Judentum und IslamMarkierte Körper

Die Gegner der Beschneidung hängen dem Bild des »natürlichen Leibes« an. Ihn gibt es nicht. Er ist ein Phantom von Michel Chaouli

Beschneidungsutensilien

Beschneidungsutensilien  |  © Michael Klug /dapd

Wenn es um die Beschneidung geht, empfiehlt es sich, mit offenen Karten zu spielen. Also: Ich bin beschnitten und meine beiden Söhne auch. Bei mir geschah es im jüdischen Beschneidungsritual Brit Mila, bei meinen Söhnen in der Klinik, in den Tagen nach der Geburt. Die Beschneidung des Jüngeren habe ich miterlebt: Er hat geschrien, und mir hat sich der Magen umgedreht.

Ich erzähle dies, nicht weil ich meine, es sei von allgemeinem Interesse, sondern weil in der Beschneidungsdebatte, soweit sie unter Männern geführt wird, der Zustand der Vorhaut mehr über den eigenen politischen Standpunkt verrät, als einem lieb ist. (Weshalb es klug wäre, wenn Frauen sich dieser heiklen Sache annähmen.) Und ich sage es, weil mir das Fehlen der Vorhaut noch nie so scharf ins Bewusstsein rückte wie in den Frühsommerwochen dieses Jahres, die ich – gerade zur Zeit des Kölner Beschneidungsurteils – in Berlin verbrachte. Selten zuvor hatte ich mich vor meinen deutschen Freunden so entblößt gefühlt. Plötzlich hatte dieser kleine Schnitt einen tiefen Graben zwischen uns offengelegt.

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Die Argumente für ein Verbot der Beschneidung führten zwar stets universelle Prinzipien ins Feld, die würdig aller Unterstützung sind. Doch bei näherem Hinsehen wurde mir deutlich, dass diese allgemeinen Gedanken von einer höchst besonderen Unterscheidung angetrieben wurden, nämlich der zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Und dabei gehörte ich auf die Seite des Fremden, obwohl ich, Sohn einer Deutschen, mich immer auch als Deutscher fühlte (und es auch bin). Niemals in den letzten dreißig Jahren – nicht, als Helmut Kohl den Bitburger Soldatenfriedhof besuchte, nicht, als Menschen von ausländerfeindlichen Mobs in ostdeutschen Orten gehetzt wurden – fühlte ich mich Deutschland so fremd wie in diesen freundschaftlichen Unterhaltungen über das Wegschneiden eines Stücks Babyhaut.

Michel Chaouli

ist Associate Professor of German an der Indiana University in Bloomington/USA.

Der Frage, ob der Staat über die Beschneidung entscheiden soll, stehe ich, wie wohl viele Menschen, zwiespältig gegenüber – eigentlich vier- oder fünfspältig, denn die Materie ist zu vielschichtig, um sich sauber dualistisch beschreiben zu lassen. Dennoch reduziert sich in der Debatte die Komplexität meist auf die zwei entgegengesetzten Pole des Eigenen und des Fremden. Unter diesen Bedingungen für ein Verbot zu plädieren, so meine ich, wäre intellektuell unredlich und politisch schädlich. Aber kann man je in Deutschland über ein Verbot der Beschneidung redlich diskutieren? Das kann man, allerdings erst, wenn sie als eigene Praktik anerkannt wird, wenn also die Beschneidung deutsch wird. Doch ich greife vor.

Wir wissen, dass die Beschneidung von Babys in Deutschland wahrscheinlich von Gesetzes wegen erlaubt wird. Und wir wissen auch, warum. Scharfsinnige Beobachter wie der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel haben es uns vorbuchstabiert (Süddeutsche Zeitung, 25.8.2012). Allein »wegen des hier organisierten scheußlichsten Massenmordes der Geschichte«, meint er, habe die deutsche Politik eine Pflicht, jüdischen Belangen gegenüber sensibel zu sein. Wenn also der Bundestag dieses Ritual absegnet, dann nur, weil ein winziger Anteil der in Deutschland beschnittenen Buben in jüdische Familien geboren werden. Das kann man auch anders ausdrücken: Wenn die Beschneidung ausschließlich von Muslimen praktiziert würde, dann wäre sie in Deutschland genauso verboten wie Minarette in der Schweiz.

