energiespareffekt durch die Uhrzeitwechsel verzeichnen. Der reale Blues des Durchschnittsmitteleuropäers in der Winterzeit geht vielmehr so: morgens im Dunkeln zur Arbeit, abends im Dunkeln nach Hause. Macht das gesund, reich und weise? Nein. Die Nachfrage nach Tageslichtlampen, Kanaren-Urlauben und Antidepressionssitzungen steigt seit Jahren.