DIE ZEIT : Der katholische Bischof von Limburg hat unlängst großen Zorn auf sich gezogen, weil er als Geistlicher allzu sehr an materiellen Gütern hängt. Ihm wird Verschwendungssucht vorgeworfen wegen des pompösen Umbaus seines Bischofssitzes und zuletzt auch wegen eines Flugs nach Indien in der ersten Klasse. Hätte Franz-Peter Tebartz-van Elst gut in Ihr Buch gepasst?

Thomas Druyen: Ich bin Wissenschaftler, kein Richter. Aber so viel sage ich schon: Wenn im Ruhrgebiet die Kirchen schließen, wenn das geistliche Leben verarmt und Seelsorge nicht mehr finanziert werden kann, dann sind solche Nachrichten wie aus Limburg schwer zu ertragen. Aber wir sollten uns nicht an einzelnen Beispielen festbeißen, denn die Scheinheiligkeit hat viel verheerendere Dimensionen.

ZEIT: Man hat den Eindruck, es herrsche Scheinheiligkeit, wohin man sieht. Seien es gedopte Sporthelden wie der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong, sei es der zurückgetretene Verteidigungsminister zu Guttenberg mit seiner erschlichenen Promotion, sei es der gestrauchelte Bundespräsident Christian Wulff mit seinen dubiosen Kontakten zu reichen Gönnern... 

Druyen: Die Beispiele können wir endlos fortführen. Aber entscheidend sind die vielen Arten von Scheinheiligkeit. Da ist erstens die individuelle und manipulative Vortäuschung falscher Tatsachen, das reicht von der Hochstapelei über Plagiate bis hin zum Amtsmissbrauch. Die zweite Stufe betrifft das vorsätzliche Erwecken eines falschen Anscheins. Ob Sie den operettenhaften amerikanischen Wahlkampf betrachten oder die strukturelle Folgenlosigkeit von zwei Billionen Dollar Entwicklungshilfe. In allen Fällen handelt es sich um interessengebundene und kollektive Scheinheiligkeit. Die dritte Stufe hat systemischen Charakter: die Verschuldungs- und Entschuldungsakrobatik der Banken, die Tatsache, dass Nahrungsmittel zu Spekulationsobjekten verkommen, überhaupt die gemeinhin akzeptierte, salonfähige Ungerechtigkeit, dass die Welt in eine Handvoll Profiteure und ein unübersehbares Heer von Almosenempfängern aufgeteilt ist.

ZEIT: Glauben Sie, dass ein Buch gegen all diese Missstände hilft?

Druyen: George Orwells Satz, dass in Zeiten, da Täuschung und Lüge allgegenwärtig sind, schon das Aussprechen der Wahrheit einen revolutionären Akt darstellt, hat mich beflügelt. Die Gier nach Selbstdarstellung und die pathologische Sucht, alles nur aus subjektiven und vorteilbringenden Perspektiven zu betrachten, haben mich abgestoßen. Insofern habe ich vor drei Jahren begonnen, erst einmal die eigenen Standpunkte und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Das war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen.

ZEIT: Was haben Sie als Wissenschaftsautor dabei über sich selbst gelernt?

Druyen: Erst einmal ging es weniger um den Wissenschaftler als um den Menschen. Wie viel Scheinheiligkeit wird vom Einzelnen verlangt, um erfolgreich zu sein? Ich wollte auch die Grenzen des Verantwortbaren ausloten. Dabei stellte sich die Frage, wie wir scheinbar verlorene Werte zurückgewinnen können. Im Zuge dieser Überlegungen bin ich dann auf den Begriff einer »Konkrethik« gekommen, auf die Idee einer konkreten Ethik, die uns nahelegt, das, was wir sagen, auch zu tun. So ist aus meinem Privatexperiment der Selbstprüfung eine perspektivische Analyse geworden.

ZEIT: Glauben Sie tatsächlich, dass es ein erfolgversprechendes Mittel gegen die Scheinheiligkeit ist, sie zu analysieren?

Druyen: Ohne Zweifel. Die Scheinheiligkeit breitet sich epidemisch aus und ist für mich die größte Blase des beginnenden 21. Jahrhunderts. Denken Sie nur an die traurigen Politikergestalten, die sich an jedem Wahlabend nach einer katastrophalen Niederlage auch noch phrasenhaft bei ihren Wählern bedanken. Das ist kaum auszuhalten. Im Zuge der Political Correctness haben sich Sprache und Inhalt voneinander verabschiedet. Die Sprechblasen sind aus den Comic-Heften in die Wirklichkeit gesprungen.