Agent 007Ist Bond ein Callboy?

Der berühmte Filmagent ist ein noch berühmterer Liebhaber. Jens Jessen über das Verhältnis von 007 zu den Frauen. von 

James Bond ist kein Frauenheld, James Bond ist ein Frauentyp. Das ist ein großer Unterschied – nicht was die Freude am Konsum weiblicher Reize anbelangt, sondern was die Art des Konsums beziehungsweise die Art der Bezahlung betrifft. Er bezahlt nicht. Er verspricht nichts, er verführt nicht, er führt sich nur vor.

Er läuft durchs Bild und lässt sich begehren, manchmal auch besitzen. Selten ist eine Figur der jüngeren Filmgeschichte so ungerechtfertigt einem feministischen Verdacht ausgesetzt worden wie der Geheimagent im Dienste Ihrer Majestät: Nicht dass er ein Softie wäre, aber er ist nun wirklich auch kein Macho, kein Frauenjäger, kein Eroberer. James Bond verhält sich einfach passiv. Manchmal deutet er durch ein Lächeln an, dass er zu haben ist. Manchmal rekelt er sich anzüglich auf einem Bett. Schlimmstenfalls ist er ein Pascha, aber kein bedrohlicher, sondern ein satter.

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Seine Sattheit ist es, die die Frauen anzieht – James Bond hat überzeugend Giacomo Casanovas Diktum zur Anschauung gebracht, dass sich zwei Frauen auf einmal leichter gewinnen lassen als eine allein. Die Konkurrenz der Frauen untereinander erledigt das Geschäft. Als die Bond-Filme noch den Kalten Krieg zur Kulisse im Hintergrund hatten, spiegelte die Konkurrenz der Frauen zugleich die Konkurrenz der Systeme: Beide, der Westen wie der Osten, wollten diesen Körper besitzen.

Ist James Bond ein Callboy? Darüber ließe sich streiten. Jedenfalls war er noch bis vor Kurzem – nämlich bis der Darsteller Daniel Craig eine entscheidende Neudefinition der Rolle vornahm – niemals unglücklich. Nie war er erfolglos verliebt, nie trauerte er einer verlorenen Frau nach. Erst in Casino Royale (2006) trieben ihn Bitterkeit und Verzweiflung ob einer Geliebten um, die ihn womöglich verraten hatte. Die Vollendung seiner Umwandlung – man könnte fast sagen: seiner Menschwerdung – wird aber erst in dem neuesten Film gefeiert. Skyfall zeigt Bond tatsächlich bettelnd und werbend um die Zuwendung und Anerkennung einer Frau. Und diese Frau ist zu allem Überfluss nicht einmal eine potenzielle Gespielin, sie ist seine Vorgesetzte, die Geheimdienstchefin M, eine Art Mutter. Bisher hatte man sich Bond in seiner narzisstischen Unberührbarkeit immer nur als grenzenlos mütterlich verwöhnt, als Muttersöhnchen vorstellen können. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass diese Revolution erst unter der Herrschaft der Bond-Produzentin Barbara Broccoli möglich wurde, einer Frau, die sich (wer weiß) den Agenten endlich gefügig machen will.

Es ist aber nicht die erste Revolution. Eine vorbereitende Umwälzung geschah schon 1995 in GoldenEye, als die Produzentin, kaum angetreten, den Geheimdienstchef in eine Chefin verwandelte, die mit nie zuvor gesehener Strenge von Judi Dench gespielt wurde. Seither war es aus mit der leicht entnervten, aber männerbündlerisch augenzwinkernden Hinnahme von Bonds erotischen Eskapaden. In den Augen von Judi Dench hatten die Abenteuer ihres Agenten etwas entschieden Infantiles. Der Zuschauer konnte ihre Einschätzung teilen, denn Pierce Brosnan, der damals für vier Filme die Titelrolle übernahm, hatte wie schon sein glückloser Vorgänger Timothy Dalton eine entscheidende Eigenschaft verloren: die souveräne Selbstironie, die Distanz zur Rolle, die sieben Filme lang (von 1973 bis 1985) Roger Moore vorgeführt hatte.

