DopingJan Ullrich – reden Sie!

Nur Geständnisse können die dunkle Ära des Radsports wirklich beenden von 

Einer der größten Betrüger der Sportgeschichte ist endgültig überführt, gestürzt, bestraft. Der Radsport-Weltverband UCI hat Lance Armstrong, dem erfolgreichsten Radfahrer aller Zeiten, seine sieben Tour-de-France-Siege und alle Titel seit 1998 aberkannt und ihn lebenslang gesperrt. Zuvor hatte der herrische Texaner seine wichtigsten Sponsoren verloren; zu übermächtig waren die Beweise in dem 1000-seitigen Dossier der amerikanischen Antidopingagentur. Und doch will sich ein Gefühl von Genugtuung, Erleichterung oder gar Erlösung nach all den Jahren voller Lügen nicht einstellen.

Das hat verschiedene Gründe. Es hat lange, zu lange gedauert, bis der König endlich fiel. Von Anfang an standen Armstrongs Erfolge in einer seit je dopingverseuchten Sportart unter Verdacht. Spätestens im Jahr 2005 wurde daraus Gewissheit, als er rückwirkend überführt wurde, bei der Tour von 1999 gedopt zu haben. Aber schon damals konnte er nicht mehr belangt werden, und nun, sieben Jahre nach seinem letzten Tour-Sieg, ist man der Zermürbungsgefechte zwischen Dopingfahndern und Anwälten längst überdrüssig. Hinzu kommt die Verlogenheit der obersten Radsportfunktionäre. Bis zuletzt standen der UCI-Präsident Pat McQuaid und sein Vorgänger Hein Verbruggen unerschütterlich zu Armstrong, der im Gegenzug den Verband mit großzügigen Spenden bedachte. Erst jetzt, da der Sportler selbst auf weitere Lügen verzichtet, machen sie ihn zum alleinigen Sündenbock einer schmutzigen Dekade: »Er hat es verdient, vergessen zu werden.« Kein Wort davon, dass erst die laxe Haltung der UCI in Dopingfragen, ihre Abhängigkeit vom und ihre Schützenhilfe für den Betrüger dessen System funktionsfähig hielt.

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Schließlich bleibt auch nach dem großen Kehraus das Gefühl von Vergeblichkeit: Armstrong ist ertappt, doch gedopt wird nach wie vor – vielleicht nicht mehr so exzessiv wie früher, vielleicht aber auch nur geschickter. In vielen Radsportnationen fehlen selbst nach allen Skandalen der Wille und die Mittel zu einer hartnäckigen Verfolgung von Dopingbetrügern. Publikum, Sponsoren, auch die Politik brauchen für ihren Gefühlshaushalt und ihre Geschäfte nationale Helden, egal, mit welchen Mitteln diese ihre übermenschlichen Leistungen erbringen.

Doch was am meisten fehlt, um in diesem Sumpf endlich ein Gefühl der Katharsis zu spüren, ist ein offenes Wort der Haupttäter. Obwohl überführt, gibt Armstrong nichts zu, genauso wenig wie Jan Ullrich, in all den Jahren sein größter Rivale. Öffentlich ausgepackt haben bislang vor allem Fahrer aus der zweiten Reihe wie der Schotte David Millar, der in seinem eindrucksvollen Buch Vollblutrennfahrer sein Leben als Abhängiger – vom Sport, vom Ruhm, von Dopingmitteln – beschreibt und sich gleich zu Beginn »schuldig« bekennt. Aber er erzählt auch, warum das Geständnis so schwerfällt: »Ich werde alles verlieren: meine Karriere und meinen Sport, das Haus, das Auto, mein Ansehen, das Geld, den Lebensstil.«

Deshalb werden weitere Geständnisse durch Armstrongs tiefen Fall eher noch unwahrscheinlicher werden. Dem Amerikaner droht nach dem sportlichen auch der finanzielle Ruin: Er wird Preisgelder und Bonuszahlungen in zweistelliger Millionenhöhe zurückgeben müssen. Im Reich der Sportgerichtsbarkeit gibt es für geständige Dopingsünder Kronzeugenregelungen mit Strafnachlässen. Doch Spitzensportler sind auch Unternehmer, und der Kapitalismus gewährt keine Amnestie. Deshalb schweigt auch der überführte Doper Ullrich seit Jahr und Tag – aus Angst, alles zurückzahlen zu müssen, was er im Laufe seiner Karriere zusammengestrampelt hat.

Man muss kein Mitleid haben mit einem, der darauf beharrt, niemanden betrogen zu haben, weil er umgeben war von Betrügern. Doch es ist verständlich, wenn ein immer noch junger Mensch, der kaum etwas anderes gelernt hat, als auf einem Rad zu sitzen, die Früchte seiner Arbeit durch Schweigen zu retten versucht.

»Mir ist es egal, alles zu verlieren«, schreibt David Millar über den Moment, in dem er von der Polizei verhört wird. »Ich werde frei sein. Eine Offenbarung.« Einen solchen Befreiungsschlag wünscht man sich in Deutschland von und für Jan Ullrich. Nun kann man die Unternehmen, die ihn bezahlt haben, nicht zwingen, im Gegenzug für rückhaltlose Aufklärung auf Regressansprüche zu verzichten. Doch die Geldgeber stehen für die dunklen Jahre des Radsports in der Mitverantwortung, weil sie im Rausch der großen Erfolge von den schmutzigen Details des Gewerbes trotz aller belastenden Indizien nichts wissen wollten. Nun könnten sie ihren Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten, indem sie nicht alle Schuld allein dem gefallenen Nationalhelden aufbürden. Sie sollten ihm – und der gleichfalls betrogenen Öffentlichkeit – eine Aufarbeitung der Vergangenheit ermöglichen, ohne seine Existenz vollends zu vernichten. Erst dann wird dieses dunkle Kapitel des Sports zu Ende sein.

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Leserkommentare
  1. ach nee, haben sie ja schon:

    "Franz Beckenbauer berichtete 1977 im Stern über seine Eigenblut-Praktiken, die unbedenklich seien, verglichen mit dem, was sonst ablaufe: »Medizinisch ist heute in der Bundesliga praktisch noch alles erlaubt, was den Spieler zu Höchst- und Dauerleistung treibt. Es wird gespritzt und geschluckt … "

    http://sz-magazin.sueddeu...

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  • Schlagworte Jan Ullrich | Doping | Doping-Skandal | Lance Armstrong
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