Afghanistan-AbzugMission erfüllt?

Die Bundeswehr schließt ihr erstes großes Feldlager. Für die Afghanen kommt der Abzug zu früh. von Ronja von Wurmb-Seibel

An die mannshohe Steinmauer des Feldlagers in Faisabad sind vier schmale Holztäfelchen geschraubt. Eingraviert sind Deutschlandflagge, Name, Geburtstag, Sterbedatum. Jede Tafel steht für einen deutschen Soldaten. Die ersten drei wurden von einer Sprengfalle getötet, der vierte kam bei einer Nachtpatrouille von der Straße ab und überschlug sich mit seinem Fahrzeug. Eine Gedenktafel verspricht: until the grave mission will be accomplished one day, bis die schwere Mission eines Tages erfüllt ist.

Nun schließt die Bundeswehr in Faisabad ihr erstes großes Lager. Die Deutschen hinterlassen eine Region, in der Rebellen immer wieder Polizisten und Soldaten umbringen; und eine Provinzhauptstadt, in der ein ehemaliger Warlord das Sagen hat. Hat die Bundeswehr ihre Mission erfüllt?

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Ende Juli, halb neun Uhr morgens, knapp vierzig Grad. Oberstleutnant Ralf Blasajewsky streift seine Schutzweste über und steigt in einen gepanzerten Wagen. Abfahrt zum Provinzgouverneur zwecks wöchentlichen Austauschs. Blasajewsky ist Kommandeur, seit Juni der Chef im deutschen Feldlager, zuständig für den Abbau des Lagers und den Abzug der Truppen. Der Kommandeur setzt seine Splitterschutzbrille auf, Gehörschutz rein. Im Ernstfall hilft das kaum, allerdings tritt der nur selten ein.

Badachschan gehört zu den stabilsten Regionen des Landes, Taliban konnten die Provinz nie vollständig erobern. Niemand, der hier war, würde von einem Kriegsgebiet sprechen. Trotzdem kämpfen Armee und Polizei immer wieder gegen Aufständische. Im Mai starben acht Polizisten. Im August wurden vier Afghanen auf dem Weg nach Faisabad von einem Sprengsatz getötet. Vor drei Wochen haben Rebellen zwei afghanische Soldaten umgebracht. Wie stabil also ist Badachschan, wenige Monate bevor sich die Deutschen auf den Heimweg machen?

Blasajewskys Fahrer schaltet den Jammer ein, einen Störsender, der verhindern soll, dass Sprengfallen aus der Ferne aktiviert werden können. Dann verlässt er, flankiert von zwei anderen Wagen, das Lager. Der Konvoi fährt auf einen Weg, der mehr aus Schlaglöchern besteht als aus Kies. Bis vor wenigen Jahren war in Badachschan keine einzige Straße geteert. Die Provinz, etwa so groß wie Dänemark, ist selbst für afghanische Verhältnisse extrem arm. Städte, Märkte, Stromnetze und Wasserleitungen gibt es kaum, viele Gegenden sind nur zu Fuß oder mit Eseln zu erreichen. Mindestens die Hälfte der Fläche ist für die Bundeswehr »graues Gebiet«, das deutsche Soldaten nie betreten haben.

Zu wenige Polizisten und nur alte Waffen

Mehr Spuren hat die Bundeswehr in der Stadt hinterlassen. Mit Höchstgeschwindigkeit, hupend, auf der linken Spur, rast der Konvoi des Kommandeurs durch den neuen Teil Faisabads. Vorbei an türkis gestrichenen Häusern, einer Tankstelle und einer Modeboutique für Frauen. Satellitenschüsseln, solarbetriebene Straßenlaternen. Mit zunehmender Sicherheit kamen auch Investoren nach Faisabad. Vorbei an einem umzäumten Feld, auf dem die Afghanen Buskaschi spielen, ein Reiterspiel ähnlich dem Polo – nur etwas derber. Sieger ist, wer eine tote Ziege ins Tor der gegnerischen Mannschaft zerrt. Buskaschi ist unberechenbar: Nie ist klar, wer gerade zu welcher Mannschaft gehört. Für Afghanen ist es eine alte Tradition, für deutsche Soldaten ein beliebter Vergleich, um die Verhältnisse im Land zu beschreiben: keine festen Teams, nur wechselnde Koalitionen. Und am Ende kämpft ohnehin jeder für sich allein.

