NahostZieht Syrien den Libanon mit in den Krieg?

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Nicht nur das Ziel war exakt gewählt, sondern auch die Sprengkraft der Bombe. Die Explosion, die am vergangenen Freitag den libanesischen Geheimdienstchef Wissam al-Hassan und sieben weitere Menschen in Beirut tötete, riss einen Krater in die Straße und zerstörte mehrere Häuserfassaden. Terroranschläge transportieren immer auch Botschaften. Wenn die Spur, wie allgemein vermutet wird, aber noch nicht bewiesen ist, tatsächlich zum Assad-Regime führt, dann richtet sich die Botschaft nicht nur an den Libanon, sondern auch an die internationale Gemeinschaft: »Seht her, wozu wir in der Lage sind! Wagt besser nicht, die Zukunft Syriens ohne uns zu planen. Wenn wir untergehen, soll auch die Nachbarschaft zur Hölle fahren.«

Kein Nachbar ist anfälliger für die Entgrenzung des Syrienkrieges als das kleine Land zwischen Mittelmeerküste, israelischer und syrischer Grenze. Der Libanon vereint auf engstem Raum fast alle Konflikte der Region: Da ist die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten, Erstere repräsentiert durch eigene Parteien und bewaffnete Gruppen; Letztere vertreten durch Hisbollah, eine Mischung aus religiösem Versorgungsamt, politischer Bewegung und Miliz. Mittendrin befinden sich Christen und die Minderheit der Drusen. Diesen multikonfessionellen Flickenteppich durchsetzen einflussreiche Familienclans und Gruppierungen palästinensischer Flüchtlinge. Was alle eint, ist die Erinnerung an den 15-jährigen Bürgerkrieg in den siebziger und achtziger Jahren. Und die Erfahrung, gefährliche Nachbarn zu haben. Zuletzt schoss Israel 2006 nach Angriffen von Hisbollah deren Gebiete im Süden sowie Teile Beiruts in Trümmer.

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Angesichts dieser Gemengelage schien es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Syrienkrieg auch in den Libanon ausweiten würde: die schiitische Hisbollah zusammen mit Alawiten aufseiten Assads gegen libanesische Sunniten aufseiten der syrischen Rebellen. Scharmützel entlang dieser Fronten spielen sich schon seit Monaten in Tripoli im Norden des Libanon ab. Aber eben nur dort.

Die Ermordung von Wissam al-Hassan sollte womöglich der Funke sein, an dem sich ein neuer Bürgerkrieg im gesamten Libanon entzündet. Der Geheimdienstchef war für viele Sunniten und Christen ein Held, weil er gegen die syrische Schattenmacht vorging und zusammen mit dem Haager Sondertribunal für den Libanon den Mordanschlag auf den ehemaligen libanesischen Premierminister Rafik Hariri 2005 aufklären wollte. Auch das Attentat auf Hariri war umgehend dem Assad-Regime zugeschrieben worden. Die Wut der Libanesen führte damals zur »Zedernrevolution«, einer Mischung aus demokratischem Aufbruch und Aufbegehren gegen Damaskus. Syrien musste seine Truppen abziehen, begann aber bald wieder, über die verbündete Hisbollah die libanesische Politik zu bestimmen.

Vorerst scheint das Kalkül allerdings nicht aufgegangen zu sein, mit dem Attentat einen neuen Bürgerkrieg zu provozieren. Abseits der Scharmützel in Tripoli pflegten bislang sämtliche Fraktionen im Libanon eine eigentümliche, aber kluge Milchglas-Politik gegenüber Syrien – als läge ein deeskalierender Schleier zwischen dem Bürgerkrieg dort und dem relativen Frieden daheim, wo man gerade erst die Zerstörungen aus dem Jahr 2006 beseitigt hat. Die brennenden Barrikaden und Checkpoints, die sunnitische Milizen nach der Trauerfeier für Al-Hassan errichteten, drohten diesen fragilen Frieden zu gefährden. Doch Libanons Armee hat mit massiver Präsenz auf den Straßen und einer Warnung an Politiker vor rhetorischer Brandstiftung die Lage beruhigt. Natürlich ist das noch keine Garantie für anhaltende Stabilität, sondern nur eine Momentaufnahme. Aber eine, die in Syriens zunehmend gefährdeter Nachbarschaft erst einmal Mut macht.

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    • Schlagworte Libanon | Syrien
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