Saskia Weyel, 21, studiert Germanistik und Linguistik/Phonetik an der Uni Köln. Ihr Beispielsatz stammt aus dem Buch "Kafkas ›Urteil‹ und die Literaturtheorie", das sie im Rahmen eines Einführungsseminars in die Literaturwissenschaft las:

"Wendet sich eine Soziologie der Literatur dagegen der ästhetischen oder besser: zeichenhaften Qualität von Literatur zu, will sie also deren soziale Bedingtheit auf der Ebene gattungsübergreifender wie gattungsspezifischer Formen, Stilprinzipien und Inhalte, ihrer dargestellten Welten und bevorzugten Themen, ihrer einzeltext-, œuvre- oder korpusspezifischen Semantiken aufsuchen, dann wird sie zu einer Soziologie der ›semiotischen‹, also ›zeichenhaften‹ Systemkomponenten von Literatur."

Was kritisiert die Studentin?

An diesem Satz finde ich alles schlimm. Er ist verschachtelt, ein Einschub reiht sich an den anderen, er ist zu abstrakt. Ein Horrorsatz. Das macht mich wütend. Zum Glück versuchen die meisten Dozenten verständliche Literatur auszuwählen. Warum Wissenschaftler so kompliziert schreiben? Vielleicht wollen sie uns damit sagen: Hey, schaut her, wir sind intelligenter als ihr und können euch alle verbal in die Tasche stecken! Vielleicht gehört es auch zur Wissenschaftler-Etikette, und man kann sich in diesem Metier nur mit solchen Texten profilieren.

Was sagt der Sprachkritiker ?

Gelehrte Supersubstantive brauchen niemanden, können alles und sind überall gleichzeitig. In diesem Fall heißt das allmächtige Hauptwort Literatur. Der Satz liest sich deswegen so geheimnisvoll, weil er deren Verwandlung beschreibt; die kommt offenbar ohne menschliche Akteure aus und verrührt Erscheinungsformen und Ursachen ununterscheidbar miteinander. Wenn sich die Soziologie der Literatur deren ästhetischen Qualitäten zuwendet, wird sie zu einer Soziologie der zeichenhaften Systemkomponenten von Literatur. Das ist die Hauptaussage. (Man muss den Satz dafür allerdings dreimal lesen.) Die eingeschobenen Passagen hängt die "soziale Bedingtheit " (der Literatur? der zeichenhaften Qualität von Literatur?) an eine lange Kette weiterer Genitive. Am Schluss ist nicht mehr nachvollziehbar, worauf sie sich eigentlich beziehen. Dem Leser schwant, dass das möglicherweise ein bisschen tautologisch ist: Sind die "gattungsspezifischen Formen, Stilprinzipien und Inhalte" und die "einzeltext-, œuvre- und korpusspezifischen Semantiken" jene "semiotischen Systemkomponenten", um die es geht? Hoffen wir es. Aber der Autor tut sein Bestes, damit seine Leser das nicht herausfinden können.

 "Ich versetze mich in die Rolle der Leser"

Malte Kilian, 24, studiert Politikwissenschaft und VWL an der Uni Mainz und schreibt gerade seine Magisterarbeit. Während der Recherche stieß er in dem Buch "Wahl-Kämpfe: Betrachtungen über ein demokratisches Ritual" auf diesen Satz:

"Etwas überspitzt könnte man formulieren, dass nicht nur Politik nicht mehr ohne systemspezifische öffentliche Kommunikationsaktivitäten zu denken ist (sofern sie es in ihrer demokratischen Version denn je war), sondern ebenso die Beobachtung von Politik nicht mehr ohne die Beobachtung der reflexiv-dynamischen, von den Akteuren nur schwer kontrollierbaren Systemirritationen zwischen Politik und Politikbeobachter."

Was kritisiert der Student?

"Schlimm finde ich Länge und Satzstruktur. In meinem Politikstudium bin ich solchen Sätzen oft begegnet. Da fragte ich mich am Ende oft: Was hast du da eigentlich gerade gelesen? Ich verliere dann die Lust weiterzulesen. Ich selber bemühe mich, verständlich zu schreiben, auch wenn ich natürlich Fremdwörter und Fachvokabular benutze und der eine oder andere Satz etwas länger ist. Ich versetze mich in die Rolle der Leser: Würde jemand Fachfremdes den Satz verstehen? Geht es auch kürzer? Abstand nehme ich von unnötigen Anglizismen."

