Judentum und Islam : Markierte Körper

Die Gegner der Beschneidung hängen dem Bild des »natürlichen Leibes« an. Ihn gibt es nicht. Er ist ein Phantom
Beschneidungsutensilien © Michael Klug /dapd

Wenn es um die Beschneidung geht, empfiehlt es sich, mit offenen Karten zu spielen. Also: Ich bin beschnitten und meine beiden Söhne auch. Bei mir geschah es im jüdischen Beschneidungsritual Brit Mila, bei meinen Söhnen in der Klinik, in den Tagen nach der Geburt. Die Beschneidung des Jüngeren habe ich miterlebt: Er hat geschrien, und mir hat sich der Magen umgedreht.

Ich erzähle dies, nicht weil ich meine, es sei von allgemeinem Interesse, sondern weil in der Beschneidungsdebatte, soweit sie unter Männern geführt wird, der Zustand der Vorhaut mehr über den eigenen politischen Standpunkt verrät, als einem lieb ist. (Weshalb es klug wäre, wenn Frauen sich dieser heiklen Sache annähmen.) Und ich sage es, weil mir das Fehlen der Vorhaut noch nie so scharf ins Bewusstsein rückte wie in den Frühsommerwochen dieses Jahres, die ich – gerade zur Zeit des Kölner Beschneidungsurteils – in Berlin verbrachte. Selten zuvor hatte ich mich vor meinen deutschen Freunden so entblößt gefühlt. Plötzlich hatte dieser kleine Schnitt einen tiefen Graben zwischen uns offengelegt.

Die Argumente für ein Verbot der Beschneidung führten zwar stets universelle Prinzipien ins Feld, die würdig aller Unterstützung sind. Doch bei näherem Hinsehen wurde mir deutlich, dass diese allgemeinen Gedanken von einer höchst besonderen Unterscheidung angetrieben wurden, nämlich der zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Und dabei gehörte ich auf die Seite des Fremden, obwohl ich, Sohn einer Deutschen, mich immer auch als Deutscher fühlte (und es auch bin). Niemals in den letzten dreißig Jahren – nicht, als Helmut Kohl den Bitburger Soldatenfriedhof besuchte, nicht, als Menschen von ausländerfeindlichen Mobs in ostdeutschen Orten gehetzt wurden – fühlte ich mich Deutschland so fremd wie in diesen freundschaftlichen Unterhaltungen über das Wegschneiden eines Stücks Babyhaut.

Michel Chaouli

ist Associate Professor of German an der Indiana University in Bloomington/USA.

Der Frage, ob der Staat über die Beschneidung entscheiden soll, stehe ich, wie wohl viele Menschen, zwiespältig gegenüber – eigentlich vier- oder fünfspältig, denn die Materie ist zu vielschichtig, um sich sauber dualistisch beschreiben zu lassen. Dennoch reduziert sich in der Debatte die Komplexität meist auf die zwei entgegengesetzten Pole des Eigenen und des Fremden. Unter diesen Bedingungen für ein Verbot zu plädieren, so meine ich, wäre intellektuell unredlich und politisch schädlich. Aber kann man je in Deutschland über ein Verbot der Beschneidung redlich diskutieren? Das kann man, allerdings erst, wenn sie als eigene Praktik anerkannt wird, wenn also die Beschneidung deutsch wird. Doch ich greife vor.

Wir wissen, dass die Beschneidung von Babys in Deutschland wahrscheinlich von Gesetzes wegen erlaubt wird. Und wir wissen auch, warum. Scharfsinnige Beobachter wie der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel haben es uns vorbuchstabiert (Süddeutsche Zeitung, 25.8.2012). Allein »wegen des hier organisierten scheußlichsten Massenmordes der Geschichte«, meint er, habe die deutsche Politik eine Pflicht, jüdischen Belangen gegenüber sensibel zu sein. Wenn also der Bundestag dieses Ritual absegnet, dann nur, weil ein winziger Anteil der in Deutschland beschnittenen Buben in jüdische Familien geboren werden. Das kann man auch anders ausdrücken: Wenn die Beschneidung ausschließlich von Muslimen praktiziert würde, dann wäre sie in Deutschland genauso verboten wie Minarette in der Schweiz.