Hohe Schutzmauern umgeben den Palast des Gouverneurs in Faisabad. Die Tore bewachen afghanische Polizisten, trotzdem lässt der deutsche Kommandeur seine Personenschützer das Gebäude sichern, bevor er das Zimmer des Gouverneurs betritt. Schah Wali Adeeb grüßt freundlich, aber distanziert. Er könne leider keinen Tee anbieten, Fastenzeit. Der Kommandeur antwortet so, wie er es gelernt hat: »Ich habe volles Verständnis und akzeptiere Ihre Religion.«

Der Gouverneur muss seine Macht in Badachschan mit Faisabads Bürgermeister teilen, einem ehemaligen Warlord. Der ist verstrickt in Korruption und kriminelle Geschäfte und bekannt für eigenwillige Entscheidungen. Vor einem Jahr verübten Rebellen einen Anschlag auf Schah Wali Adeeb, er zögert bei der Frage, ob er an die afghanischen Sicherheitskräfte glaubt. »Wir arbeiten immer noch daran, Rebellen zu integrieren«, sagt er. Aus ehemaligen Taliban sollen Polizisten werden. Aber es gebe »sehr viele Schwierigkeiten«. Die Sicherheitskräfte hätten nicht die richtigen Waffen, nur alte Kalaschnikows. Manche Gewehre seien nach wenigen Schüssen nicht mehr zu gebrauchen. Für jeden der 28 Distrikte in Badachschan gebe es 20 Polizisten. »Das reicht vorne und hinten nicht aus.«

Gehen die Deutschen zu früh? Das will Schah Wali Adeeb nicht sagen. Auch der deutsche Kommandeur nicht. Er raunt stattdessen: »Man kann ja nicht ewig hier bleiben.« Über den Abzug haben Politiker in Kabul und Berlin entschieden, nicht die beiden Männer, die jetzt in schweren Ledersesseln sitzen, einer im beige-grünen Wüstentarn, der andere im dunkelgrauen Anzug. »Die Terroristen warten natürlich auf den Tag, an dem die ausländischen Truppen Afghanistan verlassen«, sagt Shah Wali Adeeb. Und die Bevölkerung habe Angst, dass mit den Deutschen auch NGOs und Investoren verschwinden werden.

Leserkommentare
  1. Ich halte die Verallgemeinerung für falsch.
    Es dürfte genug Afghanen geben, die den Abzug gar nicht erwarten können.

  2. "Gegen das größte Problem in der Provinz Badachschan – den Drogenhandel – durfte sie laut Beschluss des Bundestags nie vorgehen."
    Kein Verbot gegen Drogenhandel, sondern ein Verbot, gegen Drogenhandel vorzugehen. Dabei waren es nach offizieller Lesart doch gerade die Taliban, die ihren Widerstand durch den Drogenhandel finanzierten.

  3. ist dort immer zu früh weil sie nicht in der Lage sind sich selbst zu helfen, wenn sie es in 8 Jahren nicht geschafft haben sich selbst zu schützen dann schaffen sie es auch in 80 Jahren nicht...

  4. "Die NATO wird nach ihrem Abzug 2014 eine öffentliche Niederlage in Afghanistan natürlich nicht eingestehen. Man wird mit einem geschickten wording, an dem man schon jetzt im NATO-Hauptquartier arbeitet, erklären, dass man seine Pflicht erfüllt habe und Afghanistan jetzt auf eigenen Füßen stehen könne."(R. Erös)

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-08/afghanistan-taliban

    In 2014 wird man in Afghanistan wieder dort beginnen, wo man 2001 aufgehört hat.

  5. Der große Bruder der passchtunischen Taliban ist Pakistan, und Pakistanis haben eine größere Aufmerksamkeitsspanne als Amerikaner. Außerdem sind die Paschtunen der größte Stamm, da muß man kein Prophet sein, um vorherzusagen, wie die Sache ausgeht.
    Ansonsten haben wir uns vor unseren Bündnisverpflichtungen nur soweit gedrückt, daß man uns nicht aus der NATO rausgeschmissen hat - insoweit mission accomplished. Hoffen wir, daß niemand unsere Verlustzahlen im Verhältnis zur Truppenzahl mit denen der Amerikaner, Briten, Franzosen oder Kanadier vergleicht - sonst kommen die doch noch ins Grübeln.

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