Was sagt der Sprachkritiker?

Auch hier wird die eigentliche Aussage erst deutlich, wenn man den langen Satz aufteilt und die sinntragenden Substantive so rasch wie möglich nennt. Etwa so: "Politik ist heute nicht mehr ohne systemspezifische öffentliche Kommunikationsaktivitäten zu denken, könnte man etwas überspitzt formulieren. Aber ist das in ihrer demokratischen Version überhaupt jemals möglich gewesen? Ebenso ist die Beobachtung von Politik nicht mehr denkbar ohne die Beobachtung der Systemirritationen zwischen Politik und Politikbeobachtern. Und die sind reflexiv-dynamisch; das heißt, von den Akteuren nur schwer kontrollierbar."

Zu lang, zu unverständlich

Florian Sanner, 30, promoviert am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Siegen. Der Satz stammt aus einem Klassiker deutscher Kreuzzugsforschung: "Geschichte der Kreuzzüge".

"Hat der reumütige Sünder durch gute Beichte und die daran anschließende Absolution die Tilgung der Sündenschuld und die Umwandlung der ewigen Sündenstrafen in die zeitlichen (die ihn hier oder im Jenseits treffen können und die insbesondere das Fegefeuer einschließen) erlangt, so erlässt ihm die Kirche gegen die Leistung des Ablasswerkes auf Grund ihrer Schlüsselgewalt in einem jurisdiktionellen Gnadenakt außerhalb des Bußsakraments, je nachdem ob es sich um einen Teil- oder einen Plenarablass handelt, einen Teil oder die Gesamtschuld sowohl der kanonischen Kirchenstrafen (Bußstrafen) wie der zeitlichen Sündenstrafen, indem sie Gott aus dem ›Kirchenschatz‹ als dem Reservoir der unerschöpflichen Verdienste Christi und der von den Heiligen erworbenen, für sich selbst jedoch nur teilweise verbrauchten Verdienste das Angebot eines Bußersatzes macht."

Was kritisiert der Doktorand?

"Der Satz ist mir aufgefallen, weil er zu lang ist und zu viele nicht erklärte Begriffe enthält. Studenten wird bereits in Proseminaren vermittelt, dass sie darauf achten sollen, beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten einfach und anschaulich zu schreiben, schwerfällige sprachliche Konstruktionen zu vermeiden und schwierige Begriffe nicht mit anderen schwierigen Begriffen zu erläutern. Dass diese Regeln nicht beachtet werden – oder im Verlauf des Studiums wieder vergessen werden –, nervt mich. Das Ziel von Wissenschaft sollte es doch sein, Arbeitsergebnisse verständlich zu präsentieren und einem möglichst breiten Kreis zugänglich zu machen. Warum schreiben trotzdem so viele Wissenschaftler so kompliziert? Weil sie sich an die in ihrer Fachkultur übliche Art des Schreibens anpassen? Wollen sie sich durch die Verwendung eines Schreibstils ganz bewusst von der Nicht-Fachkultur mit ihren populärwissenschaftlichen Texten abgrenzen? Oder ist dies der Grund: Je besser man sich als Forscher in seinem Gebiet auskennt, desto weniger weiß man Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und ein Thema auf den Punkt zu bringen, ohne sich in endlosen Nebensätzen zu verlieren?

Was sagt der Sprachkritiker?

Hat hier ein Übersetzer viele kurze lateinische Sätze in eine endlos lange und unverdauliche deutsche Wurst gestopft? Ein Umbau wird vor allem die beiden Akteure wieder sichtbar machen müssen, um die es eigentlich geht, nämlich Sünder und Amtskirche. Beginnen würde man so: "Gute Beichte und anschließende Absolution tilgen die Schuld des Sünders. Sie wandeln die ewigen Sündenstrafen in zeitliche um. Die können den armen Sünder entweder auf Erden oder erst im Jenseits treffen und schließen das Fegefeuer ein..."