Christian Thielemann"Ich bin ja so ein Frecher"

Premiere für einen Stardirigenten: Christian Thielemann lässt sich erstmals durchs Szeneviertel in Dresden treiben. Unterwegs redet er über "die Welt der Normalos", sein Leben als Villenbesitzer – und über seine Begeisterung für die Schlagerbranche. von  und

Ouvertüre: Christian Thielemann, 53, kennt man im Frack im Opernhaus. Seit diesem Jahr ist er Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle . Er gilt als der große Konservative unter Deutschlands Künstlern: Wagnerianer, Scheitelträger, Preußenfan. Nun lässt er sich darauf ein, die Neustadt zu erkunden, Dresdens Kneipenmeile und Alternativviertel – eine Welt, in der ihn sein Publikum wohl eher nicht erwarten würde. Treffpunkt: Goldener Reiter, das Denkmal. 18 Uhr. Thielemann erscheint im Freizeitlook, in Jeans und Pulli.

DIE ZEIT : Würde Richard Wagner, wenn er heute lebte, in ein Viertel wie dieses passen? Als jemand, der subversiv war, ein bisschen rebellisch...

Christian Thielemann: Das könnte sein! Ja, vielleicht würde Wagner heute in der Neustadt wohnen. Aber luxuriös müsste die Wohnung natürlich sein. Denken Sie immer an die Seidenwäsche.

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ZEIT: Die Seidenwäsche?

Thielemann: Na, Wagner, sagt man, liebte Seidenunterhosen. Der wollte den Luxus. Wenn er heute im Szeneviertel lebte, dann vielleicht in einer verborgenen Villa oder in einem sehr luxuriösen Dachgeschoss. Ohne Luxus ging es bei dem nie. Es gibt dieses tolle Zitat, das etwas unverschämt ist, mir aber sehr gut gefällt. Da sagt er: Meine Nerven sind so verfeinert, dass ich das Recht auf Luxus habe. Weil ich der Welt so viel Luxus gebe, mit meiner Musik! Sinngemäß. Heute hätte der es schwer. Es gibt eine Neidgesellschaft. Das ist ein Erbe der 68er.

Autos umtosen ihn, Lkw brummen, die Straßenbahn rattert, das ist das Konzert der Stadt, allein: Thielemann hört es nicht. Ist er in der Neustadt? Nein, in Gedanken. Bei seinem Ärger über die 68er. Diese Generation beschäftigt ihn spätestens seit der Zeit, als er 1988 das Stück »Palestrina« des lange geächteten, weil NS-nahen Komponisten Hans Pfitzner zur Aufführung brachte. Inzwischen wird es an vielen Häusern wieder gespielt, und viele Kritiker sind damit versöhnt. Damals aber war Krieg in den Feuilletons.

Thielemann: Was glauben Sie, für wen diese Deutschtümelei-Debatte die größte Quälerei war? Na, für mich! Ich stamme aus einem bürgerlichen Schlachtenseer Haushalt, in dem einfach – ja – diese deutsch-bürgerlichen Werte vermittelt wurden. Damals gab es noch all diese tollen alten Herren. Einen Karajan, einen Hollreiser, einen Klobučar, einen Stein. Diese ganzen Wagner-Recken. Und dann kam ich, so ein Kleener, Mitte zwanzig, und durfte auch! Ich bekam als junger Fritze die Chance, Wagner zu spielen! Dass ich das natürlich dann nicht mehr hergegeben habe, ist Ihnen ja wohl klar! Schwuppdiwupp war ich in einer Schiene. Und als ich 1988 diese wunderbare Platte Palestrina in die Finger bekam, war ich hingerissen. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Pfitzner überhaupt ist. War mir einfach schnuppe.

Nach wenigen Minuten hält sich Thielemann zum ersten Mal die Ohren zu: Der Albertplatz ist erreicht, ein Krankenwagen fährt vorbei, Sirenengeheul, zu viel fürs feine Gehör. Schauen Sie mal, Herr Thielemann: Hier beginnt das Szeneviertel! Linker Hand ein paar Punks – doch Thielemann erzählt von Londons Kritikern, die seine »Palestrina«-Aufführung bejubelten. Kaum 700 Meter gelaufen, aber schon zwei Jahrzehnte Feuilleton-Aufregung besprochen! Herr Thielemann, wir biegen jetzt in die Alaunstraße ein. Herr Thielemann?

Thielemann: Das Interessante an der ganzen Debatte ist doch, dass Toleranz eigentlich für alle gelten müsste, oder? Aber manche 68er tolerieren nur ihresgleichen. Anderen gegenüber sind die nicht tolerant. Na, da sind wir doch wieder beim Thema.

