Medizinische FachkräfteSchwester, übernehmen Sie!

Speziell geschulte Fachkräfte sollen die Hausärzte entlasten. Ein Besuch in Brandenburg von Anika Kreller

Herr Ludwig hält es nur noch im Liegen aus. Der Ischias quält ihn, doch in die Arztpraxis schafft es der 84-Jährige nicht mehr. Also kommt Schwester Monique zu ihm auf »die Ranch«, wie Herr Ludwig sein Häuschen mit Garten in Brandenburg nennt. »Wie isses mit dem Rücken?«, fragt die 23-Jährige mit den kurzen verwuschelten Haaren. Sie kniet sich neben den Sessel, in den Herr Ludwig gesunken ist, schiebt seinen Pulloverärmel hoch und schnürt ein blaues Band zum Blutstauen über seinen Arm. »Und wie ist das Gewicht?« Während Monique Herrmann dem Patienten Blut abnimmt, erkundigt sie sich auch nach der Nachbarin, die gerade da war, um den Einkaufszettel abzuholen.

Es klingt wie ein Plausch unter Bekannten, tatsächlich kontrolliert Monique Herrmann mit ihren Fragen, wie gut Herr Ludwig und seine Frau versorgt sind. Seit Anfang des Jahres lässt sich die Medizinische Fachangestellte neben ihrem Beruf weiterbilden zur sogenannten »Agnes Zwei« – Brandenburgs Hoffnung im Kampf gegen den Ärztemangel. Als Assistentin wird Herrmann speziell geschult, um den Hausarzt zu entlasten, damit er sich auf das Behandeln konzentrieren kann. So koordiniert sie Termine mit Fachärzten, überprüft Impfausweise oder kümmert sich um zusätzliche Pflege, wenn es notwendig ist.

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Die Praxis, bei der Monique Herrmann angestellt ist, liegt in Woltersdorf, im Speckgürtel von Berlin. 1.300 Patienten sind hier zu versorgen, mehr als die Hälfte ist über 60 Jahre alt. »Von denen können wir nicht verlangen, dass sie immer in die Praxis kommen«, sagt Schwester Monique. Also setzt sie sich jeden Morgen ans Steuer des Golf Kombi »vom Doktor«, stellt die schwarze Tasche mit den Kanülen und dem Blutdruckmessgerät auf die Rückbank und pumpt den Fahrersitz hoch. Drei bis vier Besuche macht sie am Tag in Woltersdorf und den umliegenden Orten.

Herr Ludwig ist heute der Dritte auf der Liste. Neben dem Rücken macht der Blutdruck Probleme. »Haben Sie Ihre Tablette nicht genommen?«, fragt Monique Herrmann. »Doch, doch«, versichert Herr Ludwig. Ob sie sich einmal sein neues Schmerzmittel anschauen könne. Er führt die junge Frau in die Küche. Neben einer Packung Buttermilch steht ein Dutzend Medikamentenpackungen nebeneinander auf der Arbeitsfläche: Mittel gegen Erkältung, gegen Bluthochdruck, gegen Schmerzen. Die Schwester schaut sich das Tablettenbuffet an und nickt. In ihrer Fortbildung haben sie und die 29 anderen Teilnehmerinnen die Wechselwirkungen von Medikamenten gelernt. »Das können sie zusammen einnehmen«, beruhigt sie Herrn Ludwig.

Medizinische Fachangestellte – ein Job mit Zukunft

Als Monique Herrmann nach der elften Klasse die Schule für die Ausbildung verließ, wusste sie gar nicht genau, was das ist, eine Medizinische Fachangestellte. Fünf Jahre später kann sie sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen. »Von den alten Menschen habe ich mehr gelernt als in der Schule«, sagt sie. Sie möge es, zwischen den Generationen zu vermitteln. Und sie findet es wichtig, dass sich jemand kümmert. »Ich denke dran, wie das wäre, wenn meine Oma nicht mehr das Haus verlassen könnte.« Monique Herrmann kennt die Eigenheiten ihrer Patienten, weiß zum Beispiel, dass Herrn Ludwigs Katze ein eigenes Sofa im Schuppen hat. Zum Abschied legt sie jedem Patienten die Hand auf die Schulter.