Warum hinterlassen diese Überlegungen bei mir einen schalen Nachgeschmack? Ist das geplante Gesetz nicht letztlich Ausdruck von Toleranz? Gewiss, nur schöpft diese Toleranz nicht aus der duftigen Quelle der Liberalität, sondern aus der galligen Quelle des Schuldgefühls. Eine auf diese Art genährte Toleranz bringt es höchstens fertig, fremdartiges Verhalten zähneknirschend zu ertragen, was unweigerlich dazu führt, dass Ressentiments ungestört wuchern können. Wenn die Beschneidung, wie Merkel sagt, allein als ein dem deutschen Souverän abgetrotztes »Sonderrecht« der Juden gelten kann, dann reicht ihre Duldung als weiterer Grund dafür, warum die Deutschen den Juden den Holocaust nie verzeihen werden.

Während des Sommers der Beschneidung übte kein Thema – nicht einmal die Fußball-Europameisterschaft – eine solch starke Magnetkraft auf die Gemüter aus, was den Argumenten zwar Schwung verlieh, sie aber auch oft arg verzerrte. Drei Komplexe fehlten weitgehend. Erstens hat die Kontroverse ja nicht erst mit dem Urteil des Kölner Gerichts begonnen. Sie geht zurück in die frühesten Jahrzehnte des Christentums, als die jüdische Obrigkeit immer heftiger auf der Beschneidung beharrt, um sich umso schärfer vom Emporkömmling abzugrenzen. Auf der anderen Seite ist es vor allem Paulus, der die Frage der Beschneidung in die tiefsten Regionen der christlichen Doktrin einschreibt. Der äußerlichen Beschneidung des Fleisches setzte er bekanntlich die inwendige des Herzens entgegen, »die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht« (Römer 2, 29).

Leserkommentare
  1. Schön geschrieben, aber leider, leider am Kern der
    Sache vorbei.
    Hier geht es nicht darum, wer wann wo und warum welches
    Ritual erfunden hat, sondern um etwas, was sich seit einigen
    Jahrzehnten langsam aber sicher den Weg in die Köpfe
    der Menschen bahnt - daß Kinder Menschen sind, keine
    Dinge, daß sie Menschen-, Bürger und Grundrechte haben,
    unveräußerlich sind.
    Und daß sie, die nicht für sich selber sprechen können, die
    Aufmerksamkeit und den Schutz der Gesellschaft benötigen,
    unabhängig davon, welchen Glaubens oder welcher Herkunft
    ihre Eltern sind.

    Eine detailierte Betrachtung, Herr Chaouli, finden sie
    u.A. hier:
    http://www.rz-etelsen.net...

    3 Leserempfehlungen
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    Leider, leider hat Ihr Beitrag nichts mit dem Artikel zu tun.

    Glauben Sie, dass der Autor des Artikels Kinder für Dinge hält, ohne Menschen-, Bürger- und Grundrechte? Glauben Sie, dass er seinen eigenen Kindern ungenügend Aufmerksamkeit und Schutz zuteil werden ließ? Dass er also ein schlechter Vater gewesen ist? Sagen Sie, GLAUBEN Sie das?

    Ich hoffe nicht. Natürlich weiß ich nicht, ob der Autor ein "guter" oder ein "schlechter" Vater war - aber ich weiß, dass es nichts damit zu tun hat, dass er seine Kinder beschneiden ließ.

    Und diese Entscheidung wird das Leben seiner Kinder weitaus weniger beeinflussen, als viele andere von ihm und von anderen Menschen getroffene Entscheidungen. Und nicht nur das: Sein Bildungsgrad, sein Einkommen und sein soziales Umfeld wird auf das Leben seiner Kinder einen weitaus größeren Einfluss haben, als jeden einzelne getroffene Entscheidung.

