SachbücherGnadenlos, hoffnungsfroh

Warum deutsche Buchautoren Amerika viel skeptischer sehen als selbst die kritischsten Amerikaner. von 

Besucher einer Wahlveranstaltung in Doswell, Virginia

Besucher einer Wahlveranstaltung in Doswell, Virginia  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Vor 180 Jahren erkundete der französische Historiker Alexis de Tocqueville die Neue Welt . »Ich gestehe, dass ich in Amerika mehr gesehen habe als Amerika «, berichtete er den Europäern nach seiner Heimkehr. »Ich habe dort ein Bild der reinen Demokratie gesucht, ein Bild ihrer Neigungen, Besonderheiten, ihrer Vorurteile und Leidenschaften.« Über wohl kaum ein anderes Land ist seither mehr geschrieben worden. Kaum eine andere Nation musste mehr Deutungsversuche ertragen. Und keine andere Gesellschaft entfacht bis heute derart widerstrebende Gefühle.

Die Versuche, Amerika zu erklären, sind schier unerschöpflich, und sie sind noch zahlreicher geworden, seit im Weißen Haus 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei mit Barack Obama der erste schwarze Präsident regiert. Gleichwohl trennt die Alte und die Neue Welt nach wie vor ein Graben der Verständnislosigkeit. Ob Todesstrafe oder Guantánamo , ob hohe Universitätsgebühren oder Wohlstandskluft, immer wieder tauchen in Europa dieselben bohrenden Fragen auf. Und schwerlich kann man angesichts der immer noch großen Obama-Begeisterung diesseits des Atlantiks nachvollziehen, dass die Amerikaner bereits nach vier Jahren einen Präsidenten abwählen könnten, der ihr Land vom verheerenden Erbe der Bush-Jahre zu befreien versucht. Der die Autoindustrie gerettet und eine Krankenversicherung für jedermann eingeführt hat.

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Was ist mit den Amis los? heißt ein neuer und sehr geglückter Interpretationsversuch. Anschaulich beschreibt Tagesspiegel- Journalist Christoph von Marschall das Wesen der amerikanischen Bürgergesellschaft und ihr prinzipiell skeptisches Verhältnis zu staatlicher Wohlfahrt. Er erklärt, warum Amerikaner trotz aller Erschütterungen immer noch geneigt sind, mehr den freien Kräften des Marktes zu vertrauen als staatlicher Regulierung. Und warum sie deshalb etwa in hohen Benzinpreisen eine gravierende Beschneidung ihrer Freiheit sehen und nicht, wie die Europäer, ein sinnvolles Instrument des Klimaschutzes.

Besonders eindrucksvoll ist Marschalls Passage über Mitarbeiter der National Institutes of Health, die aus ihrem sehr individualistischen Verständnis von Solidarität heraus einer erkrankten schwangeren Kollegin eigene Urlaubstage schenken, damit sie zu Hause bleiben kann und zugleich weiter ihren Lohn erhält. Man muss das nicht unbedingt für nachahmenswert halten, aber man sollte die dahinterstehende Denkweise verstehen. Schließlich sind auch Europas traditionelle Sozialstaaten inzwischen völlig überlastet und suchen nach neuen Formen des Gemeinsinns. Noch besser wäre das Buch allerdings, wenn der Autor sich etwas zurücknehmen würde.

Drei weitere deutsche Journalisten haben in diesem Jahr zwei gute Amerikabücher verfasst. Wahnsinn Amerika, aus der Feder des ARD-Fernsehkorrespondenten Klaus Scherer, verschafft den besten Überblick über die aufreibenden vier Obama-Jahre. Ob Streit über die Gesundheitsreform oder Schuldenkrise, ob Ölkatastrophe oder Kriegslasten, der besondere Charme seiner Krisenbeschreibung liegt darin, dass in ihr von Anfang bis Ende konkrete Menschen und ihre Schicksale auftauchen. Unvergesslich bleibt der tief verstörte Irakheimkehrer David, dem ein Hund der Organisation Pets for Vets über Einsamkeit und Depression hinweghilft.

