Barbara BroccoliBonds Chefin

Sie bestimmt den Hauptdarsteller, die Story, das Girl. Die wahre Vorgesetzte des Geheimagenten 007 ist nicht die mysteriöse Filmfigur M, sondern die sehr leibhaftige Barbara Broccoli. Unsere Kinoredakteurin Katja Nicodemus traf die mächtigste Hollywood-Produzentin der Welt, deren neuer Bond "Skyfall" jetzt startet. von 

Barbara Broccoli und ihr Bond-Darsteller Daniel Craig

Barbara Broccoli und ihr Bond-Darsteller Daniel Craig  |  © STEPHEN HIRD/AFP/Getty Images

Das Gespräch mit der wahren Chefin des britischen Geheimagenten James Bond findet in London statt. Hier wohnt sie. Hier ist der Sitz ihrer Firma EON Productions Ltd., mit der sie die 007-Filme produziert. Die 52-jährige Barbara Broccoli gibt nur selten Interviews, schon gar nicht längere. Sie ist der Meinung, die Bond-Filme und deren Schauspieler sollten im Mittelpunkt des Interesses stehen, nicht die Produzentin.

Ist es die Autorität von Barbara Broccoli? Jedenfalls fängt der PR-Agent, der die Interviewerin durch die Flure des luxuriösen Londoner Hotels The Dorchester zu ihr führt, schon im Erdgeschoss vor dem Aufzug an zu flüstern. Als Mrs. Broccoli dann durch die Tür tritt, wirkt sie tatsächlich ein wenig einschüchternd: aufrechter Gang, schwarzes Kleid von strenger Eleganz, ruhig fixierender Blick und nicht einmal der Anflug eines Lächelns. Ganz selbstverständlich nimmt sie das kleine zweisitzige Sofa allein in Beschlag. Die Frage steht im Raum, ob so der zur zweiten Haut gewordene Selbstschutz einer der mächtigsten Frauen der Filmindustrie aussieht, da sagt Barbara »Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir rüber. Es ist zwar ein bisschen eng, aber so haben wir wenigstens das Gefühl, kein Interview zu führen, sondern zusammen Eisenbahn zu fahren.«

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DIE ZEIT: Mrs. Broccoli, schon Ihr Vater war Produzent der James-Bond-Filme. Wie wächst man mit 007 auf?

Barbara Broccoli: Ich dachte früher immer, er sei eine real existierende Person. Mein Vater und meine Mutter sprachen ständig über ihn. Wenn sie mit uns Kindern beim Abendessen zusammensaßen, begannen ihre Sätze so: »Glaubst du, Bond würde diesen Wein trinken?« Oder: »Ich glaube, es passt besser zu Bond, wenn er sich nicht zu lange prügelt.« Oder: »Ich habe mit Sean« – gemeint war Connery – »noch mal über Bond gesprochen.«

ZEIT: Wie haben Sie ihn sich denn vorgestellt? Als flamboyanten Cousin? Als exzentrischen, exotischen Onkel?

Broccoli: Ja, als eine Art Onkel, der weit weg lebt und ein sehr aufregendes Leben führt, uns aber leider nie besucht. Nicht einmal zu Weihnachten.

ZEIT: Wann haben Sie entdeckt, dass Bond gar nicht existiert?

Broccoli: Als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es war, wie wenn man herausfindet, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.

ZEIT: Die Rechte an der James-Bond-Filmfigur gehören bis heute Ihrer Familie, dem Broccoli-Clan. Sie selbst sind sozusagen James Bonds Verwandte. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu 007 beschreiben? Mütterlich? Schwesterlich?

Broccoli: Wohl eher als mütterlich. Seit 1961 besaßen mein Vater und sein Partner Harry Saltzman gemeinsam die Filmrechte an Ian Flemings Romanen und Kurzgeschichten, auf denen James Bond basiert. Für die Verfilmungen mussten sie United Artists mit ins Boot nehmen. Das Studio durfte die Bond-Filme finanzieren, vermarkten und verleihen, aber die inhaltliche und künstlerische Kontrolle blieb bei uns. Und zwar bis heute. Meine Familie hat Bond als Filmhelden sozusagen zur Welt gebracht und aufgezogen. Aber wie das bei einem Kind so ist: Man muss auch akzeptieren, dass es hinausgeht in die Welt. Dass es sich verändert, ein Eigenleben entwickelt.

ZEIT: Ihr Vater starb 1996. Seitdem führen Sie und Ihr Halbbruder Michael G. Wilson die Bond-Geschäfte. Wie und wann hat Ihr Vater Ihnen dieses Erbe übergeben?

Broccoli: Im Jahr vor seinem Tod, bei den Vorbereitungen zu GoldenEye. Er war schon sehr krank. Er sagte: »Ihr habt da ein Huhn, das goldene Eier legt. Vermasselt es nicht!« Er sagte: »Ihr werdet auch Fehler machen. Aber macht die Fehler selbst, anstatt sie anderen zu überlassen.«

ZEIT: In der Wirklichkeit der globalen Unterhaltungsindustrie sind Sie als Produzentin ungefähr das, was Bonds Chefin M für den britischen Geheimdienst ist: Genau wie M schicken Sie Bond auf neue Missionen, gehen mit ihm Risiken ein und beschützen ihn, wenn es nötig ist.

Broccoli: Der Vergleich ist gar nicht so übel. Denn wir beschützen Bond tatsächlich. Wir halten den Standard der Produktionen so hoch, wie er von Anfang an war. Aus der Wahl der Darsteller machen wir eine regelrechte Philosophie. Mein Vater pflegte zu sagen, dass die Figur James Bond größer sei als ihre Darsteller. Deshalb braucht man Schauspieler, die in der Lage sind, die Figur nicht ganz und gar »auszufüllen«, die ihr eine Eigenexistenz lassen. Und wir wachen mit großer Sorgfalt über das, was Bond kann, und über das, was er nicht kann. Über das, was seinem Image zuträglich ist, und das, was ihn zerstören könnte.

Leserkommentare
    • TDU
    • 05. November 2012 14:29 Uhr

    "Frauen sind als Produzentinnen besonders geeignet." Wozu eigentlich nicht?

    Und wenn Bond immer entsprechend seiner Generation ist, dann vermisse ich vermutlich deswegen Eleganz und einfach Humor, der nicht nach allen Seiten austariert ist. Dazu die "moralsierende, wie eine Klostermutter dreinschauende Chefin, Action bis zum geht nicht mehr und ein Agent ohne Eigenständigkeit.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/kvk

  2. Frau Broccoli hört sich sehr aufgeklärt an! und jemand der quasi mit der Figur Bond aufgewachsen ist, bringt auch das nötige Gefühl für den Charakter mit! Ich möchte Skyfall sehr gerne!

  3. 4. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/mak

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