    Sie wollen Kinder durch die Gesellschaft vor ihren Eltern schützen lassen? Gute Idee - aber nur, wenn es schlechte Eltern sind. Die Beschneidung hat nichts damit zu tun.

    geht es. Präzise auf den Punkt gebracht. ty.

    wie die rituelle "Beschneidung" jemals zu einer "deutschen" (also spezifisch nationalen) Praktik erklärt werden???

    Seltsame Auswüchse!

    Außerdem hat Wulff in Fortsetzung zu seiner Rede, dass der "Islam zu Deutschland gehöre", vor dem Türkischen Parlament sich darauf beziehend, postuliert, dass das Christentum genauso zur Türkei gehört...

    Darüber wurde nur nicht gleichermaßen medienwirksam berichtet. Den genauen Wortlaut der Reden kann man aber unter
    www.bundespraesident.de
    selber nachrecherchieren

    Eigentlich hatte ich selbst so einen differnzierten Beitrag schreiben wollen, allein ich habe nicht die Zeit gefunden. Ich plädiere dafür, Ihren Artikel als eigenen Beitrag in der ZEIT zu veröffentlichen! was mich besonders positiv beeindruckt ist die Tatsache, dass Sie Ihre Gedanken aus dem Blickwinkel dessen formulieren, der am gravierendsten Betriffen ist: Dem Kind, dem kleinen Jungen! Denn viele anderen Motive, die angeführt werden, um eine Beschneidung teilweise auf abstrusestem Weg zu rechtfertigen, sind allesamt nicht aus deren Blickwinkel formuliert! Liebe ZEIT: Veröffentlicht diesen Artikel!

    Mich irritiert bei dieser Debatte vor allem eines:

    Warum echauffieren sich so wenige Menschen gegen die angesprochene Operation der Hand (ein "Knorpel" an der Hand muss weg)
    Warum werden medizinische Geschlechtsangleichungen bzw ~festlegungen so einfach von der Masse der Bevölkerung hingenommen?

    Warum bricht der "shitstorm" erst dann los, wenn es um eine jüdisch/muslimische Praxis am Penis geht?
    Ist das der Männlichkeitswahn? Eine weitere Möglichkeit des angeblichen "Tabubruchs", Juden zu kritisieren?

    Wenn es wirklich und zuvorderst um die Kinder ginge, müsste man doch mit genau der gleichen Inbrunst Intersexualität verteidigen. Den "sechsten Finger" und andere Missbildungen.
    Tut man aber nicht, weil es nicht der "Norm" entspricht.

    Wenn es wirklich und zuvorderst um die Kinder ginge, könnte man sich so vielen anderen Problemen widmen, die das Leben des Kindes wesentlich schlimmer beeinflussen als eine Beschneidung.
    Tut man aber nicht. Warum? Ich kann nur Vermutungen anstellen. Häufig werden sozial Schwache zumindest ausgeblendet, als gäbe es sie nicht. Als würden ihre Probleme individueller Natur sein. Manchmal dienen sie als Attraktion - entweder im Privatfernsehen zum drüber lachen oder in den Polizeimeldungen einer Zeitung, wenn mal wieder ein Kind in einem Karton, hinter einem Schrank, in einer Mülltonne gefunden wurde.

    Warum so viel Wind, um eine jüdisch/muslimische Praxis am Penis? Erklärt es mir, christlich/atheistische Männer!

    - ein agnostischer Mann

    • lispm
    • 03. November 2012 19:01 Uhr

    Der Holocaust? Wirklich?

    Warum haben es Religionen so schwer sich an modernere Ansichten anzupassen? Da helfen keine Ausflüchte - Erwachsene haben keine beliebige Verfügungsrechte über Kinder.

    Warum geben Sie nicht die Beschneidung einfach auf und lassen die Personen selbst entscheiden, ob sie sich beschneiden lassen möchten?

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. damals, beim jüngeren Ihrer Söhne, waren Sie da ganz sicher, daß es Ihr Sohn war und nicht sein Abbild, der da schrie, und schrie er denn vor oder nach dem Eingriff und haben Sie ihm nicht klargemacht, daß das Stück Vorhaut, welches entfernt wurde, schon deshalb zu entfernen ist, damit es keinesfalls als "Plattform" eines politischen Standpunkts verstanden werden kann.
    Lesen Sie doch Ihr Oeuvre nochmal durch und prüfen Sie, ob Ihre Magenmotilität seit damals gelitten hat.