Marschalls und Scherers Blick auf Amerika ist von Sympathie für Obama getragen. Die Kritik, er habe zu wenig erreicht, halten sie angesichts der feindseligen Opposition für selbstgerecht. Auch die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, Reymer Klüver und Christian Wernicke , wünschen sich im Grunde die Wiederwahl Obamas, selbst wenn sie in ihrer glänzenden Reportagesammlung Amerikas letzte Chance ein wenig flapsig bilanzieren: »Obama wollte ein neues Zeitalter einläuten. Daraus ist bekanntlich nichts geworden.«

Es ist in ihrem Buch ein bisschen zu viel die Rede von Melancholie, Depression und Tristesse. Es drängt sich der Eindruck auf, als wollten die beiden Autoren mit dem inflationären Gebrauch trübseliger Worte den weit überzogenen Titel ihres Buches rechtfertigen, an den sie selber nicht so recht zu glauben scheinen. Und dennoch: Es gibt kein zweites Buch in deutscher Sprache, das Amerikas aktuelle große Krisen derart anschaulich, faktenreich und trefflich seziert. Wer verstehen will, warum die Stellung der Vereinigten Staten als alleinige, unangefochtene Supermacht bedroht ist, muss Amerikas letzte Chance lesen.

Was Obama in den vergangenen Jahren auch anpackte , stets stieß er auf den erbitterten Widerstand der Republikaner, die ihm auch nicht den geringsten Erfolg gönnten. Die vier deutschen Buchautoren waren als US-Korrespondenten Zeugen dieser Blockadehaltung und abgrundtiefen Feindseligkeit. Mit gutem Grund räumen sie der politischen Spaltung des Landes in ihren Erzählungen und Analysen viel Raum ein.

Leserkommentare
  1. > Warum deutsche Buchautoren Amerika viel skeptischer sehen als selbst die kritischsten Amerikaner.

    Hmmm, um das zu widerlegen braucht man nur mal lesen, was Noam Chomsky ueber Amerika unter Obama sagt und schreibt.

    > 50 Millionen Einwanderer aus Lateinamerika und Millionen von Menschen asiatischer Herkunft werden das Land in den nächsten Jahrzehnten gewaltig verändern – sozial, kulturell und politisch. Amerika wird zwangsläufig linker und farbiger werden.

    Das kann man auch negativ sehen: die soziale Struktur der USA wird wohl der von Mexiko immer aehnlicher werden, d.h. eine kleine sich verbarrikadierende Oberschicht neben einer breiten Unterschicht und einer schwindenden Mittelschicht.

    > Die Vereinigten Staaten verändern sich, aber sie stürzen nicht ab in die Zweitrangigkeit, wie manche Europäer behaupten.

    Ja, klar, obwohl 100% der historischen Supermaechte irgendwann zweitklassig geworden sind, ist diesmal alles anders und die Vereinigten Staaten werden die erste Supermacht sein, die sich ewig haelt. Der Dollar bleibt internationale Leitwaehrung fuer immer, die Schulden im Ausland werden nie eine Rolle spielen, China kann so gross und stark werden wie es will, die USA bleiben die groessten.

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    • ludna
    • 05. November 2012 10:03 Uhr

    sondern die nächtsen 100 Jahre. Und im Prinzip sind die USA noch immer mächtig, auch durch die positive Bevölkerungsentwicklung, zumindest zahlenmässig.

    Aber die veränderte soziale Struktur, sprich Einwanderer aus Mittelamerika und wahrscheinlich deren überproportional hohe Kinderzahl wird grossen Einfluss auf die künftige Entwicklung haben. Sehen sich diese als US-Bürger ? Bekennen sie sich zu den demokratischen Institutionen und den historischen Entwicklungen der USA ? Wie beeinflussen sie die Wirtschaft ? Oder verändern sie die USA derart, das sie tatsächlich keine Supermacht mehr sein werden.

  2. "Er erklärt, warum Amerikaner trotz aller Erschütterungen immer noch geneigt sind, mehr den freien Kräften des Marktes zu vertrauen als staatlicher Regulierung. Und warum sie deshalb etwa in hohen Benzinpreisen eine gravierende Beschneidung ihrer Freiheit sehen und nicht, wie die Europäer, ein sinnvolles Instrument des Klimaschutzes."