Mitte Dezember wird sie ihre Ausbildung zur »Agnes Zwei« abschließen – ein Programm der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg. Bis Ende 2013 sollen mehr als 100 Schwestern im Einsatz sein. Der Name des Programms ist angelehnt an die Gemeindeschwester Agnes aus einem DDR-Spielfilm, in dem die Hauptfigur auf ihrer Schwalbe über die Dörfer zu den Patienten düst. »Agnes Zwei« heißt die Fortbildung, weil es von 2005 bis 2008 ein Modellprojekt »Agnes« an der Uni Greifswald gab. Die Forscher reaktivierten als Erste die Idee aus DDR-Zeiten, bestimmte Tätigkeiten an die Schwestern zu delegieren, um vor allem die seltener werdenden Ärzte in ländlichen Regionen zu entlasten. Ihr Modell sah jedoch 600 Stunden an Zusatzqualifikation vor, was aus Sicht vieler Ärzte zu umfangreich war. Stattdessen entstanden verschiedene abgespeckte Nachfolgemodelle wie die »Entlastende Versorgungsassistentin« in Nordrhein-Westfalen, die »Mobile Praxisassistentin« in Sachsen-Anhalt oder eben die »Agnes Zwei« in Brandenburg. Mit diesem Durcheinander soll es bald vorbei sein: Die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Vereinigung und der Hausärzteverband wollen von Mitte nächsten Jahres an eine einheitliche Qualifikation mit 200 bis 270 Stunden anbieten.

Wenn Monique Herrmann im Dezember fertig wird, hat sie 116 Stunden Fortbildung hinter sich. Schon jetzt nennt ihr Chef sie sein »Hörrohr und verlängertes Auge«.

Ihr Besuch bei Frau Hoffmann bereitet Schwester Monique heute Sorgen. Die 89-Jährige mit dem vollen weißen Haar nimmt ein Blutverdünnungsmittel, das genau dosiert sein muss. In ihrer kleinen Küche lässt sich Monique Herrmann den rosafarbenen Ausweis zeigen, in den Frau Hoffmann ihre Blutwerte eintragen muss. Auf die Frage, ob die Schwester auch ihre Tochter über das Ergebnis informieren solle, antwortet Frau Hoffmann: »Ja, ich bin da.« Monique Herrmann legt ihr die Hand auf die Schulter und fragt noch zweimal nach. »Sie hat mich kaum verstanden«, sagt sie beim Gehen. »Vor ein paar Wochen wusste sie noch, wie meine Katzen heißen.«

Wenn es so mit Frau Hoffmann weitergeht, wird sich Schwester Monique mit ihr und ihren Kindern zusammensetzen und die weitere Betreuung beraten. Sie wird dem Doktor Bescheid sagen und einen Vermerk in der Akte machen. Sie wird dem Doktor auch erzählen, dass die Rückenschmerzen von Herrn Ludwig sich nicht gebessert haben.

Sie hört und sieht für ihren Arzt, ersetzen tut sie ihn nicht. Als das Modellprojekt »Agnes« startete, gab es einen Aufschrei in der Ärzteschaft. Speziell geschulte Schwestern seien »überflüssig wie Schwimmwesten aus Beton«, hieß es vom Hausärzteverband Sachsen-Anhalt. Auch bei der Bundesärztekammer war man skeptisch. Die Befürchtung: Die Schwestern übernehmen zunehmend die Arbeit der Ärzte, welche im Gegenzug an Zuständigkeiten und Status verlieren. Vier Jahre nach dem Ende des Modellprojekts zweifelt jedoch kaum noch ein Arzt das Projekt an. Inzwischen hat der Hausärzteverband sogar ein eigenes Modell entwickelt, bundesweit sind mehr als 3000 Versorgungsassistentinnen namens »Verah« im Einsatz.

Die Standesvertreter dürfte beruhigt haben, dass in den Lehrplänen keinesfalls eine neue Superschwester vorgesehen ist. Die delegierbaren Aufgaben sind klar umrissen, die Verantwortung bleibt beim Arzt. So kann Monique Herrmann heute auch nicht viel gegen die Rückenschmerzen von Herrn Ludwig tun, außer zuhören, aufschreiben und in zwei Tagen noch mal fragen, ob er mehr Schmerzmittel braucht. Wenn man beim Abschied das Lächeln in Herrn Ludwigs Gesicht sieht, scheint das aber schon zu helfen.

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