Nur wenige Stunden waren nach dem Tod des Komikers Dirk Bach vergangen, als das katholische Internetportal kreuz.net die Öffentlichkeit wissen ließ: »Jetzt brennt der homosexuelle Sittenverderber in der ewigen Homo-Hölle.« Den Schauspieler habe das Los aller »Kotstecher« ereilt, ein früher Tod als Strafe für ein zügelloses Leben unter dauerndem Drogeneinfluss, der solch ein perverses Leben überhaupt erst erträglich mache. Durch soziale Netzwerke angeheizt, erfasste das Entsetzen angesichts solcher Pietätlosigkeit schnell weite Kreise. Kreuz.net erreichte innerhalb von 24 Stunden mehr als 3 Millionen Klicks.

Eine Durchsicht der Seite, die unter katholischer Flagge segelt, macht unmissverständlich deutlich, dass der perfide Artikel über Dirk Bach fast noch eine Nettigkeit war, verglichen mit dem, was kreuz.net sonst publiziert. Nun drängt sich unabweisbar auf: dass es ähnlich wie in der islamischen Welt auch im Katholizismus lauter werdende Fundamentalisten gibt. Zu ihren Hauptfeinden haben diese Katholiban nun die männlichen Homosexuellen erklärt. Homosexuelle »Unzucht« wird mit einer Mischung aus latenter Faszination und umso offener zur Schau getragenem Ekel in nahezu jedem zweiten Kreuz.net-Artikel präsentiert. Sogar mit Gewaltaufrufen gegen offen schwul lebende und die kirchliche Homophobie kritisierende Theologen hat man kein Problem. Ja, man postet hemmungslos deren Privat- und Dienstanschriften. Anzeigen bei der Polizei und Beschwerden beim Verfassungsschutz nützten den Opfern der Hetze bislang nichts. Sie müssten lernen, »mit kreuz.net zu leben«, ließ man sie etwa wissen. Der Staat zeigte sich machtlos gegen die anonymen und auf wechselnden Servern sich versteckenden Macher der Seite.

Nun aber hat das Entsetzen über die Pietätlosigkeit gegen den verstorbenen Dirk Bach, seine Angehörigen und Fans das Fass zum Überlaufen gebracht und eine Aufsehen erregende Aktion gegen kreuz.net provoziert. Der Berliner Verlag Bruno Gmünder, spezialisiert auf Medien für schwule Männer, setzte eine Belohnung von 15.000 Euro für Informationen aus, die zur Ergreifung der Macher von kreuz.net führen. Das Echo auf diese Initiative war so groß, dass der Verlag den Verfasser dieser Zeilen bat, die Koordination der Kampagne zu übernehmen. Und er hat zugesagt, da er kreuz.net seit seinen Anfängen beobachtet, seit 2007 auf die Gefahren dieses Portals hingewiesen hat und jetzt die Chance sieht, das unselige Treiben zu beenden.

Denn unter den zahlreichen Zuschriften, die den Gmünder-Verlag erreichten, waren auch viele von gläubigen Katholiken, die finden, der Verlag tue endlich das, was zuerst Aufgabe ihrer Kirche sei: »Die Rufschädigung, die die katholische Kirche durch ein solches Hass-Portal erleidet, ist immens!« Daraufhin schrieb der Verlag einen offenen Brief an die Deutsche Bischofskonferenz mit der Bitte um Unterstützung. Fast zeitgleich forderte der Bundestagsabgeordnete Volker Beck den Vorsitzenden dieser Konferenz auf, den Kirchenausschluss der Kreuz.net-Macher zu erwirken.

Was wird die Bischofskonferenz nun tun? Sie könnte die Bitten mit der Bemerkung zurückweisen, dass man sich von kreuz.net bereits distanziert habe. Das aber wäre ein fatales Signal. Während die Kirche schwule Priester, die sich outen, schneller rauswirft, als diese sich wehren können, kann sie sich bei Hasspredigern nicht vornehm zurückhalten. Oder doch? Wenn die Bischöfe kreuz.net weiter gewähren lassen, werden drängendere Fragen auf sie zukommen: Haben Katholizismus und Portale wie kreuz.net wirklich nichts miteinander zu tun? Oder ist kreuz.net der Zerrspiegel, in dem sich das fundamentalistische Denken einer zur Großsekte mutierenden Kirche zeigt?

Es wäre schlimm, wenn rechte katholische Portale weiterhin unbehelligt das Ansehen der katholischen Kirche beschmutzen können. Denn das würde dem Verdacht Nahrung geben, dass die Kirche nicht nur mit Schwulenfeinden sympathisiert, sondern überhaupt mit Rechtsabweichlern, und dass der konservative römische Kurs unter Papst Benedikt die Katholiken in ein antimodernes Ghetto führen soll. David Berger