    Weil sie noch nicht genauso Gehirngewaschen von sozialistischer propaganda wie Europa ist und sie noch kapieren wie Wirtschaft funktioniert. Achso: Und weil sie ihre Freiheit höher schätzen als alles andere und sie sie auch nicht verlieren wollen (auch wenn das nicht immer klappt). WEnn ich so drüber anchdenke kommt mir das auch gar nicht so blöd vor... Bin ich jetzt Tea Party?

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    aber (meiner Ansicht nach) ein wenig naiv und zu sehr einer Ideologie verhaftet, die in der Gegenwart schlicht nicht mehr funktioniert.

    • Snorrt
    • 04. November 2012 23:38 Uhr

    Ich finde es immer wieder lustig. Glauben Sie wirklich an die Mär vom "Tellerwäscher"? In Amiland kommen auch nur noch die nach oben, die sehr gute Kontakte und/oder Geld haben. Zu behaupten, die Wirtschaft wäre der Heilsbringer erinnert mich an den Galeerensklaven, der sich umschaut und dann meint: "Hey, ich kann wenigstens sitzen, bei der Arbeit."

    Man muss die Zeit nur kräftig zurückdrehen, um ein bisschen Distanz zu bekommen. Der Mensch ist ein Rudelwesen. Am besten funktioniert ein Rudel, wenn alle sich gegenseitig stützen und es keine Cliquenbildung gibt, die andere Ziele als die des Gemeinwohls im Sinn hat. Jetzt raten Sie mal, warum unsere Gesellschaft so "toll" funktioniert. Genau, weil wir nur noch Cliquen haben, die sich einen Dreck um die Allgemeinheit scheren. Jeder ist sich selbst am nächsten und ein rein wirtschaftlich geprägter Gesellschaftsansatz baut eben auch zu sehr großen Teilen auf Wettbewerb.

    Also das klassische Gegeneinander. Nur so kann die Clique ganz oben die da unten gut beschäftigen. Das Spiel läuft nun nach dem Motto Panem et Circensis seit ein paar tausend Jahren, es gibt aber immer noch Bauern, die sich freuen, Knechte zu sein. Oder, im Glücksfall, selbst zu einem Feudalherren zu werden.

    Schade ... ich würde mich ja zur Marsmission anmelden, um meiner eigenen Rasse zu entfliehen, bin aber schon zu alt. Werde wohl als Bauer sterben ;)

    ... und war immer wieder amüsiert, wie linke deutsche intellektuelle Besucher nicht das geringste Interesse für Kunstschätze, Architektur oder Naturschönheiten zeigten. Nein, sie wollten lediglich ihre bereits im voraus gefassten antiamerikanischen Vorurteile bestätigt finden. Erste Frage war: "Wie kommen wir zu den Negerslums?" Wir haben sie dann mit dem Wagen hingefahren, und sie waren sichtlich enttäuscht, dass schwarze Bürger in ganz normalen Siedlungshäusern lebten und ihre Rosen im Vorgarten bewässerten.

  3. ist das diesjährig erschienene Buch "Obamerika" des österreichischen ORF-Auslandskorrespondenten Wolfgang Geier, ein sehr detaillierter und treffender Bericht über das aktuelle gesellschaftliche und politische Leben in den USA.

  4. Amerika hat sicher ein Problem mit Rassismus wie jedes andere Land auch. Aber es hat sicherlich nichts mit der einseitigen Sichtweise auf Obama zu tun. Das Problem ist doch, dass die Gesellschaften grundsätlzich nicht bzw. nur Unzureichend gerecht aufgebaut sind und wenn jemand aus einem anderen Land kommt, der nichts hat ensteht zwangsläufig ein Konflikt mit den Menschen in diesem Land, die auch nichts haben ohne das es die Möglichkeit gäbe den fleißigen systematisch den Aufstieg zu ermöglichen. Man würde das den Ameriikanischen Traum nennen. Aber der existiert nirgendwo - nicht mal in Amerika. Da es diese Möglichkeiten also nicht gibt ist der Vorteil des einen immer der Nachteil des anderen und im Zweifel verliert der, der sich nicht wehren kann. Daher kommt dieser Rassismus besonders Einwanderern gegenüber. Das hat nicht mal unbedingt etwas mit mangelnder Bildung zu tun.

