Einen Tiefpunkt dieses ohnehin kaum Flughöhe erreichenden Films markiert die Szene, in der Albrecht Abraham Schuch als Carl Friedrich Gauß und Florian David Fitz  als Alexander von Humboldt gealtert im Gefängnis sitzen und über die Sinnlosigkeit des Daseins räsonieren: Das Leben, ein Nichts. Was war früher schon so los? Anderthalb Stunden lang haben sie bis zu diesem Augenblick die Zuschauer gelangweilt, Zukunft ist keine mehr, im Reich herrscht die Unfreiheit, Gauß wird sterben und Humboldt noch einmal nach Russland und Asien aufbrechen.

Aber dort müssen wir dann nicht mehr dabei sein, denn diese Reise wird sein wie die vorigen, auf die man uns mitschleppte, hinter die Folien einer 3-D-Brille geklemmt und Zeugen cineastischer Sensationen in der Art von kaltherzig lächelnden Jesuiten oder degenerierten Fürsten mit faulen Zähnen – oder von Gelehrtensex, der immer schon nach einer Minute gestört wird, sei es von argwöhnischen Aufpassern oder auch von einer plötzlichen Eingebung, schlechtem Sex, und nach gut zwei Stunden ist dieser Film tatsächlich an sein Ende gelangt.

Dabei hat er doch anscheinend alles richtig gemacht? Er hat eine Menge Geld gekostet. Sein Kameramann war ein internationaler Spezialist des dreidimensionalen Kinos. Es gibt sogar lustigere Szenen darin als jene mit dem in die Hose machenden Humboldt. Auch ist die Liste der auftretenden Jung- und Altstars eindrucksvoll, Sunnyi Melles und Katharina Thalbach , Michael Maertens oder Peter Matic. Sven Regener sagt Hallo, auch Leander Haußmann , Kehlmann selbst und Detlev Buck . Buck als Regisseur kann ja eigentlich kurzweilige Filme machen. Die Optik ist sinnlich, die Versöhnung des Ernsten mit dem Unterhaltenden absolviert. Als Erzähler spricht aus dem Off der Dichter selbst. Vor allem liegt diesem Film ein auf den ersten Blick todsicherer Stoff zugrunde.

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann gehört zu den ganz wenigen echten deutschsprachigen Bestsellern. Er handelt von Humboldts Expeditionen durch die Urwälder Südamerikas und von der Entpuppung des größten mathematischen Genies aller Zeiten, von unbändiger Forscherneugier und krassem Unverständnis der Zeitgenossen. Der Erfolg dieses 2005 erschienenen Romans kam überraschend, aber in der Rückschau war er im Grunde unabwendbar. Er schwamm auf einer Woge des offiziell geweckten Interesses an den Naturwissenschaften, und er platzte mitten in ein von Hans Magnus Enzensberger lanciertes Revival des Reiseschriftstellers Alexander von Humboldt. Kehlmann hatte zwei Helden der wissenschaftlichen Moderne porträtiert, einen Abenteurer der Welterfahrung und einen Abenteurer der konstruktiven Fantasie, beide verschrieben sich dem Ethos der reinen Vernunft, und beide litten sie auf je eigene Weise am Erdenkloß, ihrer leiblichen, den Zeitläuften ausgelieferten Existenz.

Der Romancier war klug genug, das Doppelgestirn nicht in eine biografische Erzählung zu zwängen. Er löste die Existenzen in Szenen auf. Das Buch lebte von seinen pointierten Dialogen, obwohl alles Gesagte nur in indirekter Rede vorkam. Das erzeugte eine lakonische, beinahe Buster-Keatonhafte Komik. Die strenge Wissenschaft in ihrer pompösen Wichtigtuerei, sie tapste wie ein Albatros an den Ufern des Lebens herum. Es war eine bezaubernde Entzauberung und keine kritische Denunziation. Weil sie Genies bleiben und ihre Würde behalten durften, mochten die Leser diese beiden Zausel.

Doch im Film haben die Figuren notgedrungen Gesichter und Stimme. Sie rücken dem Zuschauer viel näher, als es Kehlmanns literarische Technik vorsah. Und leider verheddert sich der Film in alle Fallstricke dieser medialen Übertragung. So werden aus den Hauptfiguren dann doch Karikaturen, Humboldt eine eitle, verklemmte Spaßbremse, Gauß ein früh frustrierter Grantler. Die Schauspieler finden für dieses Problem keine Lösung, um es vorsichtig auszudrücken. Schuch-Gauß irrt ziellos durch ein düsteres, spätmittelalterliches Göttingen , Fitz-Humboldt schnattert sich durchs Dschungelcamp am Orinoko.