Apps : Fein gemacht!

Lebenshilfe-Apps sollen uns fitter, gesünder und organisierter machen. Werden wir mit ihnen zu Kontrollfreaks oder wirklich zu besseren Menschen?

Seit zwei Monaten lebe ich wieder mit meiner Mutter zusammen. Nicht wirklich, aber es fühlt sich so an. Denn seitdem habe ich auf meinem Tablet-Computer ein Aufgabenverwaltungsprogramm namens Astrid installiert. Es wird mich in etwa zwei Stunden daran erinnern, dass ich Putzdienst habe. Dann vibriert mein Tablet, und ein pinkfarbener Krake sagt etwas wie: »Pack’s an! Sauber machen!«

Nun gehöre ich nicht zu den glücklichen Menschen, die beim Aufräumen so etwas wie Ruhe oder gar Befriedigung empfinden. Das Kleinkind in mir sagt: Ich will nicht. Die Mutter pflegte bei solchen Gelegenheiten zu antworten: »Es geht im Leben nicht um wollen, sondern um müssen.« In meinem Kopf sagt sie es auch heute noch. Der gute alte Sigmund Freud würde vermutlich sagen, mein Über-Ich sei von meinem Mutter-Imago geprägt. Und das plädiert für Disziplin. Mit dem Aufgabenverwaltungskraken Astrid gebe ich meiner imaginierten Mutter digitale Schützenhilfe. Eigentlich ist sie natürlich nichts weiter als eine To-do-Liste mit Alarmfunktion. Aber Astrid redet mit mir. Wenige vorprogrammierte Sätze reichen, um eine emotionale Beziehung aufzubauen: Astrid kann mir auf die Nerven gehen. Astrid lobt mich. Natürlich kann ich Astrid belügen, aber es fühlt sich nicht richtig an.

Astrid ist nicht die einzige potenzielle Helferin. Von verschiedensten digitalen Programmen kann ich mich unterstützen lassen: beim Abnehmen, Rauchen-Aufhören, Sporttreiben und Haushalt-Organisieren. Sie erinnern mich nicht nur an Vorsätze, sie sind so programmiert, mich nachhaltig zu beeinflussen – indem ich emotional angesprochen werde, Punkte sammele oder von einer Nichtraucher-Gemeinde SMS mit Durchhalteparolen aufs Handy geschickt bekomme. Verhaltensforschung findet über Technik ihren Weg ins Wohnzimmer, schrieb David H. Freedman im Magazin Atlantic Monthlyin einem begeisterten Artikel über Abnehm-Apps. Simple Reize sollen dafür sorgen, dass ich fitter, gesünder, organisierter werde als je zuvor.

Das Ich als dressierbares Tier

Warum auch nicht? Die Einzigen, die behavioristische Erkenntnisse bisher grenzenlos nutzten, waren Industrien, die mich zum möglichst guten Konsumenten machen wollen, zum Raucher und Trinker, Futterverwerter und Autofahrer. Sie lenken einen sehr erfolgreich. Wer einmal dem Verhaltensökonomen Dan Ariely zugehört hat, kann nicht glauben, dass man auch nur eine Schokolade gewählt hat, weil man deren Geschmack mag. Bislang gab es nur wenige Auswege aus diesem Netz der Verführung: außergewöhnliche Selbstdisziplin für Asketen, eine Armee von Beratern für Besserverdiener und Eremitentum für Wildentschlossene. Technik macht den Coach in Hosentaschenformat rund um die Uhr für jeden zugänglich. Warum sollte ich also nicht psychisch aufrüsten gegen die Versuchungsindustrie? Die digitalen Gewissensträger sind unerbittliche Zeugnisse dessen, was ich mir gestern fest vorgenommen habe. Sie zeigen, wer ich sein will – die gesellschaftskompatible, saubere, dressierte Version meiner selbst. Vielleicht bringen sie mich dieser sogar näher. Trotzdem beinhaltet diese Art, Technologie zu nutzen, so viel Dystopie wie Vision.

Die Idee, sich selbst als Material zu betrachten, das wir verformen, bearbeiten und optimieren können, ist selbstverständlich geworden. Ein interessantes Menschenbild ist das, in dem wir einen Teil von uns als dressierbares Tier, als eine Art pawlowschen Hund betrachten – und gleichzeitig sein Dompteur sein wollen. Als gehörten diese beiden Wesen nicht zusammen.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

So schwierig ist es doch nicht..

..seinem Über-Ich goodbye zu sagen. Sei es nun das gesellschaftliche (Konsumiere!) oder das familiäre (entspreche den Erwartungen!). Und nur weil man das tut, muss man ja nicht zum vollentspannten Langweiler mutieren. Sport ist schon toll. Und eigene Ziele sowieso. Und der doofe Haushalt.. die Wollmäuse bringen sich schon in Erinnerung, wenn sie verbracht werden wollen.

Interessanter Artikel

Ich benutze Programme wie Astrid schon ewig. Ohne die würde ich gar nix hinbekommen, die helfen mir beim Strukturieren. Im Moment nutze ich auch eine website namens habitforge.com - da gibt man einfach Ziele an die man erreichen kann, und habitforge fragt dan 21 Tage lang per email nach ob man's gemacht hat oder nicht. Mit jedem Tag den man erreicht zeigt mir ein Fortschrittsmeter an wie weit ich schon in meiner Änderung fortgeschritten bin. Besonders für Leute die mit hartnäckigen Angewohnheiten kämpfen funktioniert das einfach gut!