  3. ... sein Urvertrauen in die Umgebung, in die es hilflos hineingeboren wurde, verlieren. Das ist Traumatisierung pur und wird so schnell nicht vergessen!

    Abgesehen davon ist die Genitalverstümmelung ein schwerer Eingriff: Spätere sexuelle Praktik wird deutlich beschnitten, was sich dann in der Notwendigkeit zum Gleitmittelgebrauch usw. zeigen kann.

    Es kann auch nicht sein, dass sogar Parteien, die die persönliche Freiheit und die Beseitigung von Bevormundung in Deutschland als Haupt-Mantra vor sich hertragen, einen Gesetzentwurf zur Straffreiheit bevormundender Beschneidung vorlegen und verteidigen.

    Auf die Hl. Schrift kann man sich bei der Beschneidung so lange nicht berufen, wie man weitere Schrift-Forderungen, zum Beispiel nach Zinsverbot und regelmässigem Schuldenerlass ignoriert. So einfach darf man es sich nicht machen mit dem, was man - entsprechend der Schrift - befolgen möchte und was nicht. Oder ?

    2 Leserempfehlungen
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    "Das ist Traumatisierung pur und wird so schnell nicht vergessen!"

    Wurden Sie persönlich traumatisiert oder Menschen, die Sie kennen? Merkwürdig. Ich kenne Einige, die beschnitten sind, und sie kommen mir nicht traumatisierter vor als alle anderen auch...

    "Spätere sexuelle Praktik wird deutlich beschnitten, was sich dann in der Notwendigkeit zum Gleitmittelgebrauch usw. zeigen kann."

    Auch davon habe ich bisher nichts gehört. Meine Freunde müssen irgendwie falsch beschnitten worden sein, ihnen gehts nämlich gut. Einer (in reiferem Alter beschnitten) ist sogar ganz begeistert: Vor der Beschneidung war er zu empfindlich, was das Intimleben nachteilhaft beeinträchtigte. Ja, das gibt es.

    "...dass sogar Parteien, die die persönliche Freiheit und die Beseitigung von Bevormundung in Deutschland als Haupt-Mantra vor sich hertragen, einen Gesetzentwurf zur Straffreiheit bevormundender Beschneidung vorlegen und verteidigen."

    Es gibt immer noch liberale Parteien? Wirklich erstaunlich.

    "Auf die Hl. Schrift kann man sich bei der Beschneidung so lange nicht berufen..."

    Stimmt, steht ja allerlei Zeug drin in dieser Schrift. Aber Manchen Leuten ist Beschneidung eben wichtig. Ich bin nicht gläubig und mir ist es egal, wenn mit der Schrift argumentiert wird. Aber es ist ihnen wichtig. Und wenn sie keine bösen Menschen sind und ihren Kindern nicht schaden (wollen) - und Beschneidung schadet weniger als viele andere Dinge - nun ja, was solls...

    "Abgesehen davon ist die Genitalverstümmelung ein schwerer Eingriff: Spätere sexuelle Praktik wird deutlich beschnitten, was sich dann in der Notwendigkeit zum Gleitmittelgebrauch usw. zeigen kann."

    Ich habe diesen Unsinn jetzt schon mehrfach gelesen; ich bin beschnitten und brauche KEIN Gleitgel und bei mir funktioniert auch sonst alles einwandfrei!

