Vor 180 Jahren erkundete der französische Historiker Alexis de Tocqueville die Neue Welt . »Ich gestehe, dass ich in Amerika mehr gesehen habe als Amerika «, berichtete er den Europäern nach seiner Heimkehr. »Ich habe dort ein Bild der reinen Demokratie gesucht, ein Bild ihrer Neigungen, Besonderheiten, ihrer Vorurteile und Leidenschaften.« Über wohl kaum ein anderes Land ist seither mehr geschrieben worden. Kaum eine andere Nation musste mehr Deutungsversuche ertragen. Und keine andere Gesellschaft entfacht bis heute derart widerstrebende Gefühle.

Die Versuche, Amerika zu erklären, sind schier unerschöpflich, und sie sind noch zahlreicher geworden, seit im Weißen Haus 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei mit Barack Obama der erste schwarze Präsident regiert. Gleichwohl trennt die Alte und die Neue Welt nach wie vor ein Graben der Verständnislosigkeit. Ob Todesstrafe oder Guantánamo , ob hohe Universitätsgebühren oder Wohlstandskluft, immer wieder tauchen in Europa dieselben bohrenden Fragen auf. Und schwerlich kann man angesichts der immer noch großen Obama-Begeisterung diesseits des Atlantiks nachvollziehen, dass die Amerikaner bereits nach vier Jahren einen Präsidenten abwählen könnten, der ihr Land vom verheerenden Erbe der Bush-Jahre zu befreien versucht. Der die Autoindustrie gerettet und eine Krankenversicherung für jedermann eingeführt hat.

Was ist mit den Amis los? heißt ein neuer und sehr geglückter Interpretationsversuch. Anschaulich beschreibt Tagesspiegel- Journalist Christoph von Marschall das Wesen der amerikanischen Bürgergesellschaft und ihr prinzipiell skeptisches Verhältnis zu staatlicher Wohlfahrt. Er erklärt, warum Amerikaner trotz aller Erschütterungen immer noch geneigt sind, mehr den freien Kräften des Marktes zu vertrauen als staatlicher Regulierung. Und warum sie deshalb etwa in hohen Benzinpreisen eine gravierende Beschneidung ihrer Freiheit sehen und nicht, wie die Europäer, ein sinnvolles Instrument des Klimaschutzes.

Besonders eindrucksvoll ist Marschalls Passage über Mitarbeiter der National Institutes of Health, die aus ihrem sehr individualistischen Verständnis von Solidarität heraus einer erkrankten schwangeren Kollegin eigene Urlaubstage schenken, damit sie zu Hause bleiben kann und zugleich weiter ihren Lohn erhält. Man muss das nicht unbedingt für nachahmenswert halten, aber man sollte die dahinterstehende Denkweise verstehen. Schließlich sind auch Europas traditionelle Sozialstaaten inzwischen völlig überlastet und suchen nach neuen Formen des Gemeinsinns. Noch besser wäre das Buch allerdings, wenn der Autor sich etwas zurücknehmen würde.

Drei weitere deutsche Journalisten haben in diesem Jahr zwei gute Amerikabücher verfasst. Wahnsinn Amerika, aus der Feder des ARD-Fernsehkorrespondenten Klaus Scherer, verschafft den besten Überblick über die aufreibenden vier Obama-Jahre. Ob Streit über die Gesundheitsreform oder Schuldenkrise, ob Ölkatastrophe oder Kriegslasten, der besondere Charme seiner Krisenbeschreibung liegt darin, dass in ihr von Anfang bis Ende konkrete Menschen und ihre Schicksale auftauchen. Unvergesslich bleibt der tief verstörte Irakheimkehrer David, dem ein Hund der Organisation Pets for Vets über Einsamkeit und Depression hinweghilft.

Marschalls und Scherers Blick auf Amerika ist von Sympathie für Obama getragen. Die Kritik, er habe zu wenig erreicht, halten sie angesichts der feindseligen Opposition für selbstgerecht. Auch die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, Reymer Klüver und Christian Wernicke , wünschen sich im Grunde die Wiederwahl Obamas, selbst wenn sie in ihrer glänzenden Reportagesammlung Amerikas letzte Chance ein wenig flapsig bilanzieren: »Obama wollte ein neues Zeitalter einläuten. Daraus ist bekanntlich nichts geworden.«

Es ist in ihrem Buch ein bisschen zu viel die Rede von Melancholie, Depression und Tristesse. Es drängt sich der Eindruck auf, als wollten die beiden Autoren mit dem inflationären Gebrauch trübseliger Worte den weit überzogenen Titel ihres Buches rechtfertigen, an den sie selber nicht so recht zu glauben scheinen. Und dennoch: Es gibt kein zweites Buch in deutscher Sprache, das Amerikas aktuelle große Krisen derart anschaulich, faktenreich und trefflich seziert. Wer verstehen will, warum die Stellung der Vereinigten Staten als alleinige, unangefochtene Supermacht bedroht ist, muss Amerikas letzte Chance lesen.

Was Obama in den vergangenen Jahren auch anpackte , stets stieß er auf den erbitterten Widerstand der Republikaner, die ihm auch nicht den geringsten Erfolg gönnten. Die vier deutschen Buchautoren waren als US-Korrespondenten Zeugen dieser Blockadehaltung und abgrundtiefen Feindseligkeit. Mit gutem Grund räumen sie der politischen Spaltung des Landes in ihren Erzählungen und Analysen viel Raum ein.