Afghanistan-AbzugMission erfüllt?
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"Wir sind noch zu schwach"

Die Bundeswehr kam vor acht Jahren nach Faisabad, Ihr Auftrag lautete: Informationen sammeln, Kontakte mit Einheimischen knüpfen, den Wiederaufbau absichern. Gegen das größte Problem in der Provinz Badachschan – den Drogenhandel – durfte sie laut Beschluss des Bundestags nie vorgehen. Stattdessen sind Soldaten Patrouillen gefahren und haben mit örtlichen Machthabern verhandelt. Sie halfen der afghanischen Polizei und Armee »aus zweiter Reihe«: Sie planten Einsätze, schickten unbewaffnete Drohnen und bildeten Sicherheitskräfte aus.

Die machen nun keinen Hehl daraus, wie wenig sie vom Abzug der Deutschen halten. »Es ist zu früh«, sagt ein Geheimdienstmitarbeiter. »Wir brauchen mehr Unterstützung von unserer Regierung«, heißt es bei der Armee. Doch aus Kabul können sie nur wenig Hilfe erwarten. Andere Gegenden des Landes sind viel instabiler; dort wird Geld dringender benötigt. Man ist auf ausländische Geldgeber angewiesen.

»Wir schaffen es nicht, die Region unter Kontrolle zu halten. Wir sind noch zu schwach«, sagt Amanullah Nasari, ein Oberst der afghanischen Polizei. Der kleine, stämmige Mann sitzt in seinem Büro im neuen Teil der Stadt. Vor zwei Jahren wurde es renoviert, doch der Putz blättert schon wieder von den Wänden. Draußen steht die Hitze, Esel schreien. Nasari schwärmt von der Bundeswehr; vor allem von ihren Kampfjets. »Die haben Eindruck beim Feind hinterlassen.« Allerdings kämen schon jetzt immer mehr Rebellen in die Region, die Taliban versuchten, an Einfluss zu gewinnen.

Nicht viel mehr als Gewehre festhalten

Vielleicht, gibt ein deutscher General zu bedenken, habe man die Afghanen zu sehr daran gewöhnt, dass sie keine Verantwortung tragen müssen – die Nato, dachten diese, mache das schon. Rasche Fortschritte wären wichtig, doch in einem internen Papier der Bundeswehr heißt es: »Nach wie vor stagniert das Leistungsvermögen der ANA«, der Afghan National Army. Sie könne »landesweit keine nachhaltige Sicherheit gewährleisten«.

Der General drückt das so aus: Es mangelt an »komplexen Fähigkeiten«. Das heißt? »An allem, was übers Gewehrhalten hinausgeht.« Vielleicht habe der Abzugstermin etwas Gutes. 2014 vor Augen, seien die Afghanen jetzt deutlich motivierter. »Es sind ja noch zwei Jahre.« Doch wie viel können die nach knapp elf Jahren Einsatz noch ausmachen?

Viele Afghanen misstrauen Polizei und Armee. Sie gelten als korrupt, nur selten werden Jobs nach Qualifikation vergeben. Die machen das afghan way, sagen deutsche Soldaten, die mit Afghanen zusammenarbeiten. Und erzählen dann von Polizisten, die mitten in der Nacht Kampfjets anforderten, aber immer die falschen Koordinaten angaben. Von Einheiten, die sich versehentlich fast gegenseitig beschossen hätten, weil sie von den Gefechten der anderen nichts wussten. Von Polizisten, die weder schreiben noch lesen können.

Der Abzug soll nicht in der Zeitung stehen

»Als wir hier angekommen sind, herrschte Steinzeit«, sagt einer, der schon 2005 in Faisabad war. Die Polizisten, die er damals getroffen habe, seien verwahrloste Männer in Sandalen gewesen. Sie trugen weder Uniformen noch Waffen. Es gab keinen Strom, kein Licht, kein fließendes Wasser. Heute hat ihr Hauptquartier weiß gestrichene Wände und einen Rosengarten. Es gibt Trainingscenter und Ausbildungspläne. Checkpoints, Straßensperren, sogar eine Verkehrspolizei. Die verschiedenen Sicherheitskräfte arbeiten zusammen und sprechen sich ab – zumindest manchmal. Es gibt Erfolge in Faisabad. Aber kein Mensch weiß, wie lange sie halten werden, wenn die Deutschen weg sind.