    • Dockdoc
    • 03. November 2012 19:29 Uhr

    Sehr geehrter Herr Chaouli,
    die Evolution des Menschen reicht weit über den Beginn des Juden- und Christentum als Religion hinaus. Ein "sechster Finger" stellt eine Missbildung dar, während die Vorhaut eine solche nicht ist.
    Die männliche Beschneidung ist nicht Teil des westlichen Wertekomplexes, auch wenn Sie sich das gerne anders wünschen würden.
    Die Selbstgeiselung und Züchtigung im Christentum wurde auch aufgegeben. Das Kruzifixe nach wie vor in Gerichtssäälen Bayerns hängen, ist ein genauso bekanntes Problem, wie die Vereidigung eines Pastors zum Bundespräsidenten als Wächter des Grundgesetzes und einer Pfarrerstochter zur Kanzlerin. Den Interessenskonflikt erleben wir gerade.
    Ihre Gleichsetung einer Körperverletzung mit einer Nichtbeschneidung des Körpers sind schwerlich zu lesen und um solche Äußerungen zu ertragen muss man wohl sehr gläubig sein.
    Guten Abend

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    • sharia
    • 03. November 2012 19:39 Uhr

    ein sechster finger eine MISSBILDUNG dar?
    ich sehe diesen finger als evolutionär an. reicht also weit hinter 'uns' zurück und weit über 'uns' hinaus.

    und: menschen mit drei nieren haben dann wohl glück, denn das ist von außen nicht zu sehen. wäre es das, gälten sie womöglich als MISSGEBILDETE.

    und ja, die beschneidung ist teil auch des westlichen wertekomplexes. sonst würde sie doch nicht so exzessiv im herzen praktiziert!

    'Die männliche Beschneidung ist nicht Teil des westlichen Wertekomplexes, auch wenn Sie sich das gerne anders wünschen würden.'

    Sie möchten nachträglich die seit 321 n.Chr. nachweislich in Deutschland ansässigen Juden ausbürgern, indem Sie sie aus dem 'westlichen Wertekomplex' exkludieren?

    'Um das zu verstehen', muß man nicht religiös, sondern ahistorisch sein. 'Um solche Äußerungen zu ertragen', wie Michel Chaouli sie trifft, vielmehr - sie auch nachzuvollziehen, müßte man aber mit Geschichte und Aufklärung wenigstens ein klein bißchen vertraut sein. Mit Religion nur so weit, wie sie die Geschichte beeinflusst http://www.bpb.de/izpb/76...

    Wieso soll es ein "bekanntes Problem" sein, wenn ein (seit 23 Jahren nicht mehr im Amt befindlicher) Pastor als Bundespräsident ein Wächter des Grundgesetzes ist? Des Grundgesetzes, das wohlgemerkt mit den Worten "Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, ..." beginnt?

    Das Grundgesetz schützt die Freiheit der Religionsausübung und natürlich sind Gläubige und Atheisten vollkommen gleichberechtigte Bürger dieses Landes. Auch ein vor Jahrzehnten ausgeübter Beruf kann da keinen "Interessenskonflikt" heraufbeschwören.

    Endgültig grenzwertig ist es jedoch, es zum Problem zu erklären, dass die Kanzlerin eine Pfarrerstochter ist. Sollen hier in einem Versuch, den 1878 beendeten Kulturkampf wieder aufleben zu lassen, Menschen in Sippenhaft für ihre Eltern genommen werden?

    Das Grundgesetz definiert Deutschland nicht als atheistischen Staat, der gläubige Menschen von jedem Einfluss im Staat fernhalten muss. Allerdings wird die Ausübung der Grundrechte durch andere Grundrechte beschränkt. Bei der Beschneidung geht es nicht um Religionsfreiheit (weil es um die Beschneidung religionsunmündiger Kinder geht), sondern um Art. 6 (2) GG: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Aber bereits im nächsten Satz heißt es: "Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft." Und bei Körperverletzung ist die staatliche Gemeinschaft gefordert (Art. 2 (2) GG: Körperliche Unversehrtheit).

    • krister
    • 04. November 2012 10:53 Uhr

    6."..und um solche Äußerungen zu ertragen muss man wohl sehr gläubig sein."

    oder ideologisch verblendet.

    ... nur in unserer Kultur als solcher betrachtet. Vor allem ist ein 6. Finger keine Behinderung. Somit wird ein Eingriff vorgenommen, welcher den Körper normiert ohne irgendeinen medizinischen Sinn. In anderen Kulturen kann genau so eine Abweichung als etwas Heiliges gelten (siehe Hermaphroditen im alten Griechenland).
    Es ist interessant, dass sie diesen Eingriff für gerechtfertigt halten, obwohl dieser, genau wie die Beschneidung, einen Eingriff darstellt, welcher nur vorgenommen wird um Zugang zu einer bestimmten Gesellschaft zu haben. ... oder um einfach in dieser Gesellschaft nicht als abnorm zu gelten.
    Abgesehen davon kann man schwer mit Evolution argumentieren. Diese ist zufällig und basiert nicht zuletzt auf stetiger Mutation (teilweise durch Viren hervorgerufen) und Veränderung.

