Im Dorf der Himba © Elke Michel für DIE ZEIT

In der ersten Stunde unserer Begegnung geht es um die Hautfarbe, um die falsche, und zwar meine: Nackt bis auf die Unterhose stehe ich in einer Hütte, und meine Gastgeberinnen cremen mich mit einer Paste aus Fett und ockerfarbenem Gesteinspulver ein. Sie ist das traditionelle Ganzkörper-Make-up der Frauen ihres Volkes und verleiht ihrer dunklen Haut ein samtenes Rötlichbraun. Mein bleicher Teint aber leuchtet damit in vielerlei Nuancen, meine Gastgeberinnen können sich gar nicht genug daran erfreuen – das Spektrum reicht von kuhbrünett bis zum Siena junger Möhren.

Mit kritischem Blick halten sie mir nun bunte Stoffe vor den Leib, diskutieren in ihrer Sprache, welche Tücher meinen etwas ungewöhnlichen Typ am besten zur Geltung bringen. Sie entscheiden sich für das blaue und das rosafarbene, fixieren sie zusammen mit einem Lederschurz um meine Hüften. Dazu kommen ein schwerer Gürtel, Halsschmuck aus Leder und Eisenperlen – dann streichen sie mir durchs Haar und deuten fragend auf ihre vielen, ebenfalls mit einer Paste ummantelten Zöpfchen. Energisch schüttele ich den Kopf und trete aus der Hütte ins Licht von Sonne und Öffentlichkeit.

Warzenschweinfamilien stehen am Wegesrand wie Anhalter

Das eine oder andere Volk habe ich schon besucht auf Afrikareisen. So wie die meisten Touristen: Man lässt sich im Bus zu einer Folkloredarbietung kutschieren – oder schaut allein mit einem Guide für zwei Stunden in einem Dorf vorbei. Richtig viel erfuhr ich dabei nie über Menschen und Lebensalltag. Die Ausflüge glichen eher Museumsbesichtigungen, bei denen eine Handvoll Kultur vermittelt wird. Es gab wenig echte Begegnung. Rasch war man zurück in der Lodge und ging mit anderen Weißen den eigenen Touristentraditionen nach. Ich wollte näher ran – und fragte mich doch, wie viel Nähe überhaupt realistisch ist. Dann hörte ich von der Möglichkeit, ein paar Tage lang bei den Himba Namibias zu wohnen, einem Hirtenvolk, das für seine zum Teil noch sehr ursprüngliche Lebensweise bekannt ist. »Ein Homestay«, erzählte ich einer Freundin, »bei Halbnomaden.« – »Dann erkundige dich bloß genau«, sagte die, »wo das Home gerade steht.«

Die grobe Region heißt Kunene und ist nicht schwer zu finden, man muss von der Hauptstadt Windhoek nur den ganzen Tag nach Nordwesten fahren. Die Route führt durch ein paar Orte mit Supermarkt und Tankstelle, dazwischen liegt viel Farmland. Bisweilen späht ein Strauß aus dem Grün, Warzenschweinfamilien stehen am Wegesrand wie Anhalter. Die letzten drei Stunden geht es nur noch auf Schotterstraßen dahin, vorbei an Tafelbergen, die zu gigantischen Maulwurfshügeln verwittert sind, und durch karges Land mit niedrigen Mopanebüschen. Wenn es dann dunkel wird und man sich fragt, ob da überhaupt noch viel kommt, ist man in Khowarib, einem 80-Seelen-Dorf in der Halbwüste.

In der Lodge am Ortsrand lehnt Caesar Zandberg an der Bar. Ein Typ mit Vollbart, langem Haar und stabiler Statur, der auf Pirschfahrt im Busch gerne mal das Steuer herumreißt: »Scheiß auf Logik und Fährten – mein Instinkt sagt, die Viecher sind da drüben!« Dort sind sie oft tatsächlich, denn Caesar kennt die Region in- und auswendig. Schon zu Zeiten des Unabhängigkeitskampfes, als im Norden des Landes der Ausnahmezustand galt, war er hier mit seinem Vater unterwegs. »Der war Geologe und hatte die Erlaubnis, in diesem Gebiet zu forschen.« Heute betreibt Caesar die Lodge, und zusammen mit seiner Freundin Zané vermittelt er Touristen an Himba-Gastfamilien. »Die Vorfahren der Himba«, erzählt er mir, »sind im 16. Jahrhundert aus Angola eingewandert. Zwischen 1850 und 1870 kamen die Nama in die Region und raubten ihnen große Rinderherden, sodass sie zurück nach Angola flohen. Weil sie dort um Nahrung betteln mussten, nannte man sie ovahimba – Bettler.« Wieder zu Rindern gekommen, kehrten viele später zurück. Etwa 7000, schätzt Caesar, leben heute in Namibia.

Am anderen Morgen sammeln Zané und ich in Khowarib noch Ueera Kasaona auf, der Himba ist, Englisch spricht und für mich übersetzen soll. Etwa eine Schotterstraßenstunde holpern wir über Land, dann biegt Zané ab, kurvt ein paar Hundert Meter querfeldein, hält: Acht zeltgroße Hütten kauern zwischen viel Geröll und wenigen Sträuchern in der Sonne. Es gibt ein paar Gehege für Tiere, keinen Strom und kein Wasser, mein Mobiltelefon hat sich längst vom Netz verabschiedet. Jetzt fährt auch noch Zané davon; und ich habe plötzlich das mulmige Gefühl, den Ort auf der Welt gefunden zu haben, an den ich am allerwenigsten hingehöre.

Die Familie Bendura ist da anderer Meinung; zwei junge Frauen, eine Alte und etliche Kinder kommen gelaufen und helfen Ueera und mir, unsere Zelte neben den Hütten aufzuschlagen. Sie heiße Twejere, stellt die Alte sich vor, und sei die Mutter des Familienoberhauptes Katuzu: »Er ist mit seinen beiden Frauen in die Stadt getrampt. Die zweite ist hochschwanger, sie zelten bis zur Geburt in der Nähe des Krankenhauses.« Twejere fehlen etliche Zähne, Falten durchziehen ihr Gesicht wie Risse einen ausgedörrten Wüstenboden. Wie alt sie ist? Das könne sie nicht mit meinen Zahlen sagen, meint sie: »Aber als ich meine Kinder gekriegt habe, gehörten wir noch zu Südafrika.« Eine jüngere Frau drängt sich vor: »Und ich heiße Kanambano! Ich bin in dem Jahr geboren, in dem Namibia unabhängig wurde.« Ein Mädchen kam während der letzten Dürre zur Welt – wer solche Zeitangaben verwendet, muss statt unserer paar Zahlen ein ganzes Geschichtsbuch im Kopf haben, denke ich, da prasseln die ersten Fragen auf mich ein: »Wie heißt du?« – »Hast du Kinder?« – »Bist du in einem der Flugzeuge gekommen, die immer über uns drüber fliegen?«