Auf dem Weg zurück ins Lager betrachtet der Kommandeur durch Panzerglas die Marktstraße der Altstadt. Windige Verschläge aus Holz, in denen Gießkannen, Handys und BHs verkauft werden. Männer, die im Schatten der Bäume auf dem Boden sitzen, schauen auf. Kinder, die Getreidesäcke auf Eseln transportieren, winken den Soldaten zu. Der Konvoi rast weiter durch die engen Gassen. Er würde auch gerne mal hier einkaufen, sagt der Kommandeur. Mehr vom Land sehen. Stattdessen ist er fast immer im Feldlager. Nur eine Handvoll Soldaten verlässt noch das Camp. Schon vor ihrem Abzug ist die Bundeswehr für die Afghanen fast unsichtbar geworden.

Der Abzug aus Badachschan sei sinnvoll, so lauten alle offiziellen Statements, weil die Lage stabil sei. Trotzdem hat die Bundeswehr für ihre letzten Wochen in Faisabad zusätzliche Schutztruppen bestellt. Wann genau die Soldaten das Lager verlassen, soll nicht in der Zeitung stehen. Zu groß die Angst, dass Aufständische die Sicherheitslücke nutzen und das Lager angreifen könnten. Das Schlimmste, was beim Abzug passieren könnte, sagt der Kommandeur, wären Verluste. Wenn am Ende noch deutsche Soldaten stürben.

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Leserkommentare
  1. Ich halte die Verallgemeinerung für falsch.
    Es dürfte genug Afghanen geben, die den Abzug gar nicht erwarten können.

  2. "Gegen das größte Problem in der Provinz Badachschan – den Drogenhandel – durfte sie laut Beschluss des Bundestags nie vorgehen."
    Kein Verbot gegen Drogenhandel, sondern ein Verbot, gegen Drogenhandel vorzugehen. Dabei waren es nach offizieller Lesart doch gerade die Taliban, die ihren Widerstand durch den Drogenhandel finanzierten.

  3. ist dort immer zu früh weil sie nicht in der Lage sind sich selbst zu helfen, wenn sie es in 8 Jahren nicht geschafft haben sich selbst zu schützen dann schaffen sie es auch in 80 Jahren nicht...

  4. "Die NATO wird nach ihrem Abzug 2014 eine öffentliche Niederlage in Afghanistan natürlich nicht eingestehen. Man wird mit einem geschickten wording, an dem man schon jetzt im NATO-Hauptquartier arbeitet, erklären, dass man seine Pflicht erfüllt habe und Afghanistan jetzt auf eigenen Füßen stehen könne."(R. Erös)

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-08/afghanistan-taliban

    In 2014 wird man in Afghanistan wieder dort beginnen, wo man 2001 aufgehört hat.

  5. Der große Bruder der passchtunischen Taliban ist Pakistan, und Pakistanis haben eine größere Aufmerksamkeitsspanne als Amerikaner. Außerdem sind die Paschtunen der größte Stamm, da muß man kein Prophet sein, um vorherzusagen, wie die Sache ausgeht.
    Ansonsten haben wir uns vor unseren Bündnisverpflichtungen nur soweit gedrückt, daß man uns nicht aus der NATO rausgeschmissen hat - insoweit mission accomplished. Hoffen wir, daß niemand unsere Verlustzahlen im Verhältnis zur Truppenzahl mit denen der Amerikaner, Briten, Franzosen oder Kanadier vergleicht - sonst kommen die doch noch ins Grübeln.

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