Es brauchte nur wenige Worte, und die Hörer am Radio wussten, auch wenn sie die Ansage versäumt hatten, wer sprach: Jean Améry. Er formulierte scharf, aber unendlich nuanciert, bestimmt und zugleich tastend. Es waren lange Sätze, doch von vollkommener Klarheit. Vor allem aber sprach er – leise. Die leise Stimme der Vernunft, wie es bei Lessing heißt und bei Freud.

Eine leichte Färbung des Klangs verriet die Kindheit und Jugend. Geboren am 31. Oktober 1912 als Hans Maier in Wien, aufgewachsen dort und in Bad Ischl, wo sich die Mutter als Pensionswirtin versucht – der Vater, ein Kaufmann, war im Krieg geblieben. Jüdische Herkunft, katholisch erzogen; Geld für ein Studium ist keins vorhanden. Er arbeitet als Buchhändler in Wien, bildet sich selbst, schreibt einen Roman. 1938 dann die Flucht.

In Belgien holt ihn die Wehrmacht ein, mehrmals entkommt er aus den Fängen der Verfolger. Mit Flugblättern des Widerstands in der Tasche wird er 1943 in Brüssel erneut verhaftet, wird gefoltert, nach Auschwitz verschleppt, 1945 in Bergen-Belsen befreit.

Unter dem Nom de Plume Jean Améry arbeitet er zunächst für Schweizer Blätter – wie die Weltwoche, deren Name heute noch existiert. Wiener Positivismus verbindet sich mit Pariser Existenzialismus; der Band Geburt der Gegenwart wagt 1961 eine Bilanz der Nachkriegskultur. Kurz darauf kehrt er, der bis zuletzt in Brüssel lebt, als Autor nach Österreich und Deutschland zurück. Bald schreibt er für alle wichtigen Rundfunkanstalten, Zeitschriften und großen Zeitungen, darunter die ZEIT. Essays zur Politik, Philosophie, Literatur erscheinen, Prosabände wie Lefeu oder Der Abbruch oder die hinreißende Rettung der gewöhnlichen Existenz: Charles Bovary, Landarzt.

Immer wieder legt er, in Zeitungsdebatten und Fernsehrunden, Einspruch ein. Scharf geht er mit Obskuranten ins Gericht, mit den alten deutschen, mit den neuen französischen, den Deleuzes und Foucaults, oder mit linken Antisemiten, mit alternativen Schwärmern. Genauso wie er sich gegen die Zumutung wehrt, Bücher des NS-Massenmörders Albert Speer auf den Bestsellertischen sehen zu müssen; dessen allzu beflissene Bewährungshelfer (wie der Journalist Joachim Fest) überschreiten, so bekennt er, »meine Ekelgrenze«.

Doch bei allem öffentlichen Widerspruch bleibt der Widerspruch, den er in sich selbst verspürt. Zahlreich sind seine autobiografischen Arbeiten, wie der berühmte Bericht über die Folter, Die Tortur. Er gehört, es lässt sich nicht anders sagen, zu den deutschsprachigen Nachkriegswerken, die jeder kennen sollte.

Bewältigungsversuche eines Überwältigten lautet der Untertitel jenes Buches, in dem Die Tortur 1966 erschien. Am 16. Oktober 1978 wählte Jean Améry in einem Salzburger Hotel mit einer Überdosis Schlaftabletten »den Weg ins Freie«. Als radikaler Aufklärer wusste er, dass im Anfang nicht das Wort, sondern die Erfahrung ist, nicht der Geist, sondern der Leib. Am Ende überwältigte ihn die Erfahrung, und er verzweifelte an der Welt, ohne doch jemals an der Wahrheit des Wortes, an der leisen Stimme der Vernunft gezweifelt zu haben.