    • sharia
    • 03. November 2012 19:39 Uhr

    ein sechster finger eine MISSBILDUNG dar?
    ich sehe diesen finger als evolutionär an. reicht also weit hinter 'uns' zurück und weit über 'uns' hinaus.

    und: menschen mit drei nieren haben dann wohl glück, denn das ist von außen nicht zu sehen. wäre es das, gälten sie womöglich als MISSGEBILDETE.

    und ja, die beschneidung ist teil auch des westlichen wertekomplexes. sonst würde sie doch nicht so exzessiv im herzen praktiziert!

  4. würden ein paar Sätze des Autors Beachtung finden.

    'Aber kann man je in Deutschland über ein Verbot der Beschneidung redlich diskutieren? Das kann man, allerdings erst, wenn sie als eigene Praktik anerkannt wird, wenn also die Beschneidung deutsch wird.'
    und
    'Der natürliche Leib ist mithin keine Tatsache, die man sich auf ewig sichern könnte, sondern eine Norm, die sich mit der Zeit wandelt. An dieser Stelle verflechten sich der historische und der philosophische Faden dieser Überlegungen und legen den dritten Aspekt bloß. Denn der natürliche Körper, den die Argumentation der Gegner herbeizitiert, ist nichts anderes als der vermeintlich unversehrte Leib, und dieser wiederum wird für den christlichen Leib gehalten, der sein Fleisch gekreuzigt hat. Der Mythos der leiblichen Natürlichkeit wird in die Vergeistigung des Christentums überführt, ein Vorgang, der die jüdische und muslimische Praktik folgerichtig vom Natürlichsein ausschließt.'
    und
    'Es ist immer bequemer, das Skalpell des kritischen Denkens an das Fremde anzulegen, statt ans Eigene.'
    und vor allem
    'Um am anderen etwas auszusetzen, bedarf es weder Kunst noch Mut. Da sind wir alle Fachleute. Doch ist Aufklärung, die etwas wert ist, nicht Kritik am anderen, sondern Selbstkritik.'

    Die Argumente für ein Verbot der Beschneidung sind in aller Ausführlichkeit erörtert.
    Bliebe, die Diskussion endlich so zu führen, daß sich deutsche Juden und deutsche Muslime nicht ausgebürgert fühlen müssen.

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    "Bliebe, die Diskussion endlich so zu führen, daß sich deutsche Juden und deutsche Muslime nicht ausgebürgert fühlen müssen."

    Dann schlage ich vor, dass Herr Chaouli seinen Teil dazu beiträgt, indem er darauf verzichtet, die "Deutschen" von "den Juden" zu unterscheiden (Textzitat: "warum die Deutschen den Juden den Holocaust nie verzeihen werden.").

    Von dem abgegriffenen, ermüdenden Inhalt des Zitats mal abgesehen.

    Ich dachte immer, wir reden über Deutsche jüdischen Glaubens in der Beschneidungsdebatte, soweit sie die jüdische Tradition betrifft.

    • Isi 1st
    • 03. November 2012 20:58 Uhr

    'Es ist immer bequemer, das Skalpell des kritischen Denkens an das Fremde anzulegen, statt ans Eigene.' ...soweit die Worte einer Frau zur Beschneidung von Jungen...
    - es tut mir leid, aber weiter als eventuell Mutter, Frau oder Sexpartner eines beschnittenen Mannes zu sein, geht Ihre Erfahrung mit einem Penis nicht, oder?

