Homophobie : Hasspredigen auf Katholisch

Das Netzportal kreuz.net verteufelt Schwule. Und was tut die Kirche?

Nur wenige Stunden waren nach dem Tod des Komikers Dirk Bach vergangen, als das katholische Internetportal kreuz.net die Öffentlichkeit wissen ließ: »Jetzt brennt der homosexuelle Sittenverderber in der ewigen Homo-Hölle.« Den Schauspieler habe das Los aller »Kotstecher« ereilt, ein früher Tod als Strafe für ein zügelloses Leben unter dauerndem Drogeneinfluss, der solch ein perverses Leben überhaupt erst erträglich mache. Durch soziale Netzwerke angeheizt, erfasste das Entsetzen angesichts solcher Pietätlosigkeit schnell weite Kreise. Kreuz.net erreichte innerhalb von 24 Stunden mehr als 3 Millionen Klicks.

Eine Durchsicht der Seite, die unter katholischer Flagge segelt, macht unmissverständlich deutlich, dass der perfide Artikel über Dirk Bach fast noch eine Nettigkeit war, verglichen mit dem, was kreuz.net sonst publiziert. Nun drängt sich unabweisbar auf: dass es ähnlich wie in der islamischen Welt auch im Katholizismus lauter werdende Fundamentalisten gibt. Zu ihren Hauptfeinden haben diese Katholiban nun die männlichen Homosexuellen erklärt. Homosexuelle »Unzucht« wird mit einer Mischung aus latenter Faszination und umso offener zur Schau getragenem Ekel in nahezu jedem zweiten Kreuz.net-Artikel präsentiert. Sogar mit Gewaltaufrufen gegen offen schwul lebende und die kirchliche Homophobie kritisierende Theologen hat man kein Problem. Ja, man postet hemmungslos deren Privat- und Dienstanschriften. Anzeigen bei der Polizei und Beschwerden beim Verfassungsschutz nützten den Opfern der Hetze bislang nichts. Sie müssten lernen, »mit kreuz.net zu leben«, ließ man sie etwa wissen. Der Staat zeigte sich machtlos gegen die anonymen und auf wechselnden Servern sich versteckenden Macher der Seite.

David Berger

ist Theologe und Philosoph. In seinem Bestseller Der heilige Schein (List Verlag) geißelte er die Homophobie der katholischen Kirche.

Nun aber hat das Entsetzen über die Pietätlosigkeit gegen den verstorbenen Dirk Bach, seine Angehörigen und Fans das Fass zum Überlaufen gebracht und eine Aufsehen erregende Aktion gegen kreuz.net provoziert. Der Berliner Verlag Bruno Gmünder, spezialisiert auf Medien für schwule Männer, setzte eine Belohnung von 15.000 Euro für Informationen aus, die zur Ergreifung der Macher von kreuz.net führen. Das Echo auf diese Initiative war so groß, dass der Verlag den Verfasser dieser Zeilen bat, die Koordination der Kampagne zu übernehmen. Und er hat zugesagt, da er kreuz.net seit seinen Anfängen beobachtet, seit 2007 auf die Gefahren dieses Portals hingewiesen hat und jetzt die Chance sieht, das unselige Treiben zu beenden.

Denn unter den zahlreichen Zuschriften, die den Gmünder-Verlag erreichten, waren auch viele von gläubigen Katholiken, die finden, der Verlag tue endlich das, was zuerst Aufgabe ihrer Kirche sei: »Die Rufschädigung, die die katholische Kirche durch ein solches Hass-Portal erleidet, ist immens!« Daraufhin schrieb der Verlag einen offenen Brief an die Deutsche Bischofskonferenz mit der Bitte um Unterstützung. Fast zeitgleich forderte der Bundestagsabgeordnete Volker Beck den Vorsitzenden dieser Konferenz auf, den Kirchenausschluss der Kreuz.net-Macher zu erwirken.

Was wird die Bischofskonferenz nun tun? Sie könnte die Bitten mit der Bemerkung zurückweisen, dass man sich von kreuz.net bereits distanziert habe. Das aber wäre ein fatales Signal. Während die Kirche schwule Priester, die sich outen, schneller rauswirft, als diese sich wehren können, kann sie sich bei Hasspredigern nicht vornehm zurückhalten. Oder doch? Wenn die Bischöfe kreuz.net weiter gewähren lassen, werden drängendere Fragen auf sie zukommen: Haben Katholizismus und Portale wie kreuz.net wirklich nichts miteinander zu tun? Oder ist kreuz.net der Zerrspiegel, in dem sich das fundamentalistische Denken einer zur Großsekte mutierenden Kirche zeigt?

