Jean AméryDie Vielen und ihr Eigentum

Warum will der Mensch haben? Warum wird es die eigentumslose Gesellschaft nie geben – selbst wenn das Immermehr die Welt in den Untergang führte? Ein Essay von Jean Améry

Man holt die Beispiele von dort her, wo das Leben sie einem am aufdringlichsten zutrug.

Ich lag in Einzelhaft, gekleidet in ein Sträflingsgewand. Das Haar war kahlgeschoren. Kein Gürtel hielt die Hose. Die hohen Schuhe standen mangels verschnürender Riemen klaffend offen. Der Löffel wurde mir mit dem Blechnapf zweimal täglich in die Zelle gereicht und zehn Minuten danach wieder abgenommen. Nichts war, was mir gehörte: Da entdeckte ich das Eigentum. Mit dem Geringen, das ich vorher besessen hatte, war auch meine Identität verloren. Denn: »Ich« – das war, wie ich erfuhr, am Ende nicht nur mein Leib, den die Hautoberfläche eingrenzte, sondern auch, was dieser Leib auf sich trug: Haar, Kleid, Schuh. Es war sogar noch mehr, so die mir »eigentümliche«, nur mir gehörige Geste, mit der ich ein Päckchen aus der Tasche holte und mir eine Zigarette anzündete.

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Zu mir gehörten eine Anzahl von Gebärden und Gewohnheiten, die ihrerseits nur durch ein ganz bestimmtes »Eigentum« möglich waren. Mit diesem hatte ich mich selber verloren, fremd starrte mir, wenn der Zufall mich in einer Fensterscheibe mein Spiegelbild erblicken ließ, ein kahler, gebärdenloser Sträfling, ein Nichts entgegen. Das, was man in der Phänomenologie den »phänomenalen Raum« der Person nennt, war zerstört. Dem Einzigen, der ich war, hatte man sein Eigentum und damit seine Einzigkeit genommen.

Ein Häftling besaß noch Schuhe, der andere einen Löffel

Es dauerte nur ein paar Monate. Alsbald kam ich aus der Zelle in die »Stube«, den Gemeinschaftsraum der aus politischen Gründen Inhaftierten. Und dort war es eine andere Art von Eigentum, deren ich mir bewußt wurde. Wir waren in diesem Raum weniger arm als vordem in Einzelhaft. Einer besaß ordentliches Schuhwerk, ein anderer hütete eifersüchtig ein paar selbstgeschnitzte Löffel, einem dritten gelang es auf rätselhafte Weise, sich ständig mit Brotkanten illegitimer Herkunft zu versorgen. Und in wilder bösartiger Leidenschaft neidete man einander, was man besaß: Ich kann nicht sagen, daß ich selbst frei war von diesem so quälenden wie beschämenden Gefühl.

So kam es, daß ich mich manchmal zurücksehnte in die Zelle und den Zustand der totalen Eigentumsfreiheit. Dort war ich mit meinen Nachbarn, die ich durch Klopfzeichen kannte, Bruder unter Brüdern gewesen, in ungebrochener Solidarität. Hier, in der »Stube«, war schon das Eigentum im Begriff, uns zu korrumpieren und moralisch zu zerstören.

Seither ist viel Zeit hingegangen. Oftmals aber habe ich noch Gelegenheit gehabt, dem Erfahrenen nachzudenken. Heute ist mir klar, daß ich in jenen Tagen die Grundkontradiktion des Eigentums erlebt habe: Wir sind nichts, wenn wir unsere Hautoberfläche nicht überschreiten können, indem wir das, was uns gehört, aus bloßem Besitz zu einem Eigentum machen, das schließlich Eigentümliches wird. Das gleiche Eigentum aber, da wir es doch der »Welt« (was nichts anderes heißen kann als: den Mitmenschen) entreißen, macht uns den anderen zu ihren Gegen-Menschen. Jegliches Eigentum, seien es nur ein Paar Schuhe, ein primitives Handwerkszeug, ein Stück Brot, kann grundsätzlich in bestimmten Situationen uns den anderen, da dieser es für sich haben möchte, als den Feind erleben machen, und uns ihm als den Widersacher, der ihm etwas vorenthält.

