DIE ZEIT: Beim Begriff »Bibliotheksmumie« denkt man an vergessene Besucher. Oder an ein Buch, das nie ausgeliehen wurde.

Eric W. Steinhauer: Der Begriff ist eine Kunstschöpfung. Es handelt sich um echte menschliche Mumien, die in einer Bibliothek als Teil des Bestands aufbewahrt werden. Sie zählen durchaus zu den Gegenständen meiner Forschung.

ZEIT: Was haben Mumien und Bücher miteinander zu tun?

Steinhauer: Das fragte ich mich auch. Als Jurist und Bibliothekar befasse ich mich mit Urheber- und Verwaltungsrecht. Zu Letzterem gehören auch Friedhofs- und Bestattungsrecht. Bei der Auseinandersetzung damit entdeckte ich plötzlich Interessantes: Bibliothek und Friedhof haben erstaunliche Gemeinsamkeiten.

ZEIT: …es verwesen dort Dinge.

Steinhauer: Das will ich nicht bestreiten. Ich meine aber etwas anderes: den Umgang mit Objekten. Die Arbeitsgänge in der Pathologie erscheinen mir sehr bibliothekarisch. Proben kommen an, erhalten Barcodes, werden aufbereitet, klassifiziert. Das machen wir genauso. Und wenn Sie frühe Bilder von Sektionen anschauen, sehen Sie die Leiche und daneben ein aufgeschlagenes Buch. In beidem wird gelesen.

ZEIT: Da hat es Klick gemacht?

Steinhauer: Ja, ich erinnerte mich an die Badische Landesbibliothek. Dort steht die Urne mit der Asche des Schriftstellers Alfred Mombert. Und in St. Gallen liegt seit 1836 die ägyptische Mumie Schepenese in der Stiftsbibliothek. So kam ich ins Nachdenken über Friedhöfe und Bibliotheken.

ZEIT: Beides Orte der Erinnerung.

Steinhauer: Und beide sind wahre Speicher. Aber wo sich erinnert wird, wird auch viel vergessen. Es vergammelt, wenn Sie so wollen. Uns Bibliothekaren ist daher die Metapher von der Bibliothek als Friedhof durchaus geläufig.

ZEIT: Aber warum liegen die Toten ausgerechnet zwischen den Büchern?

Steinhauer: Bibliotheken und Museen haben einen gemeinsamen Vorläufer in der frühneuzeitlichen Wunderkammer. Man sammelte dort Bücher, Naturalien und andere kuriose Dinge. Einige Mumien sind in den Bibliotheken verblieben. Und ich stellte fest, dass dies kein Zufall war. Vielmehr ist eine gemeinsame ideelle Dynamik am Werk.

ZEIT: Die wäre?

Steinhauer: Es geht darum, Sterblichkeit zu überwinden, sich der Endlichkeit durch Aufbewahrung entgegenzustellen.

ZEIT: Ist es denn erlaubt, Urnen und Leichen in Bibliotheken aufzubewahren? Müsste man die Mumien nicht begraben?

Steinhauer: Mumien sind Kulturgut, für sie gelten besondere Vorschriften. Aber natürlich gibt es immer Debatten darüber, ob man Leichen oder Leichenteile zeigen darf. Speziell in Bibliotheken sind Einbände aus Menschenhaut kuriose Phänomene. Mit dem Nationalsozialismus hat das nichts zu tun, die Sachen sind älter. Bei diesen Objekten bilden Tod und Buch eine merkwürdige Symbiose: Leichenmaterial hilft, Gedanken aufzubewahren.