Warum hinterlassen diese Überlegungen bei mir einen schalen Nachgeschmack? Ist das geplante Gesetz nicht letztlich Ausdruck von Toleranz? Gewiss, nur schöpft diese Toleranz nicht aus der duftigen Quelle der Liberalität, sondern aus der galligen Quelle des Schuldgefühls. Eine auf diese Art genährte Toleranz bringt es höchstens fertig, fremdartiges Verhalten zähneknirschend zu ertragen, was unweigerlich dazu führt, dass Ressentiments ungestört wuchern können. Wenn die Beschneidung, wie Merkel sagt, allein als ein dem deutschen Souverän abgetrotztes »Sonderrecht« der Juden gelten kann, dann reicht ihre Duldung als weiterer Grund dafür, warum die Deutschen den Juden den Holocaust nie verzeihen werden.

Während des Sommers der Beschneidung übte kein Thema – nicht einmal die Fußball-Europameisterschaft – eine solch starke Magnetkraft auf die Gemüter aus, was den Argumenten zwar Schwung verlieh, sie aber auch oft arg verzerrte. Drei Komplexe fehlten weitgehend. Erstens hat die Kontroverse ja nicht erst mit dem Urteil des Kölner Gerichts begonnen. Sie geht zurück in die frühesten Jahrzehnte des Christentums, als die jüdische Obrigkeit immer heftiger auf der Beschneidung beharrt, um sich umso schärfer vom Emporkömmling abzugrenzen. Auf der anderen Seite ist es vor allem Paulus, der die Frage der Beschneidung in die tiefsten Regionen der christlichen Doktrin einschreibt. Der äußerlichen Beschneidung des Fleisches setzte er bekanntlich die inwendige des Herzens entgegen, »die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht« (Römer 2, 29).

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Kommentare

717 Kommentare Seite 1 von 38
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Elegant am Kern des Artikels vorbei

Leider, leider hat Ihr Beitrag nichts mit dem Artikel zu tun.

Glauben Sie, dass der Autor des Artikels Kinder für Dinge hält, ohne Menschen-, Bürger- und Grundrechte? Glauben Sie, dass er seinen eigenen Kindern ungenügend Aufmerksamkeit und Schutz zuteil werden ließ? Dass er also ein schlechter Vater gewesen ist? Sagen Sie, GLAUBEN Sie das?

Ich hoffe nicht. Natürlich weiß ich nicht, ob der Autor ein "guter" oder ein "schlechter" Vater war - aber ich weiß, dass es nichts damit zu tun hat, dass er seine Kinder beschneiden ließ.

Und diese Entscheidung wird das Leben seiner Kinder weitaus weniger beeinflussen, als viele andere von ihm und von anderen Menschen getroffene Entscheidungen. Und nicht nur das: Sein Bildungsgrad, sein Einkommen und sein soziales Umfeld wird auf das Leben seiner Kinder einen weitaus größeren Einfluss haben, als jeden einzelne getroffene Entscheidung.

Sie wollen Kinder durch die Gesellschaft vor ihren Eltern schützen lassen? Gute Idee - aber nur, wenn es schlechte Eltern sind. Die Beschneidung hat nichts damit zu tun.

Wie kann ein religös begründetes Ritual

wie die rituelle "Beschneidung" jemals zu einer "deutschen" (also spezifisch nationalen) Praktik erklärt werden???

Seltsame Auswüchse!

Außerdem hat Wulff in Fortsetzung zu seiner Rede, dass der "Islam zu Deutschland gehöre", vor dem Türkischen Parlament sich darauf beziehend, postuliert, dass das Christentum genauso zur Türkei gehört...

Darüber wurde nur nicht gleichermaßen medienwirksam berichtet. Den genauen Wortlaut der Reden kann man aber unter
www.bundespraesident.de
selber nachrecherchieren

Herzlichen Dank für Ihren verlinkten Artikel!