ZEIT: Der Osten müsste ein Paradies für Sie sein: Von hier stammen bekanntlich keine 68er.

Thielemann: Ja, die gibt es hier nicht. Das ist schön! Wirklich. Es gibt viele Dinge, deretwegen ich mich hier wohl fühle. Diesen ewigen Protest gegen alles und jeden, den kennt man in diesem Teil Deutschlands nicht. Zum Glück wird aber das ganze Land lockerer im Umgang mit sich selbst. Allmählich gibt es immer mehr Geläuterte, die sagen: Wir wollen nun mal gelassener werden. Wir leben doch in einer guten Zeit. Wir haben tolle Möglichkeiten.

ZEIT: Wie gut kannten Sie die DDR?

Thielemann: Ich bin oft im Osten gewesen, als Kind schon. Wir hatten Verwandtschaft in Leipzig. Ich war auch häufig in Ost-Berlin, in der Oper. Ich bin da immer langgetapert.

ZEIT: Wie hat sich das angefühlt?

Thielemann: Na: Toll! Es war doch immer mein Land. Nur auf dem Bahnhof Friedrichstraße fühlte ich mich furchtbar. Dort geht es mir noch heute nicht gut. Weil mich das tief im Innern bewegt: Wie das war, wenn man aus Richtung Wannsee ankam, wissen Sie? Man traf unten ein und ging dann diese Treppen hoch – ich sehe sie noch vor mir, diese Treppen in den Osten. Heute kannst du dort überall Würstchen kaufen. Ich will dort aber keine Würstchen kaufen.

ZEIT: Was haben Sie bei Ihren DDR-Besuchen am liebsten gemacht?

Thielemann: Das war schon das Einkaufen. 85 bis 90 Prozent meines gesamten Notenbestandes zu Hause stammen entweder aus dem Kunstsalon Unter den Linden – oder, noch viel öfter, von Hothan aus Halle. Man musste ja 25 Mark pro Person zwangsumtauschen: Mutter, Vater, Kind – da hatten Sie für jeden Tag dreimal 25 Mark unter die Leute zu bringen! Also sind wir in die Läden, und ich habe Notenblätter gegriffen, wo ich sie nur kriegen konnte: Kammermusik, Quartett, Klaviertrios, Partituren. Himmlisch. Besuche bei der Verwandtschaft waren für mich immer wie Weihnachten. Da konntest du Partituren nehmen, bis der Kofferraum platzt!

ZEIT: Der Osten hat Ihnen also schon früh viel Gutes gebracht!

Thielemann: Der Osten hat mir immer nur Gutes gebracht.

Leserkommentare
  1. ist zwar auch nicht 100% aber unverkennbar größer als im Westen.

    Über dessen ideologischen Grabenkämpfe und Abgrenzungen gesellschaftlicher "Lager" auch im Alltag durch Handlungs-, Lebens- und Denkweise man sich zT. nur wundern kann, werden doch immer wieder eine realistische Sicht der Dinge des Lebens und pragmatische Lösungen für Alltagsfragen verhindert, so Manches wirkt fürchterlich festgefahren.

    Dagegen scheinen im Osten die "Berührungsängste" geringer und die Flexibilität im Miteinander scheint irgendwie doch größer, Hauptsache man hat sich zu den relevanten Dingen etwas zu sagen, da muss man sich nicht auch noch gegenseitig der Zugehörigkeit zur sozialen Kaste "vergewissern".

  2. Das Interview ist sehr gut. Es zeichnet die Tendenz der Persönlichkeit Thielemans, wie sie auch in dem Video, wo er mit Schliengensieff ausgeht, zum Ausdruck kommt, sehr gut wahrnehmbar nach. Ob uns das, was wir da sehen, gefällt oder nicht, muss jeder für sich selbst beantworten.

    Jetzt würde ich darauf brennen, Gespräche in dieser lockeren, aber absolut nicht beliebigen oder gar servilen Stimmung mit Thomas Hengelbrock, Jonathan Knott oder auch Christina Pluhar zu lesen!

  3. Meine Güte! Die Volksmusik, die gebügelten Hemden, die Netzschuhe, der ausländerfreundliche Döner, das Sie-wissen-schon-was, welches man im Heimatdorf nicht tun darf: Wollten/mussten ZEIT-Leser das wirklich wissen?

    Man kann im Übrigen ein tüchtiger oder sogar exzellenter Kapellmeister sein, ohne in anderen Sprachen als der Musik all zuviel Bedeutendes absondern zu können. Q.e.d.

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