Leserkommentare
    • Xdenker
    • 31. Oktober 2012 19:10 Uhr

    Tiere können nur überleben, wenn sie es schaffen, überlebenswichtige Ansprüche gegen eine potenziell oder manifest feindliche Umwelt durchzusetzen, sich also "Güter" einzuverleiben und anzueignen. Der Überlebenswille ist m.E. der Kern des menschlichen Strebens nach Eigentum, aber auch nach Prestige, Macht oder gar Selbstverwirklichung. Und auch eine Gemeinschaft, die nur Gemeinschaftseigentum kennt, kann nur überleben, wenn sich die Gemeinschaft für das Gemeinschaftseigentum einsetzt. (Da Individuen naturgemäß dazu tendieren, sich zunächst um sich selbst zu kümmern - wer schon das nicht schafft, kann sich auch nicht um andere kümmern - sind Gesellschaften, die sich primär auf Gemeinschaftseigentum gründen, in der Regel denen unterlegen, die primär auf das Streben der Menschen nach persönlichem Eigentum setzen.)

    • Varech
    • 31. Oktober 2012 19:51 Uhr

    ... dieses Artikels kann jeder nochmal versuchen, sich vorzustellen, was man eigentlich kleinen Kindern antut, die über ewig lange Stunden "kollektiv" in Aufbewahrungsanstalten und in in allen Sinnen besitzlosem Zustand in Verwahrung gehalten werden.

    2 Leserempfehlungen
  1. Ein kluger Text, der die inneren Widersprüche unserer wunderbaren Gesellschaft klar auf den Punkt bringt.
    Innerhalb der heutigen medialen Erzeugnisse, die weniger analysieren, sondern mehr mit Harmoniesoße zukleistern, wirkt er wie ein Fremdkörper.
    Erstaunlich und gleichzeitig schön, dass auch mal wieder was Kluges veröffentlicht wird.

    4 Leserempfehlungen
  2. habe ich schon im Kindergarten indentifiziert.
    Kulturell überhöht, durch das Streben moderner Eltern.
    Passend dazu auch, dass zusätzliche Streben nach äußerlicher Perfektion ,vor allem bei Frauen U-40. (vergl. Zeit Dossier heute im Druck)
    Jede fünfte Patientin bei Brust-OPs ist heute U18 und wird womöglich noch durch die Kassen aufgrund unplausibler psychischen Leiden alimentiert.
    Dann doch lieber Streben nach EIgentum

    • memoe
    • 31. Oktober 2012 21:15 Uhr

    ist dieser Artikel, wie man ihn selten findet in der heutigen Medienwelt. Danke!

    Er regt zum Denken an, auf ehrliche Weise und ohne aufdringlich sein zu wollen.

    Ich finde den Gedanken interessant, dass Besitz eine Erweiterung des Körpers ist. Die Frage, die sich für mich stellt, ist, ob es dann zwei Arten von Besitz gibt, nämlich den, den wir mit unserer "Energie" auszufüllen vermögen, und der damit Teil unseres Körpers wird, und toten Besitz, den wir vielleicht am besten so schnell wie möglich loswerden sollten, da er uns zur Last wird?
    Raubt uns andererseits der Besitz materieller Dinge Kraft, die wir besser für anderes zur Verfügung haben sollten, so wie das uns im Grunde genommen alle Religionen lehren?
    Und wo ist da das persönliche Limit?

    Aber die Grenzziehung zwischen mein und dein beinhaltet wohl immer Konfliktpotenzial, ja.

    Sehr spannend.

    Eine Leserempfehlung
  3. 6. Danke!

    Danke für den Abdruck dieses Artikels - es war gar nicht so sehr ein Lesen, sondern eher wie das Gefühl, einer sehr klugen Denkbewegung zu folgen.

  4. Es gibt das persönliche Eigentum: mein Garten, mein Einfami-lienhaus, meine Bibliothek, meine Musiksammlumg......
    und das Eigentum an Produktionsmitteln, das die Ausbeutung
    von Angestellten einschließt.
    Die alten englischen Philosophen definierten den zugelassenen
    Garten so groß, daß man ihn selbst ohne automatische Hilfsmittel bearbeiten konnte, also etwa 1000qm.
    Deutlicher kann man es nicht sagen!!!

    2 Leserempfehlungen
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    • dp80
    • 01. November 2012 0:37 Uhr

    Die Unterscheidung von persönlichem Eigentum und Eigentum an Produktionsmitteln ist ein guter Einwand.

    Ich finde nebenbei auch, dass "Eigentum als Erweiterung des Körperlichen" nur auf jenes Eigentum zutrifft, das mir ans Herz gewachsen ist. Meine ausgelatschten Lieblingsschuhe beispielsweise.

