Medizinische FachkräfteSchwester, übernehmen Sie!
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Kein Ersatz für den Arzt

Ihr Besuch bei Frau Hoffmann bereitet Schwester Monique heute Sorgen. Die 89-Jährige mit dem vollen weißen Haar nimmt ein Blutverdünnungsmittel, das genau dosiert sein muss. In ihrer kleinen Küche lässt sich Monique Herrmann den rosafarbenen Ausweis zeigen, in den Frau Hoffmann ihre Blutwerte eintragen muss. Auf die Frage, ob die Schwester auch ihre Tochter über das Ergebnis informieren solle, antwortet Frau Hoffmann: »Ja, ich bin da.« Monique Herrmann legt ihr die Hand auf die Schulter und fragt noch zweimal nach. »Sie hat mich kaum verstanden«, sagt sie beim Gehen. »Vor ein paar Wochen wusste sie noch, wie meine Katzen heißen.«

Wenn es so mit Frau Hoffmann weitergeht, wird sich Schwester Monique mit ihr und ihren Kindern zusammensetzen und die weitere Betreuung beraten. Sie wird dem Doktor Bescheid sagen und einen Vermerk in der Akte machen. Sie wird dem Doktor auch erzählen, dass die Rückenschmerzen von Herrn Ludwig sich nicht gebessert haben.

Sie hört und sieht für ihren Arzt, ersetzen tut sie ihn nicht. Als das Modellprojekt »Agnes« startete, gab es einen Aufschrei in der Ärzteschaft. Speziell geschulte Schwestern seien »überflüssig wie Schwimmwesten aus Beton«, hieß es vom Hausärzteverband Sachsen-Anhalt. Auch bei der Bundesärztekammer war man skeptisch. Die Befürchtung: Die Schwestern übernehmen zunehmend die Arbeit der Ärzte, welche im Gegenzug an Zuständigkeiten und Status verlieren. Vier Jahre nach dem Ende des Modellprojekts zweifelt jedoch kaum noch ein Arzt das Projekt an. Inzwischen hat der Hausärzteverband sogar ein eigenes Modell entwickelt, bundesweit sind mehr als 3000 Versorgungsassistentinnen namens »Verah« im Einsatz.

Die Standesvertreter dürfte beruhigt haben, dass in den Lehrplänen keinesfalls eine neue Superschwester vorgesehen ist. Die delegierbaren Aufgaben sind klar umrissen, die Verantwortung bleibt beim Arzt. So kann Monique Herrmann heute auch nicht viel gegen die Rückenschmerzen von Herrn Ludwig tun, außer zuhören, aufschreiben und in zwei Tagen noch mal fragen, ob er mehr Schmerzmittel braucht. Wenn man beim Abschied das Lächeln in Herrn Ludwigs Gesicht sieht, scheint das aber schon zu helfen.

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