    daß sich Deutsche, für die diese Beschneidung eine aufgezwungene Verletzung von noch entscheidungsunfähigen Nicht-Erwachsenen darstellt, nicht irgenwann fremd in ihrer ursprünglichen kulturellen Umgebung mit der gewohnten Rechtssprechung fühlen müssen! Mit dem verbrieften Recht für jeden und jede auf körperliche Unversehrtheit nämlich!
    Dies ist der gesellschaftliche Aspekt.
    Der philosophische Aspekt, den ich dabei sehe, greift noch weiter und noch tiefer: Zweifellos befinden wir uns heute auf der Erde mitten in einer Evolutionskrise, die in allen Bereichen zeigt, daß "es so nicht weitergehen kann". Aus diesem Grund bedürfen alle Systeme, alle Bräuche und Traditionen einer grundlegenden Überprüfung dahingehend, ob sie für eine, für die überlebensnotwendige neue Weltordnung noch tauglich sind. Ich persönlich glaube, daß jegliche Form von Gewalt, die ich als VERGEWALTIGUNG DER NATUR oder als IGNORANTE ÜBERHEBLICHKEIT ÜBER SIE definiere, keine Zukunft mehr hat. Ich möchte niemanden kränken, aber dennoch muß ich ehrlich sein und gestehen, daß dises Beschneiden für mich nichts anderes ist, als DER NATUR mit ihrer unzälig jährigen Erfahrung arrogant ins WERK ZU PFUSCHEN! Und von dieser naturverbundenen Sicht kann mich nichts und niemand abbringen! Mich schmerzt es, akzeptieren zu müssen, daß Neugeborene mutwillig verstümmelt werden und es wird mich immer schmerzen , so lange ich lebe!

    Wir reden doch wohl von drei Betroffenen:
    Als Großes Erhöhtes: Die Religion(en)
    Dann: Die Eltern als zur Religion dazugehörig.

    Und diese beiden wollen beachtet, geachtet werden.

    Moment: Da habe ich den Dritten im Bunde vergessen, ich Dummerchen: Das Kind.

    Richtig: "Bliebe, die Diskussion endlich so zu führen, daß sich deutsche Juden und deutsche Muslime nicht ausgebürgert fühlen müssen." -

    So sehen Sie die Lösung des Gesellschaftsproblems.

    Auch Sie vergessen dabei den unbedingt erforderlichen dritten Part am Geschehen:
    Damit Sie die Religion(en) und die Gläubigen zufriedenstellen und sich geachtet fühlen lassen können, brauchen Sie ja noch ein Opfer auf dem Altar respektive auf dem OP- Tisch: Das Kind.

    Dieses kann sich ja auch nicht wehren, wird betäubt. UJnd unwiderbringlich als Mit- Gläubiger gekennzeichnet.
    Gefragt wird es nicht; und wenn: äußern kann es sich in diesem Stadium seiner menschlichen Entwicklung ja auch gar nicht.
    Es wird nicht gefragt: Willst Du Moslem, willst Du Jude sein?
    Es wird nicht gefragt: Willst Du die Schmerzen empfangen, damit wirt unseren Ritualwahn stillen können.
    Was ist mit körperlicher Unversehrtheit von Menschen, die ihren freien Willen nicht aus reifem Verstand heraus selbst bestimmen können?
    Was ist mit der Kinderrechtskonvention der UN- Menschenrechte, universeller Art? Dem Auftrag der UN, alte Bräuche, die den Kindern Schmerz zufügen zu mißachten und das Kind als das zu würdigen, was es ist: Mensch!

    Religionswohl vor Menschenrecht?

    • Isi 1st
    • 03. November 2012 19:43 Uhr

    ...ich weiß, ich komme nicht in den Himmel - ich bin eben nicht beschnitten.
    Vermutlich muss erst ein beschnittener Junge gegen seine Eltern einen Schadenersatzanspruch durchsetzen - sagen wir etwa 50.000€, damit ein Umdenken bei dieser Religionsgemeinschaft einsetzt?!

    Der Hinweis in Kommentar Nr. 5, mit dem Zinsverbot und dem regelmäßigen Schuldenerlass gefällt mir im Übrigen ebenfalls sehr gut.
    Gibt es also auch im Judentum eine Doppelmoral?

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  • Schlagworte Beschneidung | Judentum
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