Es wäre schlimm, wenn rechte katholische Portale weiterhin unbehelligt das Ansehen der katholischen Kirche beschmutzen können. Denn das würde dem Verdacht Nahrung geben, dass die Kirche nicht nur mit Schwulenfeinden sympathisiert, sondern überhaupt mit Rechtsabweichlern, und dass der konservative römische Kurs unter Papst Benedikt die Katholiken in ein antimodernes Ghetto führen soll. David Berger

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

224 Kommentare Seite 1 von 25 Kommentieren

Hoffentlich erfolgreich

Guten Abend,

ich bedaure grundsätzlich , dass es imer noch Instizutionen gibt, die Menschen nach Geschlecht oder Sexualmoral differenzieren. Ich finde Aktionen gut, die auf solche Praxis aufmerksam machen und etwas verändern wollen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es sicher angebracht ist, Probleme sofort an den Wurzeln zu packen und nicht Jahre abzuwarten. Leider nehmen viele Dinge einen solch negativen Verlauf, dass sie sich kaum noch aufhalten lassen. Es ist angebracht zu Handeln bevor das "Kind in den Brunnen" gefallen ist. Man kann hier sicher von einem Versäumnis reden, dass mit intensiven Bemühungen die absolute Grenzüberschreitung verhindert hätte.

Mit freundliche Grüße und mit großer Hoffnung für erfolgreiche Ermittlungsarbeiten.

Melissa

Frage

Zitat Melissafamily:

"ich bedaure grundsätzlich , dass es imer noch Instizutionen gibt, die Menschen nach Geschlecht oder Sexualmoral differenzieren."

Eigentlich tut das jede Institution. Jemand, der seine Schwester oder Mutter heiraten will darf das nicht, ausser in der Schweiz. Pädophile haben auch eine andere Sexualmoral, auch verboten. Es ist verboten, sich mit Tieren zu paaren, streng genommen wäre auch das eine Art der sexuellen Bevormundung.
Die Frage ist: Wo zieht man die Grenze und auf welche Autorität beruft man sich wenn man Regeln zur Sexualmoral aufstellt?

Die RKK verlangt eine auf Gott hin augerichtete Ordnung auch in der körperlichen Liebe, deswegen keine Gleichstellung homosexueller Paare mit heterosexuellen Paaren und kein Ehesakrament.

nicht vergleichbar

"Jemand, der seine Schwester oder Mutter heiraten will darf das nicht, ausser in der Schweiz."
Dies führt zu Kindern mit genetischen Auffälligkeiten. Inzucht ist meiner Meinung nach zurecht verboten.

"Pädophile haben auch eine andere Sexualmoral, auch verboten."
Das ist verboten, weil es Kinder schädigt!

Sexuelle "Spielarten" sind nur dann verboten, wenn sie andere Menschen schädigen. Das ist bei einem schwulen Paar nicht der Fall.

Ihre Beispiele sind also gar nicht relevant.

Sexualität ist Privatsache (außer Sie schädigen jemanden). Die Kirche hat sich da nicht einzumischen.

Verfassungsschutz ist auch zuständig

Wieso ist eigentlich nicht auch der Verfassungsschutz für diese - regelmäßig die Menschenwürde antastende - Website zuständig?
Wo kommen wir denn da hin, wenn auf einmal
Privatunternehmen - wie dankenswerterweise der Gmünder-Verlag - anfangen, sich um eigentlich staatliche Aufgaben - Verfolgung und Unterbindung dieser menschenfeindlichen Machenschaften bei kreuz.net zu kümmern?
Wenn der Verfassungsschutz auf einem Auge blind ist, sollte man die für diese Sicherheitsbehörde bereit gestellten Mittel hälftig kürzen und eine andere staatliche Sicherheitsbehörde mit der Beobachtung beauftragen.

Gleichsetzung von Evangelikalen und Evangelen...

Erst mal sind die Betreiber von Kreuz.net nicht bekannt.

Gefühlt sind die Betreiber aber gewissen Strömungen in den USA (Evangelikalen, Baptisten, freien Kirchen etc.) ähnlicher als die der katholischen Kirche in Europa.

Wenn es gegen Homosexuelle geht, halten viele zusammen. Von orthodoxen/ extrem konservativen Moslems, Salafisten, orthodoxen Juden bis zu einigen teilen in den (orthodoxen) christlichen Kirchen (oder die sich so nennen).

Ich bin gegen die allgemeine Verwendung von Rundum-Keulen zum Beispiel gegen Religionskritiker oder gegen eine gesamte Religionsgemeinschaften.

