HörbuchVerblüffende Präsenz

Gerhart Hauptmanns Romane und Dramen in alten Hörspielfassungen. von Alexander Cammann

An dieser Stelle muss vielleicht einmal in aller Ausdrücklichkeit ein Bekenntnis artikuliert werden, das allerdings den hörbuchneugierigen Leser nicht überraschen dürfte: Der Verfasser dieser Kolumne besitzt einen Hang zu Stimmen und Klängen der Vergangenheit. Damit ist kein banales, rückwärtsgewandtes »Früher hörte sich alles schöner an!« gemeint. Vielmehr geht es um den Reiz des Neuen, das sich im versunkenen Gestern entdecken lässt – allein deshalb, weil es vergessen ist oder wir es nicht mehr kennen, weil ständig das Neue von heute herandrängt und alles Bisherige auffrisst. Es hat also kaum mit Nostalgie, sondern mit Neugier zu tun, wenn man sich alten Monoaufnahmen hingibt. Mono, so etwas hat es tatsächlich gegeben.

Diese Entdeckerlust kann man jetzt weidlich ausleben: Pünktlich zu seinem 150. Geburtstag im November ist eine Box mit Hörspieladaptionen von Theaterstücken und Romanen Gerhart Hauptmanns erschienen. Die sechs Produktionen, klanglich ausgezeichnet renoviert, entstammen allesamt der Glanzzeit des Rundfunks, sie entstanden zwischen 1949 und 1962, als die abendliche Ausstrahlung von Hörspielen noch Straßen leer fegte. Außerdem ist es für Hauptmanns Werk eine Übergangsepoche in der Rezeption: Der 1946 verstorbene Dramatiker ist noch nicht lange tot, seine naturalistische Ästhetik aus der Zeit des Kaiserreichs trifft aber schon auf die deutsche Wirtschaftswundermodernität der fünfziger Jahre – eine reizvolle Binnenspannung, die hörbar ist. Man kann hier mehrere Epochen zugleich erleben. Im Biberpelz (BR 1958) spricht die große Therese Giehse Mutter Wolffen, eine Rolle, für die sie bereits 1949 in München berühmt wurde: berlinernde Cleverness im mühseligen Familienalltag, präzise gezeichnet, in sensibler Nuancierung, ohne theatralisches Chargieren. Phänomenal ist die Aufnahme des Künstlerdramas Michael Kramer (NWDR 1949): Den Kunstprofessor spielt die Schauspielerlegende Albert Bassermann, selbst nur fünf Jahre jünger als Hauptmann und ein Bühnenstar seit dem Kaiserreich; an seiner Seite als Frau Kramer seine tatsächliche Ehefrau Else. Der 82-Jährige ist von atemberaubender Präsenz: vernuschelt und räsonierend, vergrübelt und verbittert, von erschütternder Härte gegen seinen Sohn, den er mit verachtender Ignoranz in den Selbstmord treibt – große Darstellkunst.

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Ähnlich geht es einem auch mit Die Ratten (HR 1950), Fuhrmann Henschel (HR 1962), Die Weber (HR 1952) und Vor Sonnenuntergang (BR 1962): Durch zurückhaltenden Musikeinsatz und sensible Tonregie wird der »alte« Stoff sanft modernisiert, während die Stimmen etwas Zeitloses bekommen – so wie die des 1890 geborenen Heinz Hilpert, dessen männlich knarzendes Organ den älteren Herrn und ausbruchwilligen Geheimrat Matthias Clausen in Vor Sonnenuntergang präsentiert. Diese zum Teil stark gekürzten Hörspielfassungen sind allesamt erstaunlich geglückt – und am überraschendsten ist dabei ihre Frische, obwohl ja die Aufnahmen jahrzehntelang in den Rundfunkarchiven verstaubten. Mal tragisch, mal komisch: So lässt sich im »Zurückhören« tatsächlich ein gut abgehangener Klassiker wie Gerhart Hauptmann noch einmal ganz neu entdecken.

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    • Schlagworte Hörbuch | Hörspiel | Gerhart Hauptmann
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