Eigentlich hatte ich selbst so einen differnzierten Beitrag schreiben wollen, allein ich habe nicht die Zeit gefunden. Ich plädiere dafür, Ihren Artikel als eigenen Beitrag in der ZEIT zu veröffentlichen! was mich besonders positiv beeindruckt ist die Tatsache, dass Sie Ihre Gedanken aus dem Blickwinkel dessen formulieren, der am gravierendsten Betriffen ist: Dem Kind, dem kleinen Jungen! Denn viele anderen Motive, die angeführt werden, um eine Beschneidung teilweise auf abstrusestem Weg zu rechtfertigen, sind allesamt nicht aus deren Blickwinkel formuliert! Liebe ZEIT: Veröffentlicht diesen Artikel!

Am Thema vorbei - Was ist denn das eigentliche Thema?

Mich irritiert bei dieser Debatte vor allem eines:

Warum echauffieren sich so wenige Menschen gegen die angesprochene Operation der Hand (ein "Knorpel" an der Hand muss weg)
Warum werden medizinische Geschlechtsangleichungen bzw ~festlegungen so einfach von der Masse der Bevölkerung hingenommen?

Warum bricht der "shitstorm" erst dann los, wenn es um eine jüdisch/muslimische Praxis am Penis geht?
Ist das der Männlichkeitswahn? Eine weitere Möglichkeit des angeblichen "Tabubruchs", Juden zu kritisieren?

Wenn es wirklich und zuvorderst um die Kinder ginge, müsste man doch mit genau der gleichen Inbrunst Intersexualität verteidigen. Den "sechsten Finger" und andere Missbildungen.
Tut man aber nicht, weil es nicht der "Norm" entspricht.

Wenn es wirklich und zuvorderst um die Kinder ginge, könnte man sich so vielen anderen Problemen widmen, die das Leben des Kindes wesentlich schlimmer beeinflussen als eine Beschneidung.
Tut man aber nicht. Warum? Ich kann nur Vermutungen anstellen. Häufig werden sozial Schwache zumindest ausgeblendet, als gäbe es sie nicht. Als würden ihre Probleme individueller Natur sein. Manchmal dienen sie als Attraktion - entweder im Privatfernsehen zum drüber lachen oder in den Polizeimeldungen einer Zeitung, wenn mal wieder ein Kind in einem Karton, hinter einem Schrank, in einer Mülltonne gefunden wurde.

Warum so viel Wind, um eine jüdisch/muslimische Praxis am Penis? Erklärt es mir, christlich/atheistische Männer!

- ein agnostischer Mann

Alles schon gesagt

@226: Lieber Jelissei, ihre Frage habe ich bereits in dem von mir verlinkten Text beantwortet.

Was den "6. Finger" und andere Missbildungen angeht -
sie vergleichen hier das verändern biologisch korrekter
Anatomie mit dem verändern von Missbildungen, also z.B. auch
der Trennung Siamesicher Zwillinge.
Wenn das für sie wirklich über einen Kamm geschoren werden
kann, dann müsste ja z.B. die weibliche Beschneidung für sie auch
voll und ganz Akzeptabel sein.
Die wollen wissen, warum wir so viel Wind machen ?
Ich lasse hier am besten Diejenigen sprechen, die
selber betroffen sind:

https://www.youtube.com/w...

Zitat: Men *do* complain

Als sich Ihnen der Magen umdrehte...

damals, beim jüngeren Ihrer Söhne, waren Sie da ganz sicher, daß es Ihr Sohn war und nicht sein Abbild, der da schrie, und schrie er denn vor oder nach dem Eingriff und haben Sie ihm nicht klargemacht, daß das Stück Vorhaut, welches entfernt wurde, schon deshalb zu entfernen ist, damit es keinesfalls als "Plattform" eines politischen Standpunkts verstanden werden kann.
Lesen Sie doch Ihr Oeuvre nochmal durch und prüfen Sie, ob Ihre Magenmotilität seit damals gelitten hat.

Empfindliche Stellen & co

"Das ist Traumatisierung pur und wird so schnell nicht vergessen!"

Wurden Sie persönlich traumatisiert oder Menschen, die Sie kennen? Merkwürdig. Ich kenne Einige, die beschnitten sind, und sie kommen mir nicht traumatisierter vor als alle anderen auch...

