Studie eines Apostels für "Die Transfiguration" von Raffael © RAFA RIVAS/AFP/Getty Images

Einem labilen Seelenkünstler könnte dieses Buch helfen. Auch verbitterten Künstlern vielleicht Hoffnung schenken. Oder nehmen, je nach Lesart. Wie nun, sollte man in einem kunsthistorischen Sachbuch Ratgeberqualitäten entdecken können? Tatsächlich: Die Kunsthistorikerin Kia Vahland, die das Kunstressort im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung verantwortet und über Michelangelos Freund Sebastiano del Piombo promoviert hat sowie an den Universitäten München und Bochum unterrichtet, erzählt in ihrem Buch Michelangelo & Raffael die Geschichte zweier Künstler, die sich in ihrem Schaffen unendlich befruchteten – teilweise unbewusst, aber auch direkt, durch schonungslose Konkurrenz.

Namen wie Michelangelo und Raffael sind vielen nur Chiffren. Sie leben durch ihr Werk. Vahland gelingt jedoch in ihrem Buch eine Charakterskizze der beiden Renaissance-Maler, die sich von ausufernden Biografien distanziert und dennoch ein detailliertes Bild beider hinterlässt. So begegnet uns Michelangelo (1475 bis 1564) als melancholischer und selbstbestimmter Einzelgänger, der seine Werksentwürfe eifersüchtig behütet oder gar vernichtet, damit nichts außer dem fertigen Werk übrig bleibt. Raffael (1483 bis 1520) auf der anderen Seite, elegant und eloquent, gibt sich als hervorragender Netzwerker, lässt seine Ideen in Kupferstichen vervielfältigen und bringt sie in die Welt. Beide gelangen sie 1508 an den päpstlichen Hof.

Der Bildhauer Michelangelo erhält zunächst den Auftrag, das Grabmal für Papst Julius II. zu erbauen. Als dieser sich den Auftrag dann 1506 anders überlegt – ein Grabmal zu Lebzeiten schien nun doch keine gute Idee –, beauftragt er den Künstler zwei Jahre später mit der Bemalung der Decke der Sixtinischen Kapelle. Eine grauenvolle Aufgabe für den Bildhauer, der zuletzt zu Lehrzeiten freskierte.

Raffael (1483 - 1520), eigentlich Raffaello Sanzio, um 1510 © Hulton Archive/Getty Images

Raffael, der schon in Florenz Michelangelos Werk studierte, lässt sich ebenfalls nach Rom empfehlen und soll mit Künstlerkollegen die päpstlichen Gemächer, die sogenannten Stanzen, gestalten. Für Michelangelo ist der Jüngling eine Bedrohung. Er sieht sein Ziel, die alten Meister der Kunst abzulösen, gefährdet, vermutet gar Sabotage und Werkspionage, Letzteres wohl nicht ganz zu Unrecht.

Vahland gelingt eine sehr temporeiche Darstellung dieser besonderen Künstlerkonstellation im Vatikan. Michelangelo, der störrische Asket, klebt unter der Decke der Sixtina und malt eine Ode an den Menschen in kirchlicher Symbolik. Während Raffael, der galante Schönling, in unmittelbarer Nähe in den Stanzen Michelangelos Erfindungen in ihr Gegenteil verkehrt.

Michelangelo, eigentlich Michelangelo di Lodovico Buonarroti (1475 - 1564), um 1540 © Hulton Archive/Getty Images

Einen Kunst-Krimi, wie vom Verlag angekündigt, finden wir hier allerdings nicht, das ist aber nicht schlimm. Statt eines Krimis gibt es einen Konkurrenzkampf, einen Kampf um Perfektion und Ruhm.

Wo nun die Ratgeberqualitäten liegen? Kia Vahland zeigt zwei unterschiedliche Künstlertypen, die es vielleicht erst durch ihren Wettkampf zu Außerordentlichem brachten. Weltruhm haben sie heute, 500 Jahre später, beide.