    Gleiches gilt auch für Produktionsmittel: Wenn ich als Chef mit stolz geschwellter Brust durch die Fabrik laufe und auf mein Lebenswerk zurückblicke, empfinde ich das Eigentum als Teil von mir. Nicht hingegen, wenn ich anonym Aktien besitze; bei diesen geht es dann doch eher um befürchteten zukünftigen Mangel, dem ich mit Renditechancen bzw. Spekulation entgegenwirken will.

  5. Das Bedürfnis nach Eigentum psychologisch deuten zu wollen, ist sicherlich kein zielführender Erklärungsansatz.

    Mit dem Eigentum ist es recht einfach. Um Werte, Ziele und Überzeugungen jedweder Art verwirklichen zu wollen, braucht man äußere Mittel. Durch Rechte - wie das Eigentum - wird definiert, wem die Verfügungsgewalt über äußere Mittel im Konfliktfall zusteht.

    Und da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder diese Rechte gehören als privates Eigentum jedem selbst, er kann mit dem Eigentum seine eigenen Werte, Ziele und Überzeugungen leben und unsere Gesellschaft wird bunt und vielfältig. Oder die Rechte an Mitteln gehören dem Staat. Dann gibt der Staat einheitlich vor, welche Werte, Ziele und Überzeugungen gelten und unsere Gesellschaft wird monoton, gleichförmig und ungefähr so, wie sie jetzt ist.

    Nun ist die tolle Idee: Jaja, der Staat soll schon das Eigentum an allen relevanten Kulturgütern und die Bildungs- und Erziehungsmaschinerie haben, aber wir machen den Staat dafür demokratisch. Doch leider ist Demokratie kaum mehr, als ein geordnetes Verfahren, mit dem ein Filz aus Parteifunktionären sich innerhalb der Staatlichen Institutionen für immer einnistet und deren Macht dann immer weiter ausdehnt. Und zum anderen gilt in einer Demokratie immer das Prinzips des Konsens: Währen verschiedene Privateigentümer mit ihrem Eigentum ein Leben nach eigenen Überzeugungen führen, gilt für das Kollektiveigentum das Konsensprinzip und deshalb Opportunismus und Unsinn.

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    • Xdenker
    • 31. Oktober 2012 23:50 Uhr

    sind, wenn ich es richtig verstanden habe, das Thema des Artikels, nicht der rechtliche Aspekt. Weil dieses Bedürfnis/Streben offenbar als höchst menschlich angesehen wird (nennen Sie's ruhig "psychologisch", obwohl "wesensmäßig" angemessener wäre), gilt das Recht auf Eigentum folgerichtig auch als Menschenrecht.

    Sie unterstellen, dass es grenzenloses (zumindest habe ich das so verstanden) Privateigentum braucht, um Freiheit zu verwirklichen, und wir andernfalls in einem sozialistischen Einheitsstaat enden.

    Nun, ich gebe Ihnen teilweise Recht, weil die derzeitige Lage mit der Monopolgewalt des Staates, insbesondere in Verknüpfung mit der kapitalistischen Maschinerie, unerträglich ist. Gleichzeitig würde ich aber bestreiten, dass kollektives Handeln per se schlecht sein muss: Erstens ist auf dieser Erde nur eine begrenzte Menge an Rohstoffen und Gütern vorhanden, allein daher darf eine gewisse Koordinierung nicht ausbleiben - welche Form diese annimmt, darüber ließe sich mit Sicherheit reden. Zweitens, der primär nach Eigentum strebende Individualismus ist kein echter Individualismus - dabei versucht das Individuum nicht, sich zu verwirklichen, sondern möglichst viele Waren anzusammeln; das ist die derzeitige Lage.

    Ich sehe, dass Eigentum an sich nicht unbedingt schlecht sein muss. Jedoch benötigen wir, allein schon aus rationalen Beweggründen, ein anderes Verhältnis dazu. Die Selbstverwirklichung eines Menschen sollte, nein: darf nicht primär in der Ansammlung materieller Güter bestehen.
    Und: Kollektivhandeln muss, wie gesagt nicht schlecht sein. Der Mensch ist nun einmal ein soziales Wesen; ich persönlich hätte übrigens kein Problem damit, bspw. mein Auto mit anderen zu teilen bzw. daran Gemeineigentum einzuführen - dass Gleiches nicht für Zahnbürsten gilt, dürfte logisch sein.

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