"Spätere sexuelle Praktik wird deutlich beschnitten, was sich dann in der Notwendigkeit zum Gleitmittelgebrauch usw. zeigen kann."

Auch davon habe ich bisher nichts gehört. Meine Freunde müssen irgendwie falsch beschnitten worden sein, ihnen gehts nämlich gut. Einer (in reiferem Alter beschnitten) ist sogar ganz begeistert: Vor der Beschneidung war er zu empfindlich, was das Intimleben nachteilhaft beeinträchtigte. Ja, das gibt es.

"...dass sogar Parteien, die die persönliche Freiheit und die Beseitigung von Bevormundung in Deutschland als Haupt-Mantra vor sich hertragen, einen Gesetzentwurf zur Straffreiheit bevormundender Beschneidung vorlegen und verteidigen."

Es gibt immer noch liberale Parteien? Wirklich erstaunlich.

"Auf die Hl. Schrift kann man sich bei der Beschneidung so lange nicht berufen..."

Stimmt, steht ja allerlei Zeug drin in dieser Schrift. Aber Manchen Leuten ist Beschneidung eben wichtig. Ich bin nicht gläubig und mir ist es egal, wenn mit der Schrift argumentiert wird. Aber es ist ihnen wichtig. Und wenn sie keine bösen Menschen sind und ihren Kindern nicht schaden (wollen) - und Beschneidung schadet weniger als viele andere Dinge - nun ja, was solls...

@ Der Schmerz an einer hochempfindlichen Stelle...

"Abgesehen davon ist die Genitalverstümmelung ein schwerer Eingriff: Spätere sexuelle Praktik wird deutlich beschnitten, was sich dann in der Notwendigkeit zum Gleitmittelgebrauch usw. zeigen kann."

Ich habe diesen Unsinn jetzt schon mehrfach gelesen; ich bin beschnitten und brauche KEIN Gleitgel und bei mir funktioniert auch sonst alles einwandfrei!

Wieso das denn?

Warum sollte man beispielsweise Gleitgel benötigen? Ob der Penis nun 'ne Vorhaut hat oder nicht spielt keine Rolle, weil die Frau doch den Weg ebnet. Bei Analverkehr ist das natürlich eine andere Geschichte, aber auch da spielt eine Beschneidung keine Rolle. Insofern ist der Kommentar durchaus berechtigt.

Und bevor du mich missverstehst, ich bin gegen eine willkürliche Beschneidung. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit, man sollte stets differenziert denken ;)

Lobgesang auf die B.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Beschnittene es offensichtlich nötig haben ihre Beschneidung und die anderer schön zu reden. Das spricht für sich.

Nur darum geht es nicht - wie schon -zig mal geschrieben wurde.
Es geht darum, dass Eltern mehr oder weniger - und zwar u.a. auch durch nachweislich falsche Versprechungen bzw. Angaben- dazu genötigt werden ihre Söhne/Babys Beschneidern auszuliefern.

Dass nicht nur das Kind, sondern auch oft/meist/in der Regeln sie selbst darunter leiden, bestätigen außer dem Autor auch andere Betroffene.
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["Stimmt, steht ja allerlei Zeug drin in dieser Schrift. Aber Manchen Leuten ist Beschneidung eben wichtig. Ich bin nicht gläubig und mir ist es egal, wenn mit der Schrift argumentiert wird. Aber es ist ihnen wichtig. Und wenn sie keine bösen Menschen sind und ihren Kindern nicht schaden (wollen) - und Beschneidung schadet weniger als viele andere Dinge - nun ja, was solls..."]

Zumindest räumen Sie ein, dass Beschneidung schadet!
Eine erstaunliche Erkenntnis nach Ihrem vorangegangenen Lobgesang auf die B.

Möglicherweise können Sie nachvollziehen, dass Eltern, die ihre Kinder prügeln (früher gang und gäbe) auch nicht unbedingt schlechte Eltern und böse Menschen sind, sondern meinten, damit zum Wohl ihrer Kinder beizutragen. Man war es gewohnt Schläge zu bekommen und zu schlagen.

Und trotzdem wurde es verboten - für alle hier in D., egal welcher Religion sie angehören und was ihre Vorfahren erlitten haben.

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