    Obwohl diesen Verirrten mit ihren ihren Verschwörungstheorien mit ihren Bestsellern mehr Bildung bestimmt gut tun würde. Das würde diesen kruden republikanischen Ideen vielleicht auch mal das Wasser abgraben.

    Eine Leserempfehlung
  5. Außerdem wird hier argumentiert, dass Amerika wegen diesem dubiosen Vorwärtsdrang, der wie ich erklärt habe ja nur eingeschränkt gelten kann Weltmacht bleiben wird. Meiner Meinung nach funktioniert dieser eingeschränkt geltende Vorwärtsdrang in Amerika aber genau umgekehrt nur deswegen eben weil Amerika Weltmacht ist und dieses Egotrip nur funktioniert, weil jemand anders auf dem Planeten leiden muss und ausgebeutet wird. Ein anderes Land hätte diese Möglichkeit gar nicht und es kann ja auch nicht sein, dass nach dem Vorbild Amerikas sich alle gegenseitig ausbeuten sollten. Wäre Amerika auf sich allein gestellt und müsste mit seinen eigenen Ressourcen auskommen und haushalten wäre nämlich ganz schnell wieder schluss mit dieser tollen achso modernen Einstellung der Amerikaner.

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    der Amerikaner immer sie würden den Menschen Demokratie bringen, jedes mal wenn sie irgendwo ihre Soldaten hinschicken, weil jemand die Nase voll hat ihr Erfüllungsgehilfe zu sein. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Menschen stürzen die amerikanischen Marionetten, weil sie Mitbestimmung wollen und werden dann als Terroristen hingestellt und abgeschlachtet im Namen der Demokratie. Da muss man sich auch mal überlegen was man glauben will und ob das ganze Gebrüll jenseits des Teichs nicht manchmal auch ganz grosser Müll ist.

  6. aber (meiner Ansicht nach) ein wenig naiv und zu sehr einer Ideologie verhaftet, die in der Gegenwart schlicht nicht mehr funktioniert.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lass mich raten!!!!!!!"
  7. der Amerikaner immer sie würden den Menschen Demokratie bringen, jedes mal wenn sie irgendwo ihre Soldaten hinschicken, weil jemand die Nase voll hat ihr Erfüllungsgehilfe zu sein. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Menschen stürzen die amerikanischen Marionetten, weil sie Mitbestimmung wollen und werden dann als Terroristen hingestellt und abgeschlachtet im Namen der Demokratie. Da muss man sich auch mal überlegen was man glauben will und ob das ganze Gebrüll jenseits des Teichs nicht manchmal auch ganz grosser Müll ist.

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    • Snorrt
    • 04. November 2012 23:38 Uhr

    Ich finde es immer wieder lustig. Glauben Sie wirklich an die Mär vom "Tellerwäscher"? In Amiland kommen auch nur noch die nach oben, die sehr gute Kontakte und/oder Geld haben. Zu behaupten, die Wirtschaft wäre der Heilsbringer erinnert mich an den Galeerensklaven, der sich umschaut und dann meint: "Hey, ich kann wenigstens sitzen, bei der Arbeit."

    Man muss die Zeit nur kräftig zurückdrehen, um ein bisschen Distanz zu bekommen. Der Mensch ist ein Rudelwesen. Am besten funktioniert ein Rudel, wenn alle sich gegenseitig stützen und es keine Cliquenbildung gibt, die andere Ziele als die des Gemeinwohls im Sinn hat. Jetzt raten Sie mal, warum unsere Gesellschaft so "toll" funktioniert. Genau, weil wir nur noch Cliquen haben, die sich einen Dreck um die Allgemeinheit scheren. Jeder ist sich selbst am nächsten und ein rein wirtschaftlich geprägter Gesellschaftsansatz baut eben auch zu sehr großen Teilen auf Wettbewerb.

    Also das klassische Gegeneinander. Nur so kann die Clique ganz oben die da unten gut beschäftigen. Das Spiel läuft nun nach dem Motto Panem et Circensis seit ein paar tausend Jahren, es gibt aber immer noch Bauern, die sich freuen, Knechte zu sein. Oder, im Glücksfall, selbst zu einem Feudalherren zu werden.

    Schade ... ich würde mich ja zur Marsmission anmelden, um meiner eigenen Rasse zu entfliehen, bin aber schon zu alt. Werde wohl als Bauer sterben ;)

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