Hamburger Kaufleute, so heißt es, spannen den Regenschirm auf, sobald in London ein Schauer niedergeht. Vielleicht sollten deutsche Ärzte und Politiker wenigstens einmal in Richtung London schauen. Denn dort braut sich etwas zusammen, das sich hierzulande als bioethisches Unwetter niederschlagen könnte. Allen Ernstes verhandeln Wissenschaftler, Ethiker und Politiker seit dem Frühjahr darüber, ob demnächst Eingriffe in die Keimbahn erlaubt werden sollen. In der Keimbahn entstehen Ei- oder Samenzellen. Manipulationen an dieser Stelle können an die Nachkommen vererbt werden. Es geht nicht um Tiere, sondern um erbliche Veränderungen menschlicher Gene aus medizinischen Gründen.

Im Zentrum der britischen Debatte stehen zwei experimentelle Fortpflanzungstechniken. Sie sollen zur Verhinderung sogenannter mitochondrialer Erkrankungen beim Nachwuchs dienen, aber auch zur Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen. Schätzungsweise eines von 200 Neugeborenen hat genetisch defekte Mitochondrien von der Mutter geerbt. Mitochondrien sind lebenswichtige Bestandteile unserer Zellen, zuständig für die Energieversorgung und ausgestattet mit eigenem Erbgut. Sie werden bei der Zeugung nur über die mütterliche Eizelle weitergegeben. Bei einem von 5.000 Kindern ist der Schaden so gravierend, dass eine von zahlreichen Erkrankungen entsteht. Manche davon können tödlich sein. Häufig sind das Gehirn, die Augen und die Muskulatur betroffen. Heilbar sind diese Leiden nie.

Seit Jahren erkunden Forscher zwei Techniken, die eine Weitergabe defekter Mitochondrien verhindern sollen. Beim sogenannten Pronukleustransfer wird das Ei künstlich befruchtet, danach überträgt man die Zellkerne von Ei und Spermium vor ihrer Vereinigung in die zuvor entkernte Eizelle einer Spenderin mit gesunden Mitochondrien. Beim Spindel-Chromosomenkomplex-Transfer (ST) werden die Erbanlagen der Eizelle in ein gesundes Spenderei transferiert. Dieses wird erst danach mit einem Spermium befruchtet.

Das Ergebnis wäre in beiden Fällen ein Embryo, der zwar die Chromosomen seiner Eltern besitzt, aber auch einiges an Erbinformationen der Eispenderin. Aus dem Zellplasma ihres Eis würden nämlich fast alle Mitochondriengenome des Kindes stammen. Möglicherweise schwerwiegender (in seinem Umfang derzeit kaum abschätzbar) wäre ein damit verbundener zweiter genetischer Beitrag der Eispenderin zum Kind: In jeder unbefruchteten Eizelle stecken neben den Mitochondrien und den mütterlichen Chromosomen auch die Direktiven für die erste Phase der Embryoentwicklung – Abschriften von Genen, die Entwicklungsvorgänge regeln. Diese Steuerbefehle im gespendeten Ei nehmen womöglich entscheidenden Einfluss auf die Ausprägung der Erbinformation des Nachwuchses. Erst wenn die befruchtete Eizelle die ersten Zellteilungen absolviert hat, nimmt das neu gebildete Erbgut des Embryos seine Arbeit auf und steuert die Entwicklung selbst.

In Tierversuchen, auch an Primaten, sind beide Verfahren bereits erfolgreich erprobt worden. Diese Woche verkünden US-Wissenschaftler im Fachblatt Nature erfolgreiche Tests mit mehr als hundert menschlichen Eizellen. Forscher um Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health & Science University in Beaverton (US-Bundesstaat Oregon) haben mit der ST-Technik frühe Embryos erzeugt und aus diesen embryonale Stammzellkulturen gewonnen.

Großbritannien könnte als erstes Land eine Keimbahntherapie erlauben

Nach dem Transfer der Chromosomen konnten die Forscher immerhin drei Viertel der Eizellen befruchten. Jede zweite Befruchtung führte zu einem normal erscheinenden Embryo. Schon 2009 hatten die US-Wissenschaftler das Behandlungsverfahren an Rhesus-Makaken durchgespielt. Damals wurden vier – bis heute gesunde – Affenkinder geboren. Inzwischen wähnen sich die Forscher "auf dem Weg zur Gentherapie in der Keimbahn bei erblichen mitochondrialen Krankheiten".

Auf dieser Route ist man in Großbritannien offenbar auch jenseits der Labors. Zwar sind Keimbahneingriffe beim Menschen ebenso verboten wie in Deutschland. Das Gesetz enthält aber eine Option, nach der das Parlament solche Behandlungen bei mitochondrialen Leiden künftig erlauben kann. Bereits im März vergangenen Jahres hatte die britische Regierung die zuständige Aufsichtsbehörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology Authority) mit der Erstellung eines Reports zur Behandlung durch Eitransfer beauftragt. Der Bericht wurde im April 2011 veröffentlicht. Die Techniken seien geeignet, den Betroffenen zu gesunden Kindern zu verhelfen, urteilten die Fachleute, mahnten aber weitere Forschungen an. Einen Teil davon haben die US-Wissenschaftler nun geliefert. Im Juni dieses Jahres gab auch der britische Nuffield Council on Bioethics grünes Licht: Mitochondrien trügen nichts zur Persönlichkeit eines Menschen bei, befanden die Ethiker. Nun hat die HFEA eine öffentliche Debatte über die Anwendung der Techniken beim Menschen eröffnet. In Umfragen waren zwei Drittel der befragten Briten dafür.

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