Manche Cineasten glauben zwar, dass Sean Connery, der von 1962 an die ersten fünf Bond-Filme geprägt hatte, auch die klassische Figur unüberholbar geformt hat. Und in der Tat war hier schon die erotische Passivität, die Verführung durch bloße Vorführung körperlicher Präsenz, vollendet ausgebildet. Sean Connery provozierte die Frauen allein durch die Souveränität, die er in Schlägereien ebenso wie am Roulettetisch bewies. Aber erst Roger Moore fügte dieser Unerschütterlichkeit das unwiderstehliche Maß an ironischem Desinteresse hinzu. Roger Moore ging nicht in der Rolle auf, er präsentierte sie. Mit jeder Geste, jedem Blick sagte er: Schaut her, hier bin ich und spiele gerade Bond, wie er in tadellos sitzendem Anzug über ein Mäuerchen springt und selbstverständlich kein Fleckchen davonträgt. Roger Moore war als Bond nicht nur seinen Gegnern überlegen, er war auch Bond selbst überlegen – nicht eisern höflich, sondern gut erzogen, nicht eisern elegant, sondern von überlegenem Geschmack, die Verkörperung einer Haltung, die von keinem Schicksal und keiner Frau bezwungen werden kann.

Dass es jede Frau trotzdem versuchen musste, folgt der Logik eines Märchens, in dem die Drachenbezwinger scharenweise herandrängen, um die Hand der Prinzessin zu gewinnen. Nur dass in diesem Fall die Prinzessin Roger Moore war.

Man könnte die These wagen, dass die wahrhaft revolutionäre Umdeutung des Geschlechterverhältnisses in jenen Bond-Filmen mit dem Darsteller Roger Moore stattfand. Was Barbara Broccoli heute mit Daniel Craig vollführt, wäre dann nur die Übersetzung des märchenhaften Rollentausches in realistische Psychologie, also ein Sturz aus dem Himmel in den Alltag.

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Leserkommentare
  1. Na dann sollte der Autor sich noch mal mindestens einen Film genauer angucken. Vor Daniel Craig.

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    Er trauert sehr wohl um seine tote Frau. ;-)

    Für mich war Pierce Brosnan der beste Bond
    Vielleicht ist aber mit Craig auch noch was anzufangen :-), wenn er in Zukunft nicht so supercool ist

  2. Er trauert sehr wohl um seine tote Frau. ;-)

  3. Für mich war Pierce Brosnan der beste Bond
    Vielleicht ist aber mit Craig auch noch was anzufangen :-), wenn er in Zukunft nicht so supercool ist

    • hairy
    • 02. November 2012 11:03 Uhr

    auf die letzten 2 Wochen gerechnet, in der ZEIT? der vierte fünfte? Tut mir leid, liebe Redaktion, aber muss das sein? - grad wenn ein neuer Bond anläuft, der natürlich ein hauptsächlich großkommerzielles 'event' ist.

  4. ...und daniel craig hat nur noch die lizenz zum einkauf mit electroauto im bio-markt -> uebriggeblieben ist nur noch die figur eines politisch-korrekten, frauenverstehenden veganers... :-)

    cheers

  5. <em>Nur dass in diesem Fall die Prinzessin Roger Moore war.</em>

    drollig :)

  6. Jetzt bekommen wir also tagtäglich irgendeinen wenig- bis nichtssagenden Artikel zum Thema James Bond. Ganz besonders schrecklich die angebliche Filmplakate-Fotoserie gestern. Was soll uns das sagen, geben, helfen? Am Ende geht mir das so auf die Nerven dass ich das Interesse an Skyfall verliere ... Gibt es einen bestimmten Grund?

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  • Schlagworte Film | James Bond | Bond-Girl
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