Ich würde gerne ­wissen wer überhaupt kreuz.net liest bzw. die verfassten Artikel dort aushält?

Zu 3: Impressum lesen

[‘kreuz.net’ ist die Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind.] (http://www.kreuz.net/impr...)

Die RKK kann schon etwas unternehmen! Sie kann die Betreiber aus ihrem Dienst entlassen! Beispielsweise die Autoren und Quellen, die namentlich genannt werden wie etwa:
[(kreuz.net) Hw. Dariusz Oko ist ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Johannes Paul II. in Krakau.] (http://www.kreuz.net/arti...)

Sie kann allerdings auch durch Untätigkeit ihren Segen erteilen!

Und das genau ist der Vorwurf im Artikel. Die RKK macht sich durch Untätigkeit mit dem Portal gemein. Sie fördert deren Auffassungen. Sie profitiert von der vertretenen Sexualmoral. Denn wenn die Sexualmoral der RKK in einem Punkt geändert wird, dann stürzt ihr ganzes Gebäude zusammen. Und damit verliert die RKK ihren „Markenkern“.

@ 206 ff akademischer Realist

Man kann man Ihnen nur Recht geben. Und zwar ohne jede Überlegung. Man muss sich Hass im eigenen Namen verbitten mit allen legalen Mitteln. Sonst ist die Unterstellung berechtigt, man mache sich mit dem Hass gemein. Ich werde jetzt auch ein wenig aktiv werden in der Sache.

"Denn wenn die Sexualmoral der RKK in einem Punkt geändert wird, dann stürzt ihr ganzes Gebäude zusammen. Und damit verliert die RKK ihren „Markenkern“.

Ich denke, so einfach kann man es nicht sehen. Natrülich ist die Bindung von Sexualität an Zeugungswillen das grundsätzliche Problem, warum Homosexuelle ausgeschlossen sind von der Sexualität.

Sexualität ohne Zeugungsabsicht ist veboten. Unverheirateten Mitgliedern der Kirche auch. Also dürfen denknotwendigerweise die, die zur Zeugung gar nicht in der Lage sind, das schon gar nicht miteinander. Was man von Homosexuellen hält, spielt da erst mal überhaupt keine Rolle.

Z. B. Diebstahl ist verboten, auch wenn ich den Dieb mag.

Warum man sich da auf Natürlich /Unnatürlich einlässt kann ich mir nur durch Unerfahrenheit und Überraschung mancher Kleriker erklären.

Konnte sich doch die Kirche jahrhundertlang auch auf die Politik verlassen bei der Abneigung gegen Homosexuelle. Wann wurde 175 abgeschafft?

Und auch heute sind noch für viele die Homosexuellen die Sensiblen, Querdenker und auch Frauenversteher. Also was Beonderes. Und Homophobie ist immer noch weltweitverbreitet auch ohne Religionsbezug.

Eine „Platt“form

Es zeugt von großer Hilflosigkeit, wenn man von „der“ katholischen Kirche verlangt, dass sie wirksam gegen die Macher eines Hass-Portals vorgehen mögen. Kann der Papst, kann irgendein Bischof Markenschutz auf das Attribut „katholisch“ erheben?

Umgekehrt halte ich es für problematisch, diese digitalen Hassprediger als „Katholiban“ zu bezeichnen, weil man ihnen damit katholische Wurzeln zugesteht, anstatt diese schäbige Tarnung zu demaskieren.

Nein, hinter dieser „Platt“form stecken Psychopaten. Ihre Aussagen gründen auf niederen Instinkten und kranken Phantasien. Sie sind kriminell und maßlos feige.

Leider haben sie ein dankbares Publikum. Das erschreckt mich viel mehr als ihr pathologischer Hass.

Eigentlich schon

Zitat:
"Kann der Papst, kann irgendein Bischof Markenschutz auf das Attribut „katholisch“ erheben?"

Eigentlich schon. Laut Titulatur hat der Papst den Anspruch "Summus Pontifex Ecclesiae Universalis" zu sein, also "Oberster Priester der Weltkirche. Es ist ja eben der Witz des Papsttums, dass der Anspruch erhoben wird auf die Führung der "katholischen" Kirche, was in der weiten Definition die von Jesus Christus begründete allumfassende Gemeinschaft aller Christen meint (in der engeren Definition ist damit nur die römisch-katholische Kirche gemeint). Der Papst nach eigenem Anspruch derjenige, der definiert was katholisch ist und was nicht (bis das Prinzip aufgegeben wurde hatte der Papst sogar den Anspruch, sich in Glaubensfragen nie zu Irren).