ChinaBauer und Prinz

Chinas designierter Präsident stammt aus dem Kommunistenadel, der Premierminister wuchs in armen Verhältnissen auf. Die neuen Politiker verkörpern den Wandel Chinas. von 

Wer sind diese beiden Männer, die bald die mächtigsten Chinas sein werden? Die meisten Chinesen kennen ihre Gesichter aus dem Fernsehen, doch über ihre politische Ausrichtung oder gar Vorhaben für ihre zehnjährige Amtszeit erfahren sie so gut wie nichts. Interviews, öffentliche Auftritte, Bürgergespräche stehen nicht im Programm von Xi Jinping, 59, und Li Keqiang, 57, die am 8. November auf dem Parteitag zu den neuen Führern des Landes gekürt werden sollen. Xi, der einer berühmten Politikerfamilie entstammt, wird voraussichtlich der neue Generalsekretär der Partei werden und im März das Amt des Präsidenten übernehmen. Li, Sohn eines Bauern, wird höchstwahrscheinlich der neue Premier.

Xi Jinping wuchs in den fünfziger Jahren so privilegiert auf, wie das in der jungen Volksrepublik nur möglich war. Der Vater war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei und diente als Vizepremierminister. Die Familie lebte in Zhongnanhai, der abgeschirmten Politikeroase in Peking. Doch dann fiel der Vater bei Mao in Ungnade und wurde verhaftet. Die folgenden 15 Jahre galt auch die Familie als konterrevolutionär. Zehn Mal versuchte Xi in dieser Zeit in die Partei einzutreten, zehn Mal wurde er abgelehnt.

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Xi war einer der ersten von Millionen Jugendlichen, die während der Kulturrevolution aufs Land verschickt wurden, »um von den Bauern zu lernen«. In einem Dorf in der Provinz Shaanxi schuftete er an der Seite der Landbevölkerung, schlief wie sie in einer Erdhöhle. Legenden ranken sich um Xis Taten. Einmal soll er sich, beeindruckt davon, dass die Bauern im Nachbardorf mit Schweinedung heizten, dorthin aufgemacht haben und säckeweise Schweinedung zurückgeschleppt haben. Das hatte den Bauern seines Dorfes angeblich so imponiert, dass sie ihn zum Parteisekretär ihrer Arbeitsgruppe wählten und ihm die Empfehlung aussprachen, zu studieren.

Xis Freunde sagen, in dieser Zeit habe er seinen ehrgeizigen, bodenständigen Charakter ausgebildet. Und beschlossen, ein hoher Beamter zu werden, um an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren.

Xis Vater war Mitbegründer der KP und Wirtschaftsreformer

Nach Maos Tod im Jahre 1976 wurde die Familie Xi rehabilitiert. Der Vater regierte die Provinz Guandong, er gilt als einer der Architekten der Sonderwirtschaftszonen, in denen China mit marktwirtschaftlichen Reformen experimentiert. Noch heute genießt er unter Reformern einen guten Ruf, auch, weil man ihm nachsagt, gegen die Niederschlagung der Studentenproteste 1989 auf dem Tiananmen-Platz gewesen zu sein. »Das liberale Image seines Vaters half Xi«, sagt der Politologe Li Cheng von der Brookings Institution. Der Vater verschaffte dem Sohn nach seinem Studium einen Job als persönlicher Sekretär beim Verteidigungsminister, einem guten Freund.

Hier traf Xi eine Entscheidung, die sein politisches Geschick offenbarte: Er bat um eine Versetzung aufs Land, in ein armes Dorf in der Provinz Hebei. Er wusste, dass ehrgeizige Beamte die Ochsentour durch die Provinzen absolvieren müssen. Gleichzeitig konnte er sich sicher sein, dass seine Familie ihn dort nicht versauern lassen würde.

Noch heute profitiert Xi von diesem Schritt. Hilft er ihm doch, den Vorwurf zu kontern, ein verwöhnter Prinzling zu sein. Und daran liegt ihm viel. Er schrieb über seine Erfahrung als Landverschickter und lief in Hebei in einem alten Armeemantel umher. Als man ihm als Parteisekretär in Shanghai eine Dienstvilla zur Verfügung stellen wollte, schlug er dies aus und zog in eine Wohnung. Bis zu seiner Nominierung war er vor allem durch seine Frau bekannt. Sie ist in China eine gefeierte Sopranistin.

Die Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. In Chinas Bevölkerung sind die Söhne und Töchter einflussreicher Beamter und Generäle zunehmend verhasst. Sie dominieren weite Teile der Wirtschaft, weil sie die Privilegien und Kontakte ihrer Eltern zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Während die Aufstiegschancen für das einfache Volk immer kleiner werden, genießt eine winzige Minderheit unvorstellbaren Reichtum: ein Prozent der Chinesen kontrolliert laut Weltbank 41,4 Prozent des Reichtums. Prinzlinge finden sich in fast jeder einflussreichen Familie, selbst in der des scheidenden Premiers Wen Jiabao. Sein Sohn leitet einen der größten Private Equity Funds in China, seine Ehefrau ist im Edelsteingeschäft tätig.

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