Eine der Senkaku-Inseln © Reuters

Es ist der 9. September 2012. Im russischen Wladiwostok treffen sich beim Wirtschaftsgipfel der Pazifik-Anrainer Chinas Staatschef Hu Jintao und Japans Premierminister Yoshihiko Noda. Die Begegnung wird keine zehn Minuten dauern. Die beiden nehmen nicht einmal Platz, der Ton ist kalt, die Atmosphäre angespannt, konfrontativ. Tun Sie es nicht!, warnt der Chinese den Japaner. Dann wendet Hu sich ab.

Zwei Tage später tut Noda es doch: Er nationalisiert drei der zwischen beiden Staaten umstrittenen Senkaku-Inseln; er kauft sie einem japanischen Geschäftsmann ab, dessen Familie die Inseln bis dahin gehörten.

Japans Regierungschef hat damit aus chinesischer Sicht unverzeihlich gehandelt. Mitten im mörderischen Machtkampf vor Beginn des Parteitags in Peking hat er es zugelassen, dass der um seine Nachfolge ringende Hu Jintao vor seinen Genossen und vor aller Welt das Gesicht verliert.

Die Antwort kommt prompt. Überall in China marschieren Demonstranten auf. Sie schwenken Mao-Bilder, auf Transparenten fordern sie die Rückgabe der Senkaku-Inseln, die in China Diaoyu heißen. »Boykottiert japanische Waren, eröffnet das Feuer!« – »Erklärt Japan den Krieg!« – »Selbst wenn China mit Gräbern bedeckt würde, wir müssen alle Japaner töten.« So lauten die Parolen.

Japaner werden auf offener Straße verprügelt. Sushi-Restaurants und japanische Geschäfte schließen. Im September bricht der Handel zwischen Japan und China um 4,5 Prozent ein. Chinesische Kriegsschiffe, die von Übungen im Pazifischen Ozean zurückkehren, ändern ihre Route und fahren demonstrativ an den Senkaku-Inseln vorbei.

Die Japaner reagieren. Ihre Selbstverteidigungs-Streitkräfte kündigen ein Manöver an, bei dem gemeinsam mit den auf Okinawa stationierten US-Marines die Rückeroberung einer unbewohnten, vom Feind besetzten Insel geübt werden soll. Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?

Seit 1895 sind die Senkaku-Inseln in japanischer Hand – fünf mit Gras und Buschwerk bewachsene Inselchen und drei Felsenriffe im Ostchinesischen Meer. Auch wenn die Chinesen heute Dokumente vorlegen, wonach die Inseln schon in der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) chinesisches Territorium gewesen sein sollen, behauptet die japanische Seite, sie seien Ende des 19. Jahrhunderts unbewohntes »Niemandsland« gewesen. Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg kamen die Inseln gemeinsam mit Okinawa unter amerikanische Verwaltung. Sie blieben es, bis die Amerikaner 1972 Okinawa an Japan zurückgaben.

Im selben Jahr nahmen Japan und China diplomatische Beziehungen auf. Die Frage nach dem Status der Inseln, vom japanischen Premier Kakuei Tanaka aufgeworfen, blieb in der Schwebe. Dies wolle man jetzt nicht diskutieren, sagte Chinas Regierungschef Zhou Enlai. Dabei blieb es. Als Deng Xiaoping in den achtziger Jahren Tokio besuchte, schlug er vor, das Problem der nächsten Generation zu überlassen; vielleicht werde sie die Weisheit haben, es zu lösen.

Fast vierzig Jahre währte die stillschweigende Übereinkunft: Lasst uns nicht an ein Problem rühren, für das wir keine Lösung haben. Dann steuert im September 2010 ein betrunkener chinesischer Kapitän seinen Trawler in die Senkaku-Gewässer. Japans Küstenwache nimmt den Fischer fest. Die Regierung will ihn vor Gericht stellen.

In China bricht sich, von der Regierung gesteuert, Entrüstung Bahn. Demonstranten ziehen vor die japanische Botschaft, die Ausfuhr der für Japans Hightech-Industrie unverzichtbaren Seltenen Erden wird gestoppt. Tokio gibt nach, der Kapitän darf in seine Heimat zurückkehren.